Darmstadts Verkehrsaktivisten fordern Tempo 30

Von Thomas Wolff
Lokalredakteur Darmstadt

DARMSTADT - Wie kommen die Darmstädter miteinander besser klar im Stadtverkehr? Nach dem Unfalltod einer 53 Jahre alten Frau auf dem Cityring ist eine heftige Debatte darüber in Gang gekommen. Das ECHO hat engagierte Menschen zu einer Gesprächsrunde eingeladen, die per Auto, Rad und zu Fuß unterwegs sind. Ihr Tenor: In der Stadt ist genug Platz für alle da - er muss nur besser verteilt werden. Wie - dazu haben sie so einige Ideen, von sicher abgetrennten Radwegen bis zu Quartiersgaragen, die den Pendlern wie den Anwohnern nützen.

ZU DEN PERSONEN

Timm Kress liefert mit seiner Initiative "Darmstadt fährt Rad" seit mehreren Jahren Impulse für alternative Verkehrsplanungen.

Sylke Petry ist als Aktivistin mit dem bundesweiten Verein "Fuss e.V." unterwegs.

Jürgen Follmann, gelernter Ingenieur, lehrt an der Hochschule Darmstadt unter anderem Verkehrsplanung und Verkehrssicherheit. (two)

Herr Follmann, Sie fahren als Pendler jeden Tag mit dem Auto aus dem Rodgau nach Darmstadt - wie lief die Fahrt heute?

Jürgen Follmann: Den Stadtverkehr finde ich an den meisten Tagen nicht tragisch. Ich fahre eine halbe, dreiviertel Stunde bis zu meinem Arbeitsplatz am Haardtring.

Die Stadt ist derzeit doch dicht durch die vielen Baustellen an den Einfallstraßen.

Follmann: Ich habe den Vorteil, dass ich meine Arbeitszeiten freier gestalten kann als viele andere. Meinen ersten Termin lege ich mir nie vor zehn Uhr, dafür bin ich bis halb acht bei der Arbeit. So umgehe ich die Stoßzeiten. Das wäre eine Überlegung, die vielleicht mehr Leute anstellen könnten: Müssen wir alle zur gleichen Zeit in die Innenstadt? Wenn ich meine Zeit nur ein wenig verändere, entspannt es die Situation auf den Straßen total.

Frau Petry, wie sind Sie zu unserem Gespräch ins Verlegerviertel gekommen?

Sylke Petry: Natürlich zu Fuß, auf kleinen Wegen quer durchs Viertel. Ich wohne um die Ecke. 20 Minuten hab ich gebraucht. Als sich bei uns in der Familie noch mehr Kinder angekündigt hatten, haben wir uns bewusst dafür entschieden, nicht raus aufs Land zu ziehen, sondern in der Stadt zu bleiben. Mit der Konsequenz, das Auto abschaffen zu können.

Timm Kress: Ich bin mit dem Fahrrad gekommen. Ich arbeite in Kranichstein, von da aus gibt es einen Super-Highway entlang der Bahngleise, dann durch den Bürgerpark und quer durchs Martinsviertel, da muss man dann ein bisschen suchen nach einem brauchbaren Radweg. Bei mir waren es auch nur gut 20 Minuten bis zum ECHO.

Mit dem E-Bike?

Kress: Nein, ganz normales Tourenrad.

Herr Follmann, Sie sind als Student auch schon immer mit dem Auto bis zur Hochschule in der Stadtmitte gefahren. Was war damals anders?

Follmann: Mit dem R4 bin ich praktisch bis auf den Campus gefahren. Wir waren die Generation, die das Martinsviertel zugeparkt hat (schmunzelt). Wir sind mit Führerschein und Auto groß geworden, das eigene Auto hat dazugehört. Wir haben unsere Autos irgendwo im Viertel abgestellt und auch auf Parkflächen einfach offengelassen. Wenn man irgendwo im Weg stand, konnten andere das Fahrzeug wegschieben.

Die Stadt als großer Parkplatz.

Follmann: Ja, die Stadtplanung war entsprechend, und das sieht man in Darmstadt heute noch an vielen Stellen.

Was nervt Sie heute am meisten im Darmstädter Stadtverkehr?

Petry: Der verordnete Gänsemarsch durchs Quartier, zu dem man als Fußgänger durch die zugeparkten Wege gezwungen ist.

Kress: Die Aneinanderreihung von Hindernissen. Parkende Autos auf dem Fahrradstreifen, kreuzende Autos an den Einmündungen; Flächen, die mit Nutzungen überlagert sind. Beispiel Rüdesheimer Straße: Da kann man parken, Fahrrad fahren und zu Fuß gehen, und die Autofahrer dürfen 50 fahren. Damit schürt man gefährliche Konflikte.

Follmann: Mich nervt das schnelle Überholen an der Ampel, wenn's dahinter auf eine Spur geht, wie auf der Heinrichstraße. Das ist ganz typisch für Darmstadt. Da kommt der Stress rein, wenn Autofahrer versuchen, sich noch eben mal vorzudrängeln, bevor es von zwei Spuren auf eine geht. Das bringt gar nichts, außer gefährliche Situationen für alle.

