Öffnungsangst: Wenn die Zeit nach Corona Sorgen bereitet

Von Christopher Hechler
Volontär

Psychologin Viola Hill arbeitet seit 2010 in eigener Praxis in Bensheim. Im Interview spricht sie über die Angst vor der Normalität nach Corona. (Foto: Thorsten Gutschalk)

KREIS BERGSTRASSE - Während die Inzidenzen sinken, bringen schrittweise Lockerungen das Vor-Corona-Leben langsam zurück. Psychologin Viola Hill erklärt, was man machen kann, wenn der Schritt zurück zur Normalität mit Ängsten verbunden ist.

Frau Hill, ist es verständlich, Angst vor den Öffnungsschritten zu haben, oder muss man sich über die Lockerungen freuen?

Jemand, der extrovertiert ist, wird sich eher freuen und ins Getümmel stürzen, andere werden zögerlich und zurückhaltend sein. Da wird jeder sein Tempo haben, und das darf auch so sein. Da gibt es kein richtig oder falsch.

Wieso können Menschen jetzt Angst vor etwas haben, das früher normal war?

Das liegt in der Persönlichkeit und den Lernerfahrungen begründet. Wenn man sowieso vorsichtiger ist, ist man darin vielleicht nun bestärkt worden. Das hängt auch davon ab, welche Erfahrungen wir in der Krise und davor gemacht haben. Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass das soziale Miteinander verlernt wurde. Dafür war die Krise zu kurz.

Zur Person

Viola Hill hat an der Universität des Saarlandes Psychologie studiert und im Anschluss eine Ausbildung zur systemischen Beraterin und Therapeutin, sowie eine Weiterbildung zur Paartherapeutin absolviert. Sie ist 46 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Seit 2010 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis in Bensheim.

Zu kurz?

Genetisch gesehen sind wir auf dem Stand von vor 2000 Jahren. Das ist zwar lange her, aber Zeit ist relativ – und um genetisch umprogrammiert zu werden, dauert es länger. Es ist ein menschliches Bedürfnis, im sozialen Miteinander zu sein. Das heißt, dass auch Menschen, die eher zurückhaltend sind, ihre Freunde vermisst haben werden. Unser ganzes Ich baut auf Beziehungen auf und deswegen wird es vermutlich eher einen Schritt aufeinander zu als voneinander weg geben. Aber eben jeder in seinem Tempo.


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Was macht das mit Paaren, wenn einer zurück in das Leben von früher möchte, der andere damit aber noch Probleme hat, die es vor der Pandemie nicht gab?

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Es gibt eine neue Normalität und die ist morgen schon wieder anders als heute. Deshalb ist es schwierig, mit der Vergangenheit zu argumentieren, auch wenn Paare das tun. Am Ende ist es vom Paar abhängig, ob es in der Lage ist, einen Kompromiss zu finden.

Was tun, wenn das Hobby im Sportverein plötzlich überfordert?

Es ist wichtig, den Unterschied wahrzunehmen und zu merken, wie es früher war und heute ist. Dann kann man sich fragen: Ist das überhaupt schlimm, dass es jetzt anders ist? Dann geht es um Akzeptanz und darum, Dinge langsam anzugehen. Auch kann man überlegen, was einem leichter fällt, beispielsweise ein Treffen mit Freunden zu dritt. Schwierig wird es, wenn jemand unbedingt möchte, aber nicht kann. Dann sollte man den Druck nicht selbst erhöhen und denken, das müsse jetzt aber klappen. Vielleicht braucht es noch ein halbes Jahr, in dem man schauen kann, wie man in der Zwischenzeit wieder Vertrauen in soziale Gruppen aufbaut.

Wer zurück ins Großraumbüro muss, kann sich kein halbes Jahr dafür Zeit nehmen.

Da braucht es viel Kreativität und gute Gespräche, vielleicht auch mit den Vorgesetzten. Ein erster Schritt, wenn die Arbeit im Büro überfordernd wirkt, könnten Kopfhörer sein oder vielleicht ein Einzelbüro auf Zeit. Wichtig ist, sich selbst ernst zu nehmen. Wenn die Arbeit unmöglich wird, ist professionelle Hilfe eine Option.

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Die aber schwer zu kriegen ist.

Das stimmt. Es gibt aber auch wunderbare Apps, die zwar natürlich keinen Psychotherapeuten ersetzen, aber eine gute Möglichkeit sind, um sich ein bisschen selbst zu reflektieren.

Junge Menschen leiden heute ohnehin stark an Einsamkeit, haben soziale Kontakte während der Pandemie vielleicht durch Online-Persönlichkeiten ersetzt. Macht es das schwerer, zurück in die Normalität zu kommen?

Grundsätzlich ist es eine gute Sache, dass jemand eine Ausweichbewegung gefunden hat, anstatt gar keine Kontakte zu haben – auch wenn das keine echten sozialen Kontakte sind. Wer das insgesamt für sich positiv bewertet, wird etwas mehr daran festhalten. Wer aber sagt, dass das für ihn keine Treffen mit Freunden ersetzt, wird daran nicht festhalten. Es ist eine Frage von Bewertung, Einstellung und Haltung.

Haben beispielsweise Studenten, die ihre ersten drei Semester zuhause verbracht haben, nun vielleicht größere Probleme, den Anschluss vor Ort zu finden?

Vielleicht wird sich das so anfühlen, als würde man noch einmal ins erste Semester kommen. Von den Studenten, die ich begleite, weiß ich, dass sie den ein oder anderen Professor und Kommilitonen am Bildschirm gesehen haben und deshalb schon etwas vertraut mit Gesichtern und Stimmen sind. Ich würde das sogar als Chance bewerten: Weil man schon etwas Universitätsluft geschnuppert hat, fällt der Einstieg in Präsenz vielleicht sogar leichter.

Trotz möglicher Öffnungsängste – wie am besten rausgehen aus der Pandemie?

Man sollte für sich schauen, was es Gutes in der Krise gab. Mancher wird gemerkt haben, wie wichtig Freunde sind, ein anderer, wie wichtig die Zeit mit sich alleine. Grundsätzlich wird der Faktor Zeit eine große Rolle spielen. Menschen passen sich gut an ihre Lebensumstände an. So werden wahrscheinlich alle früher oder später mehr zur alten und neuen Realität zurückzukehren.