„Hätte Ardahan den letzten Wurf reingemacht, dann wäre es vielleicht noch mal eng geworden“ sagt Lennart, während Ardahan selbst eher die Leistung von Daniel, dem Torwart der „Weißen“, für die Niederlage von „Team Schwarz“ verantwortlich macht. 7:9 hieß es am Ende. Aber trotz des Ergebnisses waren sich nach Spielschluss alle Aktiven einig, ein außergewöhnliches Spiel bestritten zu haben, in dem sie die Hauptdarsteller waren.
Daniel und Lennart sind auf den Rollstuhl angewiesen, Ardahan nicht. Trotzdem spielen die drei und mit ihnen etwa 20 weitere Jugendliche im Alter von 15 bis 26 Jahren seit einem halben Jahr miteinander Handball.
Joachim Fischer, Übungsleiter der VSG Darmstadt (Verein für Sport und Gesundheit) berichtet, dass zunächst Andrea Mohr von der Schulsozialarbeit Innenstadt Nord mit ihm in Kontakt trat, um zu fragen, ob die Rollifahrer Lust hätten, mit nicht behinderten Jugendlichen Sport zu treiben: „Na ja, und dann meldeten sich zehn Schüler einer zehnten Klasse der Bernhard-Adelung-Schule, und die sind bis heute alle dabei geblieben. Mit einer solchen Resonanz hätten die Jugendlichen Rollifahrer nicht im Traum gerechnet.“
Also trainierten sie jede Woche gemeinsam, wobei gerade die „Fußgänger“ einiges nachzuholen hatten, da sie motorische Vorteile nur bedingt ausspielen können. Um diese zu kompensieren, sitzen die Nichtbehinderten während des einstündigen Spiels auf Rollbrettern und gleiten in einer Höhe von 15 Zentimetern über den Boden.
Dass dies große koordinative Anstrengung verlangt, die eine gehörige Portion Übung erfordert, belegt die Aussage von Matthias (16): „Ich war anfangs ein wenig überfordert. Man braucht beide Beine zum Beschleunigen, muss mit den Händen irgendwie dieses Brett lenken, auf die anderen Rollbretter achten und damit klarkommen, von einem grinsenden E-Rollifahrer überholt zu werden. Und dann soll man auch noch ‘nen Ball kontrollieren und am besten ins Tor werfen.“ Gelernt hat er es inzwischen gut, und als er und die Mitspieler nach einem halben Jahr Training jüngst zu einem Demonstrationsspiel vor großem Publikum antraten, war anfängliche Nervosität schnell verflogen.
Fast 100 Neugierige verfolgten den öffentlichen Auftritt im Rollsportleistungszentrum im Bürgerpark – ein flottes Spiel. Zu sehen gab es noch mehr – nämlich den Beweis, dass gleichberechtigtes Mit- und Gegeneinander von Behinderten und Nichtbehinderten (Inklusion) möglich ist.
Damit dies gelingt, wurden mit den Jugendlichen die Handballregeln so angepasst, damit jeder Spieler entsprechend seiner persönlichen Fähigkeit am Spiel teilhaben kann. Für die Zuschauer erläuterte Joachim Fischer die wichtigsten Regelanpassungen. Beispielsweise darf einem Rollstuhlfahrer der Ball nicht vom Schoß genommen werden und es gibt unterschiedliche Wurfkreise, den jeweiligen motorischen Fähigkeiten der Spieler angeglichen.
Schnell entwickelte sich ein spannendes Spiel, das Szenenapplaus erntete. Den Zuschauern wurde bewusst, dass hier zwei leistungshomogene Mannschaften gegeneinander spielen und die jeweiligen körperlichen Vor- oder Nachteile eben nicht spielentscheidend sind. Heidrun Raum, Schulleiterin der Bernhard-Adelung-Schule, verwies auf die hohe soziale Kompetenz der Schüler, die sich hier offenbare, seien die Jugendlichen doch so gut aufeinander eingestellt, dass behinderte Mitspieler ins Spiel eingebunden würden.
Ralf-Rainer Klatt, Sportberater der Stadt Darmstadt und Vizepräsident Sportentwicklung des Landessportbundes Hessen, unterstrich den Stellenwert des Projekts. Die Präsentation dokumentiere ein gelungenes Beispiel für die eingeforderte Inklusion – das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten.
Die Stimmung am besten gaben die zahlreich erschienenen Adelung-Schüler wieder. Ihre begeisterten Anfeuerungsrufe sorgten für Gänsehaut. Bei allen Darstellern wuchs der Wunsch nach einer Wiederholung der öffentlichen Demonstration. „War super“ sagte Leila, „aber das nächste Mal will ich gewinnen“.
Daniel, Ardahan und Lennart hockten da bereits in eine Ecke der Halle, um die Premiere noch einmal Revue passieren zu lassen.
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