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01. Dezember 2009  | von marius blume

,,Es ist wie ein Virus, das einen packt"

Ahnenforscher: Beim Stammtisch der Odenwald-Gruppe auf der Veste Otzberg werden Stammbäume verglichen

HERING. 
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Forscher am Stammtisch: Holger Weber (rechts), Vielbrunner Vorstand der Bezirksgruppe Odenwald, diskutiert mit Ahnenforschern auf der Veste Otzberg, bewirtet von Silvia Tilly (links) und ihrem Mann Rolf, Nachkomme des Generals Tilly. Foto: karl-heinz bärtl


Für einen Tag würde die Frankfurterin Erika Metzieder gerne ins 16. Jahrhundert auf einen Bauernhof reisen. Über die Ahnenforschung hat sie ihre Liebe zur Geschichte entdeckt. Sie zeige, ,,wie gut es uns heute geht". Ihre Stammbaumdatei umfasst mehr als 25 000 Namen. Über Verästelungen gehören die dahinter stehenden Personen sozusagen alle zu ihrer Familie.
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Der Ahnenforscherstammtisch trifft sich einmal pro Quartal. Mehr Infos auf http://ourewald.de/stammtisch/. Wer nach seinen Vorfahren forschen möchte, findet auf http://gedbas.genealogy.net/ für Deutschland und auf http://www.familysearch.org/eng/default.asp, der Datenbank der Mormonen, gute Einstiegsmöglichkeiten.

Beim Ahnenforscherstammtisch der Bezirksgruppe Odenwald der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung (HfV), freute sich Metzieder darüber, mit Klaus Blickhan (Ober-Roden) einen nur aus dem Internet bekannten Bruder im Geiste kennenzulernen. Alsbald waren die Laptops aufgeklappt, um genealogische Berührungspunkte abzugleichen.

Namensverzeichnisse wurden in Ahnenforschungsprogrammen durchgescrollt. Trotz ihres gewaltigen Stammbaums wähnt Erika Metzieder sich allein. Die Schreibweise ihres Namens teilt sie nur mit ihrem Bruder. Doch sie gibt nicht auf. In der Hoffnung, doch jemanden aufzuspüren, hat sie sogar vor einigen Jahren in England einen speziellen DNS-Test vornehmen lassen.

Viele der Gäste haben ohne Vorkenntnisse innerhalb weniger Jahre große Fortschritte erzielt. Die in Groß-Umstadt geborene Metzieder und der Darmstädter Jens Trinkaus haben den gleichen Urahnen - in der sage und schreibe 15. Generation: Linhard Trinkaus, geboren um 1510 in Höchst im Odenwald.

Ein Problem vieler Genealogen ist die fehlende Einheitlichkeit im Schriftbild. An die hundert Schreibweisen des Namens Trinkaus hat der pensionierte Mediziner ausgemacht. Das Hobby fesselt ihn: ,,Es ist wie ein Virus, das einen packt." So äußern sich die Anwesenden - oder ,,Angesteckten". Trinkaus wurde ,,infiziert", als er 2003 alte Unterlagen seines verstorbenen Vaters entdeckte. Seither förderte Trinkaus Erstaunliches über seine Geschichte zutage. Anna Catharina Becher, eine seiner verzweigten Urururgroßmütter, war im 17. Jahrhundert in Babenhausen als Hexe angeklagt, vom Schaafheimer Schultheiß auf Befehl des Grafen aber freigesprochen worden. Die aus Fränkisch-Crumbach nach Amerika ausgewanderte Marie Elisabeth Trinkaus gebar 1854 in Washington D.C. den berühmten Marschkomponisten John Philip Sousa (,,The Stars and Stripes forever").

Rolf Tilly, Gastgeber des Abends, entstammt einer Bastardlinie des Generals Tilly, der im Dreißigjährigen Krieg die kaiserlichen Truppen befehligte und 1621 die Veste Otzberg belagern ließ, wie sein Nachkomme referierte. Ein Jahr später kapitulierten die Belagerten, ohne dass der Festungskern militärisch erobert worden wäre. Seit diesem Jahr erst ist nun wieder ein Tilly Burgherr, als Mieter allerdings. Eigentümer ist das Land Hessen. Endgültig an Hessen, damals Hessen-Darmstadt, fielen Festung und Amt Otzberg 1803 im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses, war von Vereinsvorstand Andreas Stephan in seinem Vortrag zu erfahren. Einst römisch besiedelt, war die Gegend im Mittelalter fränkisches Territorium, dann lange (seit 1390) kurpfälzische Enklave. Der stolze Heringer Stephan, bei dem die Geburt seiner Kinder das Genealogen-Virus auslöste, sprach auch über konfessionelle Veränderungen und die für Otzberg und Umland relevanten Kirchenbücher.

Das erste evangelische wurde von einem Soldaten gestohlen, das zweite von 1635 verbrannte im Staatsarchiv und wurde doch zum Teil rekonstruiert. Kirchenbücher sind nach den Standesamtseinträgen das Einstiegsmedium für Genealogen. Besonders die Berufe der Ahnen interessieren Gerhard Heid aus Groß-Umstadt. ,,Geschichte hat mich schon immer begeistert", sagt seine Frau Annemarie, von der vor 30 Jahren auch die Initiative ausging, nach beiden Familien zu forschen. ,,Wir haben die gleichen Vorfahren in der zehnten Generation."

Reinhold Mohrhardt konnte seinen binnen zehn Jahren weitgehend vollendeten Stammbaum über 13 Generationen nicht mitbringen. Das handverfasste Kunstwerk hat er daheim in Babenhausen auf einer acht Meter langen Papierrolle verewigt. Trinkaus blickt in direkter Linie auf 15 Generationen bodenständiger Odenwälder zurück.

Vorstand Heiner Wolf aus Brensbach berichtete, dass ein Teil seiner Familie seit über 300 Jahren in Groß-Bieberau beheimatet sei. ,,Das hat mir die Arbeit erleichtert", sagt er mit einem Schmunzeln.


 


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