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05. Januar 2012 von Timo Schoch

Rallye-Weltmeister Walter Röhrl: „Da war das noch ein Sport für Männer“

Interview – Rallye-Weltmeister Walter Röhrl ist ein Analytiker seines Sports und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund

 
| Vergrößern | Der zweifache Rallye-Weltmeister ist heute vor allem als Repräsentant für Porsche unterwegs. Foto: dpa

ECHO: Herr Röhrl, wie war das damals, als Sie noch auf Schotter, Schnee und Eis gegen die Uhr gefahren sind?

Walter Röhrl: Da war es noch ein Sport für Männer.

ECHO: Warum?
Röhrl: Der ursprüngliche Sinn beim Rallyefahren war, die Zuverlässigkeit von Mensch und Maschine zu prüfen. Und das geht doch eigentlich nur, wenn du lange unterwegs bist. Also waren die Wertungsprüfungen damals lang, manchmal auch sehr lang. Das war ein entscheidender Punkt. Es ging Tag und Nacht. Das fehlt heute.

ECHO: Ihnen hat es aber gefallen?


Röhrl: Ich habe es genossen. Die körperliche Fitness hat eine Rolle gespielt, das Autofahren hat eine Rolle gespielt. Und vielleicht auch ein bisschen, dass du mitdenken musstest, was du deinem Auto auf 4000 oder 5000 Kilometern zumuten kannst.

ECHO: Es war „Ihr“ Sport.

Röhrl: Ja, auch weil es keinen zweiten Sport gibt, bei dem du die Welt so kennen lernst. Egal, ob du Tennisspieler, Fußballer oder Formel-1-Rennfahrer bist. Du fliegst in das Land, gehst ins Hotel, fährst an die Wettbewerbsstätte und fliegst nach dem Wettkampf wieder heim. Und was machen wir? Wir fliegen ans Ende der Welt und fahren Tausende Kilometer Feldwege und über Land im Training ab, bestreiten dann die Rallye. Und wenn du mal feststeckst, musst du einen Einheimischen mit Händen und Füßen fragen, ob er dir hilft und das Auto mit rausschiebt. Das war Rallyefahren. So etwas gibt es nicht mehr.

ECHO: Wie war es damals in den legendären Werksteams von Fiat, Lancia oder Opel?

Röhrl: Bei Fiat waren wir mit fünf Werksautos unterwegs. Also fünf Mann beim Trainieren. Am Wochenende sind wir Trial gefahren, die Italiener haben ihre Frauen mitgebracht. Es war eine Familie.

ECHO: Und heute?

Röhrl: Vorbei mit lustig. So etwas geht nicht mehr. Die fahren zwei Mal über ihre Prüfungen. Aus. Früher konntest du trainieren, so lang du Lust und Zeit hattest. Heute ist das verboten. Zwei Mal, mehr nicht. Da gab's Leute, die sind 15 Mal drübergefahren. Der Jean-Claude Andruet zum Beispiel hat vier Monate für die Monte Carlo trainiert. Er ist Wertungsprüfungen in Zwei-Kilometer-Abschnitten abgefahren, und das zehn Mal hintereinander.

ECHO: Und Sie? Keine vier Monate, nehme ich mal an.

Röhrl: Ich war trainingsfaul, das gebe ich zu. Wenn trainiert wurde, hatte ich nichts anderes als das Auto im Kopf. Ich bin morgens um 8 Uhr ins Auto gestiegen und abends um 8 Uhr ausgestiegen. Den ganzen Tag habe ich mir nur gedacht: ,Die Kurve musst du dir merken, das musst du dir merken.‘

ECHO: Zu Ihren Rallye-Autos: Welches war denn das tollste?

Röhrl: Zu jeder Epoche gab es tolle Autos. Der Ford Capri, ein Traumauto. Damit waren wir schneller als der Renault Alpine 110. Meine Jahresgage für zwei Jahre Ford-Pilot: 500 D-Mark. Dazu natürlich ein Trainingsauto und alles, was dazu gehört. Das war für mich wie ein Sechser im Lotto.

ECHO: Und dann?

Röhrl: Es folgte der Vertrag bei Opel. Zuerst der Commodore, wobei der Capri mehr Kraft hatte. Der Opel war etwas nervöser, ich bin aber mit ihm gleich die Monte Carlo gefahren. Nachteil: zwei Mal gebremst, war das Pedal am Bodenblech. Wegen fehlender Bremsleistung haben wir uns von Schneemauer zu Schneemauer, von Felswand zu Felswand gehangelt.

ECHO: Wann kam dann der Ascona?

| Vergrößern |
Im Audi auf dem Weg zum Sieg: Walter Röhrl und Christian Geistdörfer 1984 bei der Rallye in Monte Carlo. Foto: dpa

Röhrl: Als Opel merkte, der Commodore kann es nicht sein. 1974 wurde ich im Ascona A-Rallye-Europameister, 1975 habe ich in Griechenland den ersten WM-Lauf gewonnen.

ECHO: Und das Beste in Ihrer Erinnerung?

Röhrl: Emotional der Lancia Stratos. Aber der war nur für Monte Carlo und San Remo, also kurvenreiche Straßen gemacht. Auf den anderen Strecken war er tricky zu fahren. Nervös. Tempo 200 auf Waldwegen musstest du nur am Lenkrad korrigieren. Da hat der Christian schon immer durchgeschnauft.

ECHO: Dann muss aus heutiger Sicht ja ein Allradauto das perfekte Rallyeauto sein?

