Zeitenwende, Ende des Amateurzeitalters – 30 Jahre nach dem wegweisenden XI. Olympischen Kongress von Baden-Baden trifft sich dort an diesem Mittwoch ein von IOC-Präsident Jacques Rogge angeführter Elite-Zirkel zur Erinnerung.
Der in der Kurstadt veranstaltete Olympische Kongress entsprang dem Credo, regelmäßige Foren im Abstand von acht Jahren zu schaffen. Bisher gab es 13 – den letzten 2009 in Kopenhagen. Das Motto 1981 „United by and for Sport“ (Vereint durch und für den Sport) wies den Weg in die Zukunft. Baden-Baden begleiteten politische Spannungen (Boykott des Westens in Moskau 1980), die den Sport und die Olympische Familie existenziell bedrohten.
30 Jahre sind eigentlich kein Alter, aber im schnelllebigen Sport eine Epoche. In der olympischen Bewegung markiert das Jahr 1981 einen Quantensprung. Das Abschlussdokument beim Kongress war gedruckt. Ein Satz lautete: „Das IOC muss den ihm in der Welt zustehenden Platz einnehmen.“ Da ließ es IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch einstampfen. Als die Delegierten die Neufassung erhielten, stand stattdessen: „Das IOC muss der Führer des Weltsports sein.“
Mit dem Husarenstreich des Spaniers endete ein Kongress, der mit der IOC-Vollversammlung danach eine Wende einläutete. Heute gedenken IOC – an der Spitze Samaranchs Nachfolger Jacques Rogge und dessen Stellvertreter Thomas Bach – sowie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) der ereignisreichen Tage von Baden-Baden. Thomas Bach, dessen IOC-Karriere dort als Athletensprecher begann, bilanziert bahnbrechende Entscheidungen.
Nach gut acht Jahrzehnten nahm das IOC Abschied vom reinen Amateur, beendete die Diskriminierung der Frauen im Männerorden, räumte Athleten Mitspracherecht ein und öffnete die Schleussen zur Kommerzialisierung. Als Rogge und Bach 1991 in das IOC gewählt wurden, hatte es die erste Dollar-Milliarde umgesetzt. Die Einbeziehung von Funk, Fernsehen und Printmedien in die Olympische Familie, die Übertragung der Eröffnungsfeier im Fernsehen und der Beobachterstatus der Medien öffneten das IOC – zumindest optisch – für die breite Öffentlichkeit. Information und Dokumentation der Inhalte reiften erst nach.
Der Grundstein für die Vermarktung war gelegt. Baden-Baden 1981 und die Sommerspiele in Los Angeles 1984 – vom Boykott des Ostblocks überschattet – begründeten das Milliarden-Geschäft. Den Wandel beschrieb in Baden-Baden die damalige IOC-Generaldirektorin Monique Berlioux: „Man wird mich vielleicht dafür hängen, wenn ich sage, unser Bankguthaben beträgt zehn Millionen Dollar, wir müssen nicht mehr vom geborgten Geld leben.“
IOC-Mitglieder zahlen seitdem keinen Jahresbeitrag mehr, Auslagen werden erstattet. Allein die Aufwandsentschädigung des Präsidenten beträgt pro Jahr eine hohe sechsstellige Dollar-Summe. Olympier wurden zu umworbenen – und einige Male bestochenen – Hauptdarstellern. Öffentlichkeit bedeutete im IOC früher einen Tabubruch. Heute bilanziert Jacques Rogge den Kontostand des Unternehmens IOC mit einer halben Milliarde Dollar.
Juan Antonio Samaranch, 1980 in Moskau mit der Unterstützung des Ostblocks zum Nachfolger des irischen Lords Michael Killanin ins Präsidenten-Amt gewählt, setzte unverzüglich auf Vermarktung und Profit. Gegen heftigen Widerstand und Kritik. Sie kam von Lord Killanin selbst: „Ich war der Überzeugung, dass der Posten des IOC-Präsidenten nicht käuflich, sondern für jedermann offen sein sollte, der die Zeit opfern kann.“ Betrogen fühlten sich die Vertreter der Sowjetunion. Das IOC als führende Kraft setzte dem Bestreben des kommunistischen Lagers und der Dritten Welt ein Stoppzeichen, den olympischen Zirkel in eine „Sport-UNO“ umzuwidmen („ein Land, eine Stimme“). Der in Baden-Baden ins IOC gerückte DDR-Funktionär Günther Heinze drohte, die Zulassung von Profis könnte dazu führen, „dass wir so nicht weitermachen können“. Sprich: kein Wettbewerb mehr der Staatsamateure gegen westlichen Profis.
Die Professionalisierung wird, trotz aller Auswüchse, als mutige Entscheidung gefeiert, obwohl Pierre Coubertins (Erfinder der Spiele) reine Lehre vom Olympia-Amateur und das Fairplay dafür geopfert wurden. Auch Doping hat in der Kommerzialisierung eine seiner Wurzeln.
Bei der Lockerung des Amateurstatus halfen 1981 Olympia-Athleten kräftig mit. Neben Thomas Bach (Fecht-Olympiasieger), der Brite Sir Sebastian Coe (Mittelstrecken-Weltrekordler), Chef-Organisator der Olympischen Spiele 2012 in London, und Kenians Lauf-Wunder Kipchoge Keino. Sie bilden beim heutigen Festakt in Baden-Baden mit Rumäniens Turn-Legende Nadia Comaneci, dem Ungarn Pal Schmitt (Fechter), Sprintheld Frankie Fredericks (Namibia/aktueller Athletensprecher) und Albert dem II. von Monaco, fürstlicher Bobpilot, eine Galerie glänzender Olympioniken – dekoriert mit 13 Goldmedaillen. Pal Schmitt stieg 2010 zum Staatspräsidenten Ungarns auf.
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