Am Anfang steht das ,,Reichsgutachten über Handwerksmissbräuche" aus dem Jahr 1731 und am Ende eine aktuelle Aktie der Propeller AG, einer Übungsfirma der Adam Opel AG, die von Auszubildenden geleitet wird. Zwischen diesem ersten und letzten Exponat wird derzeit im Foyer der Industrie- und Handelskammer
(IHK) Ausbildungsgeschichte erzählt: Noch bis zum 13. Februar zeigt dort die Ausstellung ,,Vom Lehrling zum Azubi" des Hessischen Wirtschaftsarchivs, wie sich die Berufsausbildung seit dem 19. Jahrhundert verändert hat.
Wo und Wann?
Die Ausstellung „Vom Lehrling zum Azubi“ ist noch bis 13. Februar im Foyer der Industrie- und Handelskammer in der Rheinstraße 89 zu sehen. Geöffnet ist montags bis freitags von 8 bis 21 Uhr, samstags bis 13 Uhr. Einen Katalog zur Ausstellung gibt es bei der IHK, beim Hessischen Wirtschaftsarchiv und im Buchhandel.
Zwischen den aufgestellten Schautafeln mit Karten, Stichen, Urkunden, Dokumenten und Fotos standen am Dienstagabend während der Vernissage drei Frauen, die im Angesicht der historischen Schau einen vergleichenden Blick auf ihre eigene Lehrzeit warfen. Anne Ullrich (52) hat ihre Ausbildung zur Kauffrau 1974 abgeschlossen und arbeitet mittlerweile in der IHK-Finanzabteilung, Anna Maria Wembacher (20) und Lisa Idioma (19) befinden sich gerade im dritten Lehrjahr.
,,So viel hat sich gar nicht geändert", befand Ullrich. Es gebe neue technische Möglichkeiten, aber Form und Abläufe der kaufmännischen Ausbildung seien nicht viel anders im Vergleich zu früher. Der Nachwuchs nickte zustimmend. ,,Es gibt jetzt Blockunterricht", fiel Anna Maria ein. Und früher sei mehr auf Maschinenschreiben, auf Anschläge und die Beherrschung des Zehnfingersystems geachtet worden.
,,Maschinenschreiben und Steno war sogar ein Extra-Fach", warf Anne Ullrich ein. Der Nachwuchs nahm es interessiert zur Kenntnis. ,,Steno", kommentierte Lisa, ,,das gibt's heute gar nicht mehr." Auch das Zehnfingersystem sei nicht mehr obligatorisch. Man komme mit zwei Fingern durch die Ausbildung, versicherte Anna Maria. ,,Wenn man schnell genug ist", setzte Lisa nach.
IHK-Hauptgeschäftsführer Uwe Vetterlein nutzte die Vernissage für einige aktuelle Betrachtungen und den Appell, dass jenseits der quantitativen Lehrstellenversorgung stärker über Inhalte gesprochen werden müsse. ,,Was wir jetzt brauchen, ist eine qualitative Debatte." Das duale Ausbildungssystem in Betrieb und Schule sei zwar nach wie vor ein überlegenes, doch fordere der internationale Wettbewerb noch besser ausgebildete Mitarbeiter. ,,Wir brauchen mehr und frühere Förderung."
Die IHK sei in diesem Prozess stärker zum aktiven Mobilisierer geworden - auch vor dem Hintergrund, dass mehr junge Menschen als früher nicht mehr die nötige Ausbildungsreife mitbringen. Hierzu gab Ulrich Eisenbart, der als Leiter des Wirtschaftsarchivs durch die Ausstellung führte, zu bedenken: ,,Es heißt immer ,,dumme Jugend', aber ich behaupte, die Ansprüche sind größer geworden. Früher gab es viel mehr Tätigkeiten für ungelernte Arbeiter."
Die Erkenntnis, dass manches heute beklagte Problem auch schon früher bestand, konnte indes Stadtarchivar Reiner Engels mit einer Anekdote am Rande unterstreichen: Ende des 18. Jahrhunderts habe man bei einer Prüfung der örtlichen Zimmermeister festgestellt, dass sie allesamt die Grundrechenarten nicht beherrschten. Hierzu sei angemerkt, dass diese Berufsgruppe damals für die Bauaufsicht zuständig war. Und weil eine historische Betrachtung ja im optimalen Fall zur Beschäftigung mit der Gegenwart anregt, sei hier die Frage gestattet: Was käme wohl bei einer solchen Prüfung der Bauaufsicht heute raus?
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