Wie wird Wiesbaden zum neuen Jugendstil-Zentrum?

Von Birgitta Lamparth
Redakteurin Kultur und Stadtredaktion Wiesbaden

Aus der Sammlung Neess, ab Mitte 2019 im Museum zu sehen: Emile Gallés „Die Lilien“, Hector Guimards Vitrine (1907), Oskar Zwintschers „Bildnis mit gelben Narzissen“ (1907) (Fotos: Sammlung Neess)

WIESBADEN - So dumm kann’s laufen: Da will ein Sammler seine exquisite Jugendstil-Kollektion im Wert von 42 Millionen Euro stiften. Und dann reicht eine einzige Stimme im Stadtparlament, um den dafür bereits geplanten Erweiterungsbau des Museums nicht zu genehmigen. Des einen Leid, des andern Freud: Als Ferdinand Wolfgang Neess mit seiner großzügigen Geste an seine Geburtsstadt Neuss scheiterte, ging er mit dem Angebot auf das Museum in seiner Wahlheimat zu – das Landesmuseum Wiesbaden.

„Für uns ist das eine Verquickung glücklicher Fügungen“, sagt Peter Forster. Erstmals in der Geschichte des Hauses komme das Museum nun in den Genuss, „dass ein Stifter uns ohne Wenn und Aber den größten Teil seiner Sammlung schenkt“. Und dass, obwohl auch ihm als Kustos für Alte Meister am Wiesbadener Museum „völlig unbekannt war, dass die wichtigste europäische Privatsammlung an Symbolismus und Jugendstil hier bei uns in Wiesbaden ist“. Als er dann erstmals in der Jugendstil-Villa des ehemaligen Kunsthändlers Neess in der Nähe des Kurparks das Gesamtkunstwerk an Mobiliar, Bildern, Lampen und Kunstgegenständen sah „war ich hin und weg“.

Vom 29. Juni 2019 an, einen Tag nach dem 90. Geburtstag des Stifters, wird mit 570 Exponaten der größte Teil dieser Sammlung im Obergeschoss des Museums präsentiert. Welche Vorstellung er von ihrer Inszenierung hat, darüber sprach Forster erstmals vor einem größeren Publikum im Vortragssaal des Museums. Und spätestens hier wurde deutlich, wie viel Liebe und Kennerschaft der Sammler in seine Kollektion investiert hat.

Dabei hat das ganz harmlos begonnen: mit dem Kauf eines Jugendstil-Leuchters für damals 70 Mark. Als seine Frau ihm dann aber das Standardwerk von Robert Schnitzer gekauft habe („Art Nouveau – Jugendstil“), habe es kein Halten mehr gegeben. Neess habe, so Forster, „den Jugendstil verstanden“: Diese Revolution und Reformbewegung, die eine Einheit von Kunst und Leben vollzogen hat. Bei der Pariser und der Turiner Weltausstellung 1900 und 1902 begeisterte diese Kunst mit ganzen Gebäuden und Interieurs und ihren besonderen Kennzeichen: mit der Natur entlehnter Ornamentik und dem Schwung der Linie, mit Einflüssen des Rokoko und der japanischen Kunst. Abgesehen davon seien die Exponate handwerklich fantastisch gemacht, so Forster: „Mit dem Jugendstil kamen viele technische Neuerungen, beispielsweise beim Porzellanbrennen.“

Die Sammlung Neess habe Stücke, die auf beiden Weltausstellungen waren. Jeder große Name des Jugendstils sei mehrfach vertreten, so Forster – von Emile Gallé über Louis Majorelle bis zu Franz von Stuck. Auch August Endell, der mit den Hackeschen Höfen in Berlin bekannt wurde, und Hector Guimard finden sich in der Sammlung. Von Guimard stammen die Metro-Stationen in Paris.

Das alles soll ganzheitlich präsentiert werden – auf rund 800 Quadratmetern im Südflügel, mit begehbaren Einbauten und Rauminszenierungen, zu denen Forster bei seinem Vortrag Entwürfe präsentierte. Jugendstil-Gesamtkunstwerke mit Überwältigungsgarantie: „Wenn Sie reingehen, soll es Sie umhauen.“

Das hat seinen Preis. Rund 500 000 Euro soll die geplante Einrichtung kosten. Noch sind diese Kosten nicht sichergestellt. „Ich hoffe, dass wir das mit Unterstützung des Landes Hessen schaffen werden“, so Forster. Schließlich ist Wiesbaden nicht Neuss.