Röhrl: Für das Alltagsleben ist nur ein Auto mit Allrad ein perfektes Auto. Aber – auch wenn jetzt viele sagen, der Röhrl spinnt – die hohe Schule des Rallyefahrens war der Zweiradantrieb. Da musstest du das Gefühl haben, wie viel Kraft du einsetzen kannst, dass es vorwärts geht. Für dieses Fahren war der Lancia Rallye 037 der Beste.

ECHO: Kein Audi?

Röhrl: Ein S1 ist was ganz Anderes. Bei 530 PS auf Schotter Vollgas und du wirst nach vorne katapultiert. Das war nicht das elegante Autofahren. Du musstest nur kämpfen, dass es in die richtige Richtung geht. Dann rauf aufs Gas. Wie eine Rakete ging es dann los.
Zur Person: Walter Röhrl

Geburtsdatum: 7. März 1947 in Regensburg
Wohnort: St. Englmar im Bayrischen Wald
Familienstand: verheiratet
Beruf: Repräsentant und Versuchsfahrer der Firma Porsche. Abgesehen von historischen Rennen nimmt er an keinem Wettbewerb mehr teil.
Erfolge: Rallye-Europameister 1974 (Opel), Rallye-Weltmeister 1980 (Fiat) und 1982 (Opel), Gewinner der Rallye Monte Carlo 1980 (Fiat), 1982 (Opel), 1983 (Lancia) und 1984 (Audi).
Auszeichnungen: u. a. „Rallyefahrer des Jahrhunderts“


ECHO: Und heute?

Röhrl: Allrad, 320 PS, viel bessere Bremsen und Fahrwerke. Dazu sind die Rallyes ganz andere: Es gibt nur noch kurze Wertungsprüfungen. Da müssen die Jungs ab dem ersten Meter richtig Vollgas geben. Taktieren gibt es nicht mehr. Ein Dreher bedeutet, dass du nicht mehr gewinnen kannst.

ECHO: War die damalige Zeit eine wilde Zeit?

Röhrl: Ja. Und toll. In Kanada zum Beispiel gab es Wertungsprüfungen mit 160 Kilometern, nur Schotter. 160 Kilometer! Da war ich schon mal drei Minuten schneller als der Zweite.

ECHO: Wieso der große Abstand?

Röhrl: Ich war konditionell gut drauf. Vom Skifahren, vom Rudern. Motorsportler haben damals nichts gemacht, da gab's kein Fitnesstraining. Viele waren Naturtalente beim Fahren. Aber bei 160 Kilometer merkst du es dann schon, da lässt dann irgendwann die Konzentration nach. Das war toll.

ECHO: Sie erzählen, als wäre Ihre aktive Zeit der Himmel auf Erden gewesen für einen Rallyefahrer. Haben Sie Negatives verdrängt?

Röhrl: Nein, ich weiß, um wie viel sicherer moderne Rallyeautos sind. Ich denke an 1984, an meinen Unfall im Audi quattro. An einer Stelle, die laut Aufschrieb hätte trocken sein müssen, stand wegen eines verstopften Kanals das Wasser auf der Straße. Mit 170, 180 km/h komme ich an, fliege über die Mauer, 50 Meter den Berg rauf, nach 150 Meter zurück auf die Straße. Dem Christian hat nichts gefehlt, ich hatte mir den Kopf angeschlagen. 60 Minuten lag ich im Auto. Bis der Doktor da war. Irgendwann später sagst du schon: ,Was habe ich da gemacht.‘ Aber daran denkst du nicht, du glaubst ja nicht, dass du einen Unfall haben wirst.

ECHO: Die Rallyeautos heutzutage sind sicherer, die Rallyes selber kürzer und dadurch für die Zuschauer auch attraktiver.


Röhrl: Der Fan reist nicht mehr, bleibt an einer Stelle stehen und wartet drauf, dass die Autos drei Mal vorbeikommen. Zu unserer Zeit waren die meisten Zuschauer pfiffiger, mussten mit Karten den besten Weg aussuchen, auf dem sie möglichst viele Prüfungen anschauen konnten.

ECHO: Rallye ist auch fernsehfreundlicher als früher.

Röhrl: Weil ein Sport heute nur überleben kann, wenn er im Fernsehen stattfindet. Aber Rallyes sind auch umweltfreundlicher als früher. Nur würdigen dies zu wenige.

ECHO: Schauen wir in die Zukunft: Gibt es in zehn Jahren nur noch Elektro-Rallyeautos?

Röhrl: Ich glaube, zehn Jahre reichen nicht. Natürlich müssen wir anfangen. Ich glaube, in der Stadt hat das Elektroauto seine Berechtigung – solange die Kapazitäten der Batterien nicht besser sind. Im Rallyesport wird sicher eines Tages ein alternativer Antrieb den Verbrennungsmotor ablösen.

ECHO: Wie kommen wir dahin?

Röhrl: Zuerst die Autos leichter machen. Dann brauchen wir Batterien mit vernünftiger Kapazität. Und wenn die Rallyes noch kürzer werden, geht das mit Elektroautos vielleicht schon bald. Und nach jeder Wertungsprüfung wird die Batterie gewechselt. Aber so ganz bereit ist die Welt für Elektroautos noch nicht. Bei der Niederbayern-Rallye bin ich mit dem Audi S1 gefahren, und die Leute waren begeistert. Da muss unsere Generation erst ausgestorben sein, und die Kinder von heute mit Elektroautos groß werden und es dann nicht anders kennen.



 
 


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