WIEBELSBACH.
Eine Zeit der Besinnung, der Erinnerung, des Gesprächs soll sie sein, die Vorweihnachtszeit - sagt jedenfalls Weinprinzessin Lisa, bevor ihre Co-Prinzessin Janina den Wiebelsbacher Senioren ihren Pokal entgegenreckt und einen Vierzeiler über den Zusammenhang von Weingenuss und Gesundheit aufsagt. Dann eilen die Weinhoheiten weiter. Die Garde aus Dorndiel marschiert früher auf die Bühne als vorgesehen. Auch das Gastspiel des Groß-Umstädter Bürgermeisters Joachim Ruppert fällt kurz aus. Sie alle haben einen vollen Terminkalender.Schon der Männerchor hatte um frühzeitige Freigabe der Bühne gebeten, weil Dirigent Andreas Mohrhardt noch anderweitigen Verpflichtungen folgen musste. ,,Jetzt ist der Plan vollends durcheinander", stellt Ortsvorsteher Georg Theiß fest und eröffnet mit Verspätung die Kaffee-und-Kuchen-Runde, die Gelegenheit zum Gespräch bietet.Der Bürgermeister aller Groß-Umstädter hatte zuvor nicht nur die schöne Lage des Stadtteils Wiebelsbach gelobt, sondern auch Probleme der Infrastruktur angeschnitten: Erdgas werde wohl nie ins Dorf kommen, weil es klein ist und fernab existierender Versorgungsstränge liegt. Anders sehe es mit schnellem Internet aus - da arbeite man an Lösungen. Und schließlich gehe es auch um die Zukunft und um die Kinder, für die es gesicherte Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten vor Ort geben müsse. Zu schnellem Internet hat Martin Linzing kein Verhältnis. Der Siebenundsiebzigjährige lebt erst seit 1997 im Ort, kommt aus Siebenbürgen. ,,Ich fühle mich wohl hier." ,,Wiebelsbach ist ein wunderschöner Stadtteil", sagt Heinz Appel. ,,Ich wohne schon seit 1949 hier - zuerst neben dem Bahnhof, jetzt am Sportplatz. Es ist fast alles in Ordnung hier, aber es müssten schon mehr Kinder geboren werden, damit Schule und Kindergarten weiter existieren können. Außerdem sollte man über eine Ampel an der Ausfahrt auf die B 45 nachdenken. Manchmal muss man dort ziemlich lange warten bis man da rauskommt. Ich fahre selbst noch Auto, und die meisten Einkäufe erledigen wir in Umstadt, größere Sachen auch in Darmstadt. Die Bahn nutzen wir gelegentlich, wenn das Auto in der Werkstatt ist." ,,Wiebelsbach ist ein schöner Ort, weil er eine Sackgasse ist", meint Edwin Grauer. ,,Da ist noch Ruh' und Frieden drin. Alle Autos, die reinkommen, müssen auch wieder raus, es gibt keinen Durchgangsverkehr." ,,Ich habe keine Kinder mehr im schulpflichtigen Alter, deshalb bekümmert mich die Schule nicht", sagt Katharina Neidig. Auch mit den Verkehrsverbindungen hat die Neunzigjährige kein Problem: ,,Wenn ich wo hin muss, fahren mich meine Kinder, die wohnen im Dorf, in einer anderen Straße."Anspruch auf schnelles Internet meldet Annerose Jess an, ,,hauptsächlich für meinen Mann, der oft sehr lange vor dem Bildschirm sitzt, bis was geladen ist. Ansonsten geht's noch mit den Einkaufsmöglichkeiten - Lädchen, Metzger, Bank. Und wir haben auch einen Doktor, der kommt sogar ins Haus", lobt die Vierundsiebzigjährige.Was Tischnachbarin Anni Friedrich bestätigt. Sie wohnt in Frau Nauses, das ist sozusagen ein Ortsteil des Stadtteils: klein, langgestreckt, entlegen. ,,Da gibt's überhaupt keine Verkehrsverbindungen", berichtet die Dreiundachtzigjährige, ,,und nach Wiebelsbach laufen ist eine halbe Stunde. Die jungen Leute haben auch nicht immer Zeit, dass sie einen kutschieren. Da müsste so ein Anruftaxi her."
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