Vor einem Berg ungelöster Probleme steht die Genossenschaft Bioenergiedorf Rai-Breitenbach: Nachdem die Querelen zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und Mitgliedern seit Monaten andauern, ist der stellvertretende Vorstandsvorsitzende und für die Kraftwerk-Technik zuständige Jörg Kickstein zum Jahreswechsel von diesem Posten zurückgetreten. Zudem hat der gesamte Vorstand um den Vorsitzenden Horst Stapp bei einer nichtöffentlichen Veranstaltung angekündigt, dass er in der demnächst anstehenden Generalversammlung komplett den Weg für Neuwahlen freimachen werde.
Wie Landrat Dietrich Kübler, ebenfalls Vorstandsmitglied der eG, gegenüber dem ECHO ergänzte, soll dieser Schritt einen Neubeginn in der zerstrittenen Genossenschaft erleichtern. Gleichwohl könne es sein, dass er oder andere Vorstandsmitglieder sich erneut der Wahl stellen werden.
Das Projekt in Zahlen
An das Nahwärmenetz angeschlossen sind 150 Häuser und somit etwa 75 Prozent der Haushalte in dem 900-Seelen-Dorf. Die 3,2 Millionen Euro teure Unternehmung wird mit öffentlichen Mitteln gefördert: mit 430.000 Euro Zuschuss von Land und Kreis sowie einem KfW-Darlehen.
Gleichzeitig gerät das genossenschaftlich organisierte, aber betriebswirtschaftlich orientierte Unternehmen zur Nahwärmeversorgung des kleinen Breuberger Stadtteiles in finanzielle Bedrängnis: Dem Vernehmen nach liegt der Bioenergiedorf eG eine gerichtliche Zahlungsaufforderung des Holzvergaser-Herstellers über 177.000 Euro vor. Nahe dieser Kraftwerk-Komponente war im Oktober ein Feuer ausgebrochen. Seither wird das Wärmenetz über ein mobiles Kraftwerk versorgt, das mit Heizöl betrieben wird.
Weil der Holzvergaser noch nicht vollständig bezahlt ist, macht der Lieferant seine Forderungen geltend. Zudem hat die Brandversicherung ihre Zahlungen zurückgestellt, nachdem die Staatsanwaltschaft Darmstadt in die Ermittlungen um den Brand eingeschaltet wurde. Zwar wird weiterhin ein technischer Defekt als Ursache angenommen, doch könnte der möglicherweise auch durch Fahrlässigkeit entstanden sein. Laut Frank Matiaske, Aufsichtsrats-Vorsitzender der Bioenergiedorf eG und Bürgermeister der Stadt Breuberg, gab es inzwischen Gespräche zwischen Versicherung und eG. Demnach will der Versicherer nun zügig prüfen, ob zumindest eine Teilzahlung unter Vorbehalt möglich ist.
Schien das betriebswirtschaftliche Überleben des Pilotprojektes Bioenergiedorf Rai-Breitenbach bislang nicht unbedingt in Frage gestellt, sorgen sich viele Genossen nun auf jeden Fall um den Fortbestand ihrer Wärmeversorgung: ,,Wie soll die Forderung des Holzvergaser-Herstellers finanziert werden? Ist die Genossenschaft derzeit zahlungsfähig?" Mit diesen und weiteren Fragen haben sich besorgte Mitglieder an den Aufsichtsrat gewandt.
Klarheit über die Finanzlage und technische Probleme soll die nächste Generalversammlung bringen, die möglichst Ende Januar, Anfang Februar stattfinden soll. ,,Ohne einen Wirtschaftsplan für 2010 werden wir aber nicht in diese Sitzung gehen", erinnert Matiaske an eine Forderung von Aufsichtsrat, Landrat Kübler und eine Reihe kritischer Genossen. Sie alle wollen sich nicht zufrieden geben mit der Aussage des geschäftsführenden Vorstandsvorsitzenden Stapp, in den laufenden Geschäften geben es keine finanziellen Engpässe. Stapp, der diesen Posten im Ehrenamt ausführt, soll auf Forderungen nach Wirtschaftsplänen und einer regelmäßigen Finanzplanung mehrfach geantwortet haben, dies sei im Ehrenamt nicht leistbar.
Vor diesem Hintergrund will Landrat Kübler der Genossenschaft anbieten, dass der Odenwaldkreis Personal zur Unterstützung von Geschäftsführung und Betriebsleitung zur Verfügung stellt. Ohnehin soll der Landkreis - mit zwei angeschlossenen Schulen größter Anteilseigner der eG - in Vorstand und Aufsichtsrat mehr Verantwortung als bisher übernehmen. Dies hat auch das RP Darmstadt als übergeordnete Dienststelle gefordert. Aufsichtsratschef Matiaske sieht ebenso wie Kübler die Zeit gekommen, ,,in der wir erkannt haben, dass wir für dieses Unternehmen eine eventuell befristete hauptamtliche Unterstützung brauchen".
Ein Großteil besorgter Genossen hat sich, wie berichtet, im Mai 2009 in einer Interessengemeinschaft Bioenergieversorgung Rai-Breitenbach zusammengefunden. Dies, weil man sich vom geschäftsführenden Vorstand nur unzureichend und teilweise falsch informiert gefühlt hatte. Der Unmut in der eG hat schließlich dazu geführt, dass Vorstand und Aufsichtsrat in den beiden vergangenen Generalversammlungen nicht für das Geschäftsjahr 2008 entlastet wurden.
Angesichts der aktuellen Erschwernisse fasst Wilfried Walter als einer der IG-Sprecher die Forderungen dieser Gruppe wie folgt zusammen: ,,Neben der Sicherstellung einer zuverlässigen Wärmeversorgung muss die Finanzlage wahrheitsgemäß offengelegt werden. Ebenso ist ungeklärt, wie es mit dem Holzvergaser weitergehen soll. Bei der Regelungstechnik im Kraftwerk fehlen wichtige Komponenten. Ferner ist der Holzvergaser nicht richtig ins System integriert." Mit den Rücktritten im Vorstand habe sich ein weiteres Anliegen der IG wohl erledigt, so Walter. Doch seien Aufsichtsrat, Restvorstand, Genossen und IG nun gefordert, umgehend geeignete Personen für die Geschäftsführung zu finden. ,,Bei den finanziell, rechtlich, betriebswirtschaftlich und technisch teilweise kniffligen Fragen sollten das Fachleute sein." Nach Auskunft der IG gibt es bereits Hausbesitzer, die an einen Ausstieg aus der Genossenschaft denken. Dazu trägt wohl auch die Tatsache bei, dass die Wärmeversorgung für mehrere Einwohner mit dem Einstieg in das Nahwärme-Projekt teurer geworden ist als kalkuliert worden war. ,,Hier wird der neue Vorstand gefordert sein, für eine Verbesserung gegenzusteuern."
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