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30. Dezember 2011 Von Christoph Fischer

Michael Groß: „Viele im Sport sind eindimensional“

Interview - Michael Groß kann den Rücktritt von Magdalena Neuner nachvollziehen – Kritik an Verbandsstrukturen

| Vergrößern | Gold für den Albatros: 1984 wurde Michael Groß Olympiasieger über 100 Meter Delphin und 200 Meter Freistil. Archivfoto: dpa

ECHO: Michael Groß, was haben Sie bei der Rücktrittsankündigung von Biathletin Magdalena Neuner empfunden?

Michael Groß: Im Biathlon, auch im Schwimmen beim Weltcup, kann man heute Geld verdienen. Thomas Rupprath war der Weltcupstar, Schwimmprofi. Man schwimmt, bis es nicht mehr geht. Der Rücktritt von Magdalena Neuner mag überraschend erscheinen, ist aber nicht ungewöhnlich. Vielleicht hatte sie auch keine Lust mehr auf Antholz.

ECHO: Antholz ist schön.

Groß: Sicher, aber im Schwimmen hatten wir damals Meisterschaften in allen Winkeln der Erde, Australien, China, USA. Ein Biathlet kommt nach Antholz, Ruhpolding, Bischofshofen. Magdalena hat alles erlebt, es ist der absolut richtige Zeitpunkt. Noch eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ist doch ideal, Olympia in Sotschi braucht kein Mensch.

ECHO: Wann soll ein Sportler zurücktreten?

Groß: Idealerweise, wenn es am schönsten ist. Ich darf nicht das Gefühl haben, mich quälen zu müssen. Unbedingter Wille funktioniert nur mit Spaß, rumwurschteln geht im Spitzensport nicht.

ECHO: Sie waren damals 26 Jahre beim Rücktritt.

Groß: 1991 war mein letztes Jahr, und das hat nur zehn Tage gedauert, die WM in Perth war im Januar. Perth war einmalig, die erste gesamtdeutsche Mannschaft. Ich war mit Nils Rudolph aus der ehemaligen DDR auf dem Zimmer. Da war Euphorie, wie auch bei Olympia in Barcelona noch. Was später mühseliger wurde. Ich wusste in Perth, auf dem Level kannst du noch zwei, drei Jahre schwimmen, aber schneller wirst du nicht mehr.

ECHO: Aber alle wollten den Albatros zu Olympia 1992 überreden.

Groß: Ja, alle haben das gesagt und geschrieben. Die 18 Monate gehen noch. Ich wollte das aber nicht. Die 18 Monate wären horrormäßig lang geworden.

ECHO: Warum verpassen viele den richtigen Zeitpunkt?

Groß: Viele haben nichts anderes. Die haben parallel nichts aufgebaut, beruflich, privat. Michael Schumacher, Ian Thorpe, diese Comeback-Geschichten. Die Leute haben nichts anderes, keine andere Perspektive. Der zweite Grund ist, am Erfolg zu hängen. Du kannst im Sport der Beste der Welt werden. Das gibt es nirgendwo sonst. Selbst ein Nobelpreisträger ist niemals der beste seines Faches. Viele im Sport sind eindimensional und haben Angst vor der Komplexität des Normalen.

ECHO: Ist man im Spitzensport nicht notwendig eindimensional?

Groß: Nach 15 Jahren Sport bist du eindimensional, weil du alles dem Sport unterordnest, aber dass ein Mensch nichts anderes machen kann, als im Kreis zu fahren oder zu schwimmen, das kann ich mir nicht vorstellen. Als Sportler trachtest du nach den großen Dingen, die Neugier auf die kleinen Dinge geht dir verloren, die unbändige Freude über Unerwartetes.

ECHO: Gibt es Zeiten, wo Sport alles ist?

Groß: Das gab es nicht bei mir, Ausnahme war die Bundeswehrzeit. Aber auch da war ich schon an der Frankfurter Universität eingeschrieben. Ich habe aber mehr trainiert, die Folge war, dass ich über 400 Meter Freistil Weltrekord geschwommen bin.

ECHO: 1985, Michael Gross hielt vier Weltrekorde, das beste Jahr, oder?

Groß: Von 1984 bis 1986, diese Phase war der Höhepunkt. Zwischen 20 und 22.

ECHO: Was bleibt an Erinnerungen?

Groß: Ich habe zuletzt meine Dias digitalisiert. Ich habe immer das Drumherum fotografiert. 1980 waren wir in China, als Ersatz für das boykottierte Olympia in Moskau. China, da kam doch ein normaler Mensch damals gar nicht hin. Wir waren in Ecuador bei den Weltmeisterschaften, da kam damals auch keiner hin. Und das alles mit den Kollegen, die auf einer Wellenlänge mit dir waren. Das bringt mir emotional auch heute noch etwas.

ECHO: Was hat Ihnen der Sport gebracht?

Groß: Lebensschule. In jungen Jahren schon mit Sieg und Niederlage umgehen lernen. Das waren Extreme. Bei Olympia stehen Hundertschaften vor dir und wollen Interviews, die Extreme im Wettkampf, in der Vorbereitung. Wenn du das alles hinter dir hast, bist du im Beruf auch in schwierigen Zeiten wie diesen nicht frustriert. Man ist gelassener.

