Auf ihre allererste Indien-Reise hatten sich Lydia (11) und ihre Mutter Sabine Heidemann schon Monate vorher vorbereitet. Besonders neugierig war die Elfjährige auf zwei Patenkinder ihrer Mutter, die sie nun persönlich kennenlernen sollte: die achtjährige Yankee Nati Tsering und den siebzehnjährigen Viriya Bodh. Diese beiden, weit voneinander entfernt wohnenden jungen Inder kannte sie nur von Fotos. Doch jetzt würde sie hautnah miterleben, wie sie leben, lernen und ihre Freizeit verbringen.
Ende Dezember startete die kleine Reisegruppe von Frankfurt nach Delhi und flog von dort aus nach Diyun im Bundesstaat Arunaschal Pradesh an der Grenze von China und Myanmar - 14,5 Flugstunden von Darmstadt entfernt. Die Gruppe bestand aus Sabine Heidemann, ihrer Tochter Lydia, Elke Hesse und Peter Liebe. Sie wollten sich davon überzeugen, dass die monatlich gespendeten 30 Euro pro Patenkind gut angelegt sind.
Kontakte
Über die Deutsch-Buddhistische Humanitäre Vereinigung Darmstadt informiert Gustav Büttner, Telefonnummer 06151/317568. Internet : www.dbhv.de. Über Patenkinder in Indien weiß Elke Hesse, Tel. 06151/1590256, Bescheid. An den Projektorten sind Praktikanten willkommen, die sich mit den Kindern beschäftigen wollen. Für ein neues Projekt in Diyun werden noch Paten gesucht: Es ist ein indisches Altenheim.
Sabine Heidemann ist Buddhistin und nimmt regelmäßig an Meditationen teil. Im Verein Deutsch-Buddhistische Humanitäre Vereinigung (Sitz: Darmstadt) lernte sie Gleichgesinnte kennen und freundete sich mit Elke Hesse an, die für rund 200 Patenschaften zuständig ist. Der Verein hat in Darmstadt und Umgebung 52 Mitglieder, und mindestens jedes zweite fördert ein Kind bis vier Kinder in Indien. Weitere Sponsoren wurden in anderen Teilen des Bundesgebiets und in der Schweiz gefunden. Sabine Heidemann entschied sich für Yankee und Viriya, weil sie vom Alter her zu ihren Kindern passen. Sie wünscht sich, dass sie in Kontakt miteinander bleiben.
Mit Indien verbindet Sabine Heidemann Buntheit und Gewimmel: ,,Da passiert unheimlich viel auf kleinstem Raum". Seit ihrer dreieinhalbwöchigen Reise weiß sie, dass Vater, Mutter, Kind und ein ausgewachsenes Schwein auf ein Motorrad passen. Oder dass ein Friseur sein Metier auf einer Verkehrsinsel ausüben kann, die kaum größer als ein Tisch ist. Abends schläft er, umtost vom Verkehr, neben seinem Eimer Wasser und seinem Dippchen Seifenschaum auf einer Fläche, auf der er sich nicht mal ausstrecken kann. Indien - das ist für sie das Wechselbad zwischen supersauber und superdreckig, würdevoller Armut und den Hochglanzfassaden von Schmuckgeschäften. Staunend beobachtete sie einen Sadhu (frommer Hindu), der in einem Baum lebt und von Nachbarn verköstigt wird.
Aber schließlich ging es ihr und ihren Begleitern ja vor allem um die Schulprojekte in Diyun im Nordosten Indiens und in Mysore, das 140 Kilometer von Bangalore entfernt ist. In der 20 000-Einwohner-Stadt Diyun fiel die elfjährige Lydia wegen ihrer blonden Haare und weißen Haut überall auf, doch sie konnte gut damit umgehen. Schnell freundete sie sich mit der kleinen Yankee an, die seit einem Jahr Waise ist. Die Achtjährige lernt in einer von der buddhistischen Mahabodhi-Maltri-Mandala-Stiftung finanzierten Schule Englisch und Hindi. Sie gehört zu einem von vielen kleinen Stämmen des unterentwickelten Gebiets, die nur ihren eigenen Dialekt kennen und sich mit anderen gar nicht verständigen können.
Dort sind 50 Prozent der Einheimischen Analphabeten. Zwar gibt es auch staatliche Schulen, und die Darmstädter Gruppe hatte Gelegenheit, eine zu besichtigen, aber Sabine Heidemann kräuselt die Stirn, wenn sie nur daran denkt. Achtzig bis hundert Kinder in einer Klasse und kein Unterrichtsmaterial - viel kann dabei nicht herauskommen.
Da hat es Patentochter Yankee in ihrer Mädchenschule, die noch ausgebaut und erweitert werden soll, sehr viel besser. Kurios: Auf dem Schulgelände werden Kühe gehalten, damit die Kinder immer mit frischer Milch versorgt werden können.
Patensohn Viriya Bodh besucht zwar noch eine Internats-Jungenschule, lebt aber in einer selbst organisierten Wohngemeinschaft. Der Siebzehnjährige hat klare Vorstellungen von seiner Zukunft. Er will nicht Reiseleiter werden, wie die meisten Klassenkameraden, sondern Betriebswirtschaft studieren und sein Geld später mit der Vermarktung lokaler Produkte verdienen.
Die Darmstädter Gruppe kehrte mit dem Eindruck zurück, dass beide Bildungsprojekte sinnvoll und gut organisiert sind. Da in jedem Jahr wechselnde Paten die Einrichtungen in Augenschein nehmen, gibt es stets eine indirekte Kontrolle. In vierzehn Tagen - der genaue Termin steht noch nicht fest - wollen die Indien-Besucher einen Vortrag über ihre Eindrücke und Erlebnisse halten.
Was aber hat ein Patenkinderprojekt mit Buddhismus zu tun? Sabine Heidemann erklärt es mit den Worten: ,,Wenn man großzügig ist, reift die Persönlichkeit." Sie hätte auch einen Satz aus der Metta-Meditation wählen können: ,,Liebende Güte erzeugt inneren Frieden."
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