Ausgerechnet dieser Marco di Carli, der sonst mal gerne mehr versprach als er halten konnte, setzte sich am Abschluss-Wochenende der deutschen Meisterschaften in Berlin als Vorreiter an die Spitze der nationalen Schwimm-Elite, und stahl damit Stars wie den Doppelweltmeistern Paul Biedermann oder Britta Steffen die Schau. Es ist schon kurios: Da bemüht sich die sportliche Führung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) seit Jahren um soliden langfristigen Aufbau in Richtung der Großereignisse wie der nun anstehenden WM in Shanghai (16. bis 31. Juli) und dann kommt dieser Draufgänger der SG Frankfurt wie aus dem Nichts und mischt die Szene auf – nervenstark, kraftstrotzend. So als hätte es nie diese vielen Tiefs gegeben, in die das Talent, das Bundestrainer Dirk Lange früher mal mit Schwimm-Legende Michael Groß verglichen hatte, immer wieder abgetaucht war.
Titelgewinn über 100 Meter Freistil, der zweite bereits nach seinem Erfolg über die halbe Strecke, dazu deutscher Rekord in 48,24 Sekunden, samt WM-Norm und Weltjahresbestzeit. „Das es so ein Brett wird, damit habe ich nicht gerechnet. Das ist natürlich pure Freude“, beschrieb der Sechsundzwanzigjährige von der SG Frankfurt die Hochstimmung, die sich von der Gefühlslage so vieler Asse abhob. Erst recht die große Sause mit Sektdusche, die seine Clubkollegen wie der frühere Pfungstädter Lukasz Wojt anschließend veranstalteten. Ausgelassener Jubel hier, krampfender Normen-Kampf dort. Am Ende aber doch Erleichterung um eine Bilanz, die die von Bundestrainer Lange prophezeite Teamgröße von etwa 18 Aktiven für die WM Wirklichkeit werden lässt. Auch dank durchgängiger Besetzung der Staffeln.
Biedermann nutzte erst am Sonntag seine letzte Chance mit seinem Sieg über 200 Meter Freistil in 1:45,72 Minuten, nachdem der Weltrekordler und Weltmeister zuvor über 400 m trotz gelungener Titelverteidigung gescheitert war und auch im Rennen über 100 m gegen di Carlo als Zweiter (48,66) nicht zum Zug kam. Freundin Britta Steffen fehlten am Samstag über ihre Paradestrecke als Siegerin in 54,14 Sekunden sechs Hundertstel, sie wetzte die Scharte am Sonntag über 50 m in 24,67 Sekunden aus. Auch die zweitplatzierte Berliner Clubkollegin Dorothea Brandt (24,78) knackte noch die Norm.
Während Rückkehrer Helge Meeuw (Magdeburg) über 100 m Rücken mit dem Titelgewinn und nochmaliger Steigerung auf 53,47 alles klar machte, kam für den Darmstädter Brustspezialist Marco Koch das bittere Aus. Der Titelverteidiger konnte über seine Hausstrecke 200 m wegen Rückenproblemen nicht starten (dazu weiterer Bericht). Christian von Lehm (Wuppertal) nutzte die Chance für seinen zweiten Titelgewinn und qualifizierte sich in 2:08,97 souverän für die WM. Der letzte, der auf den Zug aufsprang, war Benjamin Starke über 100 m Schmetterling (51,65).
In der Diskussion um Normen sah sich Bundestrainer Dirk Lange allerdings durch die Bilanz bestätigt. „Dass dem Druck standzuhalten ist, haben gerade die Jungen gezeigt, die Etablierten haben es nicht“, lobte der den Angriffsgeist der Athleten, „mit denen nicht unbedingt zu rechnen war“.
Eben einen wie di Carli, der zudem noch zum Vorbild in Sachen Athletik aufstieg, während der Bundestrainer dort bei vielen anderen noch Nachholbedarf sieht. „Klar ist, dass ein Großteil der Nationalmannschaft im athletischen Bereich noch nicht voll ausgereizt ist, da sind noch Reserven“, monierte er.
Di Carli derweil zeigte sich in imponierender Verfassung. Dabei hatte der Olympia-Achte von 2004, der nach mehrjähriger Pause von der Nationalmannschaft fast abgeschrieben schien, nach einem Handbruch im vergangenen Sommer auch noch viel Muskelmasse verloren. Da habe er nur noch 68 Kilogramm gewogen, betonte der 1,89 m große Schwimmer, der früher unter Dirk Lange in Hamburg sowie in Südafrika trainiert hatte. Erst eine Ernährungsumstellung, mit Beratung von Ex-Weltrekordler Mark Warnecke, sowie ein selbst zusammengestellter „Kraftzirkel“ brachten di Carli mit einem imposanten „16-Kilo-Muskelzuwachs“ die nötige Stärke zurück.
Dass er mit seinem wundersamen Comeback schnell im Fokus von Dopingverdächtigungen stehen kann, ist für die Szene normal. Doch der angehende Kommissar, der seine Ausbildung in der Sportfördergruppe der hessischen Polizei absolviert, beteuert: Alles legal. „Ich hatte außerdem vor zwei Tagen eine Dopingkontrolle, die Ergebnisse kann sich ja jeder ansehen“.
Vor seinem „zweiten Anlauf“ hatte er die Entscheidung getroffen seine wohl letzte Chance für Olympia 2012 mit aller Konsequenz zu nutzen. „Jetzt oder nie. Alles oder nichts“, hieß die Vorgabe, die er mit Trainer Michael Ulmer in die Tat umsetzte. Diesmal aber ohne große Töne zu spucken wie etwa 2007 mit einer umstrittenen, aber tatsächlich verwirklichten Rekordankündigung über 100 m Freistil. Man werde schließlich ruhiger und erwachsener, sieht sich di Carli gereift. Er schürt damit die Hoffnung, seinen Wellenritt aus (meist nationalen) Tops und (oft internationalen) Flops endlich auf hohem Niveau zu stabilisieren. Für WM und die weitere Vorbereitung allerdings existiere kein Plan. Was wohl für viele Asse ein Gräuel wäre, scheint für ihn aber eine Lust: „Jetzt müssen wir improvisieren“.
Schwimm-Meisterschaften: Wellenreiter Marco di Carli obenauf
Frankfurter mischt die deutsche Szene auf – Paul Biedermann und Britta Steffen nutzen letzte Chance
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

Merken
|