Kress: Diese Kurzstreckenrennen haben wir an einigen Stellen in der Stadt. Das hat auch bauliche Gründe. Die Autofahrer werden dazu ermutigt, eben noch mal die Spuren zu wechseln und dann mit Vollgas auf der rechten Spur noch über die nächste Ampel zu kommen. Bestes Beispiel ist der Cityring. Wenn die Autos da aus dem Tunnel auf der Hügelstraße kommen, geben sie noch mal richtig Gas und kreuzen die Spuren, um an der nächsten Ampel vorn zu sein.

Petry: Tempo 30 auf dem Cityring könnte den Stress da rausnehmen. Dann wäre dieser schlimme Unfall auch nicht passiert. Die Bremswege werden viel kürzer. Das wäre für mich die Lösung.

Kress: Nein, ich glaube, reines Tempo 30 wird hier nicht funktionieren. Da haben wir zu viele Wahrnehmungsereignisse, wenn wir diese Straße überqueren wollen. Da kommt mir die Straßenbahn in die Quere, da kommt der Bus, Autos auf zwei Spuren. Das Tempo muss zudem durch bauliche Maßnahmen herausgenommen werden. Zum Beispiel eine Verringerung auf eine Spur, Pflasterwechsel oder Bremsplateaus.

Follmann: Wenn man eine stationäre Geschwindigkeitsüberwachung aufstellt, dann fährt da keiner mehr schneller als 30 km/h. An Querungsstellen wie im Cityring muss man aber generell auch die Straßenräume ändern. Diese sind bislang dafür gebaut, dass Autofahrer schnell durch die Stadt fahren können. Und der Fußverkehr soll dann durch die Unterführung. Nur: Diese meiden viele sehr lieber.

Kress: Das sehe ich genau so. Niemand möchte gern durch eine Unterführung laufen. Wir müssen anfangen, unsere Wege wieder mehr für den Menschen zu gestalten.

Ein Leser hatte nach dem Unfall auf dem Cityring vorgeschlagen: Macht eine dicke Sperrkette davor. Wer dann noch drübersteigt und überfahren wird, ist selbst schuld.

Follmann: Das hat man in den Siebzigern gemacht, aber heute wissen wir: Das bringt nichts. Die Leute laufen drumherum, kurz davor beziehungsweise dahinter oder klettern drüber. Das bietet nur eine trügerische Sicherheit. Was die Menschen mit den Füßen abstimmen, können wir nicht mit Barrieren verhindern. Die Stadtplaner müssen stärker das nachzeichnen, was die Bürgerinnen und Bürger im Alltag vorgeben.

Gelingt das Miteinander nicht besser, je weniger getrennte Spuren wir haben? In der Mixed Zone müssen alle aufeinander achten. Auf der breiten Frankfurter Straße auf Höhe Merck funktioniert das vorbildlich.

Kress: Das kommt aber auf die Verkehrsstärken an. Bis auf die Spitzenzeiten der Berufspendler haben wir bei Merck einen geringen Kraftverkehr. Der Cityring ist dagegen eine der am stärksten befahrenen Strecken in Darmstadt.

Wie kriegen wir dann ein besseres Miteinander hin? Es kann doch nicht nur immer um bauliche Veränderungen gehen.

Follmann: Doch, das Miteinander bekommen wir nur mit baulichen Veränderungen hin. Beispielsweise um die wilden Parker von den Fuß- und Radwegen fern zu halten. Auch wenn wir dafür noch mehr hässliche Poller aufstellen müssen. Nur so kriegen wir die Räume in der Stadt so frei, dass alle sie nutzen können.

Dann heulen die Bewohner der Quartiere auf: Wo sollen wir denn parken?

Follmann: In der Quartiersgarage oder auf dem Quartiersparkplatz. Die Frage ist doch: Warum müssen Studierende und Angestellte tagsüber die Gehwege zuparken, wenn gleichzeitig nebenan viele Betriebsparkplätze vermutlich wegen der Miete halb leer stehen? Und warum können die Anwohner abends, wenn sie nach Hause kommen, nicht auch ein leerstehendes Firmengelände oder Parkhäuser nutzen? Das wäre auch eine neue Form des Miteinanders. Dazu bräuchte es eine konsequente Parkraum-Bewirtschaftung mit gestaffelten Gebühren unter Einbeziehung aller Flächen. Nur alleine der Straßenraum wird uns nicht weiter bringen.

Welchen Wunsch haben Sie an die anderen Verkehrsteilnehmer, mit denen Sie in Darmstadt unterwegs sind?

Follmann: Dass sich jeder überlegt: Welches Verkehrsmittel ist für meinen nächsten Weg das richtige? Beispielsweise fahre ich zu Terminen in der Stadt Darmstadt von der Hochschule aus mit Bus, Straßenbahn oder Fahrrad.

Kress: Mehr Gelassenheit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern.

Petry: Einfach mal ausprobieren, mehr Wege zu Fuß zu machen. Angefangen mit dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Und dann immer weitergehen.

Das Gespräch führte
Thomas Wolff

Nehmen Sie sich eine Minute für unsere kleine Umfrage zum Thema! Dankeschön!

Diese Webseite verwendet Cookies, um Dienste bereitzustellen, Anzeigen zu personalisieren und Zugriffe zu analysieren. Informationen darüber, wie Sie diese Webseite verwenden, werden an Google weitergegeben. Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.
Zustimmen