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09. Februar 2010  | 

Kein Impfstoff mehr für Säuglinge

Engpass: Wegen der Schweinegrippe verliert die Industrie die klassischen Kinderkrankheiten aus dem Blick - Ärzte empört

DARMSTADT-DIEBURG. 
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Impfstunde bei Kinderarzt Thomas Prouschil in Roßdorf. Für Quang Vinh Mike (11 Monate) war am Montag noch eine Spritze da . Foto: Karl-Heinz Bärtl


Weil sich die Pharmaindustrie in den vergangenen Monaten auf die Massenproduktion von Schweinegrippe-Impfstoff konzentriert hat, ist offenbar die Herstellung von Impfstoffen gegen klassische Kinderkrankheiten aus dem Blick geraten. Der für Säuglinge ab der achten Woche empfohlene Kombi-Impfstoff gegen Diphtherie, Polio, Tetanus, Keuchhusten und Hepatitis ist derzeit jedenfalls bundesweit nicht lieferbar und auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg Mangelware.

,,Wir haben vor anderthalb Wochen eine Liste mit lieferunfähigen Impfstoffen bekommen", erzählt etwa der Roßdörfer Kinderarzt Thomas Prouschil dem ECHO. Er setzte daraufhin alle Hebel und Sprechstundenhilfen in Bewegung, um noch Restbestände aus Apotheken zusammenzukratzen und zu bunkern, doch lange wird es nicht reichen.

,,Das ist ein ziemliches Unding", schimpft der Roßdörfer Arzt. Sein ganzer Berufsstand sei empört. Er selbst machte seinem Zorn in einem Brief an den Hersteller und Monopolisten Glaxo-Smith-Kline Luft. ,,Ihr Anspruch war es vornehmlich, das lukrative Geschäft mit der Schweinegrippe zu machen", schreibt Prouschil und fordert den Konzern auf, er möge keinen Vertreter mehr in seine Praxis schicken.

Die Marketingleiterin von Glaxo-Smith-Kline reagierte prompt: ,,Wir verstehen Ihre Verärgerung über unsere derzeitige Lieferunfähigkeit und möchten Ihnen versichern, dass dies auch für uns eine sehr schwierige Situation ist", beschwichtigte sie. ,,Bedingt durch Prozessumstellungen der Sicherheits- und Qualitätskontrollen unserer Impfstoffe und die erhöhte Auslastung von Kapazitäten durch die Herstellung unseres Pandemie-Impfstoffs kommt es derzeit zu verspäteten Lieferungen", sagte die Sprecherin und versprach neue Chargen für die zweite Februarhälfte. Gestern Nachmittag teilte Glaxo -Smith-Kline mit, dass eine größere Menge des Sechsfach-Impfstoffs ab Montag wieder lieferfähig und dann Mitte der kommenden Woche in den Kinderarztpraxen verfügbar sein werde.

Nachdem sich in der vergangenen Woche zunächst nur unter den auf Reserve fahrenden Ärzten Unmut über das Versorgungsloch breit gemacht hatte, erreichte die Nachricht über die Medien nun die breite Öffentlichkeit. Nach der Meldung in der Montagsausgabe des ECHO riefen etliche besorgte Eltern in den Kinderarztpraxen an.

Nicht ohne Grund: Denn vor allem der fehlende Schutz gegen Keuchhusten kann für Säuglinge lebensbedrohlich sein, wie Kinderarzt Prouschil betont. ,,Die Gefahr, daran zu erkranken, ist im ersten Lebensjahr am größten." Weniger dramatisch, aber trotzdem ärgerlich sei auch der Ausverkauf beim Vierfach-Impfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Er soll erst im März wieder auf Lager sein. Bis dahin werden vor allem die Auffrischungs-Impfungen geschoben. Auch bei Facharzt Volker Baum aus Seeheim-Jugenheim ist der Unmut groß. Er spricht für rund 30 Kinderärzte in Südhessen, die sich im sogenannten ,,Pädnetz" organisiert haben. Baum musste sogar schon Eltern nach Hause schicken, die ihrem Kind einen Schluckimpfstoff gegen Virus-Durchfall zukommen lassen wollten. Dieser Impfstoff für kleine Risikopatienten ist schon jetzt gar nicht mehr verfügbar.

Während Kinderärzte am Montag bundesweit zunehmend gereizt auf die Fehlplanung reagierten, kritisierte Glaxo-Smith-Kline in einem Zeitungsinterview ,,diverse Medien". Ursache für den Engpass beim Neugeborenen-Schutz sei nicht die Massenproduktion des Schweinegrippe-Impfstoffs, sondern ein Qualitätsproblem mit einer Komponente des Kinderimpfstoffs.

Dass es gegen die Schweinegrippe nicht nur eine Massen-, sondern eine gewaltige Überproduktion gab, bestätigten gestern unterdessen mehrere Fachleute. Der Leiter des Gesundheitsamts für Darmstadt und den Landkreis Darmstadt-Dieburg, Georg Hoffmann, sprach gegenüber dem ECHO von einem ,,rapiden Abfall der Impfbereitschaft" schon im Dezember. Von 4000 aufgerufenen Lehrern im Bezirk seien damals zum vereinbarten Termin nur 70 gekommen. Die Teilnahme lag derart unter den Erwartungen, ,,dass wir 60 Portionen geöffneten Impfstoff wegwerfen mussten. Wir haben unsere letzte Nadel dann am 22. Dezember geschwungen", so Hoffmann.

Die Nachfrage nach Schweinegrippeschutz ist inzwischen derart gering, dass auch die Hausärzte davon abrücken. Die verbliebenen Impfwilligen stehen unterdessen vor dem Problem, dass die Ärzte die Zehnerpackung solange geschlossen halten, bis zehn Teilnehmer zusammenkommen, denn angebrochene Packungen verderben schnell.

Es sei sehr ruhig um die Schweinegrippe geworden, sagt der Gesundheitsamstleiter. Selbst die Meldung, dass Ende Januar ein junger Darmstädter ohne Vorerkrankung im Saarland daran gestorben sei, bewege die Massen nicht mehr.


 
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