ECHO: Sie waren eine Leitfigur der Nationalmannschaft.

Groß: Ich habe diese Rolle aber nie ausgenutzt. Es gibt legendäre Geschichten. 1983 bei den Europameisterschaften in Rom haben wir einen Aufstand gemacht wegen der zu kurzen Betten, Thomas Fahrner und ich haben die Betten in den Flur geräumt. Der Besitzer, ein stolzer Römer, tickte völlig aus. Zwei Tage Stress ohne Ende. Das zweite war die Staffel damals. Bundestrainer Manfred Thiesmann wollte Alexander Schowtka nicht, der war im Vorlauf schwach geschwommen. Panik. Krisenstimmung. Wir Schwimmer haben gesagt, wir vertrauen Alex. Entweder, der schwimmt, oder wir schwimmen alle nicht. Wir schwammen Weltrekord. Mit Alex.

ECHO: Interessieren Sie sich noch für Schwimmen?

Groß: Live nur bei Olympia, aber nur weil es Olympia ist, nicht weil es Schwimmen ist. Von der letzten WM habe ich nichts gesehen. Es sind pure Zufälle, wenn ich Schwimmen sehe.

ECHO: Die Querelen im Schwimmen sind die gleichen geblieben. Warum ändert sich nichts?

Groß: Es liegt nicht an den handelnden Personen, die wurden ja häufig genug ausgetauscht. Es wird immer über Professionalisierung geredet, haben wir damals doch auch schon.

ECHO: Warum keine Fortentwicklung?

Groß: Es gibt im Schwimmen zu wenig Geld, um Professionalität aufzubauen. Es muss sein wie im Fußball. Es gibt eine professionelle Fußball-AG für das operative Geschäft und einen Verein für das Ehrenamtliche, den Aufsichtsrat. Man braucht Profiteams mit personeller Verantwortung. Im Deutschen Ski-Verband gab es einmal einen Präsidenten, Fritz Wagnerberger, Grandseigneur, unabhängig, der hat danach geschaut, dass nichts in die falsche Richtung lief, hat aber alles andere den Profis überlassen. In dem heutigen Umfeld des Spitzensports geht das nicht anders.

ECHO: Das kann nicht der einzige Grund sein, warum es nicht voran geht.

Groß: Ein weiterer Grund ist die Entwertung des nationalen Wettbewerbs. In den USA und Australien kommen die Leute gestärkt aus harten Ausscheidungen, die können von Olympia gar nicht mehr überrascht werden. Die leben in permanenter Konkurrenz. Wir waren in der Freistilstaffel doch nur deshalb weltweit führend damals, weil jeder in die Staffel wollte. Da hattest du eine Medaille sicher, wir haben damals gekämpft, um in diese Staffel zu kommen. Im nationalen Wettbewerb.

ECHO: Sie haben auch in den Gremien des deutschen Sports 2005 einen Schlussstrich für sich gezogen. Warum?

Groß: Die Fusion von NOK und DSB war für mich der Schlusspunkt, diese Fusion habe ich nie verstanden. Kein Unternehmen dieser Welt kann alles leisten. Keine Sportorganisation der Welt kann sich um den Breitensport an der Basis und den professionellen Hochleistungssport zugleich kümmern. Der fusionierte Deutsche Olympische Sportbund beansprucht für sich, mit einer Stimme für den Sport zu sprechen. Warum eigentlich? Man braucht eine kleine Organisationseinheit für den Spitzensport, das war das Nationale Olympische Komitee. Um den Rest kümmerte sich der Deutsche Sportbund, die Schnittstellen sind die Kader. Fertig. Viele waren meiner Meinung. Aber im Sport geht es nicht um Inhalte sondern um Macht. Und deshalb haben sich die Politiker, die Mehrheitsbeschaffer, durchgesetzt. Das ist nicht meine Welt.

ECHO: In der Welt des Sports geht es also nur um Macht.

Groß: Absolut, und Thomas Bach ist ein Meister seines Faches. Michael Vesper hat es bei der Olympiabewerbung 2012 meisterhaft verstanden, die Düsseldorfer Stimmen gegen Hamburg und für Leipzig in Position zu bringen. Das ist politische Macht, war aber eine inhaltlich völlig absurde Geschichte. Wer Olympia wirklich wollte, konnte gar nicht an Hamburg vorbei. Das wusste auch Thomas Bach. Und heute ist Michael Vesper sein Generaldirektor.

ECHO: Freude auf London 2012?

Groß: Ja, ich freue mich auf London. Das wird für zwei Jahrzehnte das letzte Mal Olympia in Europa sein.

ECHO: Was ist für Sie Glück?

Groß: Wünsche, die ich habe, Perspektiven, die ich mir vornehme, anpacken und umsetzen zu können. Dinge im Kopf zu haben und zu Ende zu bringen.

ECHO: Warum gibt es in Ihrem Büro keine Bilder?

Groß: Wir haben keine Bilder, wir haben auch keine Pflanzen. Wir konzentrieren uns auf Wesentliches. Klare Formen, klare Inhalte, klare Strukturen.


 
 


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