ECHO: Hans Günter Winkler, welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem 17. Juni 1956?
Hans Günter Winkler: Das war der Tag, an dem ich bei den Olympischen Reiterspielen in Stockholm zwei Goldmedaillen gewonnen habe. Im Einzel und gemeinsam mit Fritz Thiedemann und Alfons Lütke Westhues zusätzlich in der Mannschaft.
ECHO: Wenn man das so nüchtern hört, kann man nicht einmal ansatzweise erahnen, welche Dramatik mit dem Gewinn dieser Medaillen verbunden war, dass an diesem Tag ein Stück Sportgeschichte geschrieben wurde.
Winkler: Als Weltmeister bin ich damals als Mitfavorit nach Stockholm gereist. Der Parcours bereitet meinem Pferd „Halla“ auch überhaupt keine Probleme. Dann kommt der 13. Sprung. Und plötzlich durchzuckt ein Schmerz meinen Körper, ich kann mich kaum noch im Sattel halten, beende den Umlauf halb ohnmächtig. In der Pause zum zweiten Umlauf wird ein Muskelriss in der Leiste diagnostiziert. Ein Arzt versucht, die Schmerzen mit einem Zäpfchen zu mindern, wirklich besser wird es nicht, aufgeben kann ich aber auch nicht, dann wäre die Mannschaft geplatzt. Also rein in den Sattel und auf zum zweiten Umlauf. Der wird zu einem Martyrium. Ich hänge fast hilflos auf dem Rücken des Pferdes, kann ihm so gut wie keine Hilfen geben. Aber Halla meistert die Situation, bleibt fehlerlos und rettet damit nicht nur mir, sondern auch dem Team die Goldmedaille.
ECHO: Wenn man das so hört, dann muss Halla ja ein unglaubliches Pferd gewesen sein.
Winkler: Sie war, und das kommt bei Pferden nicht häufig vor, hochintelligent. Sie war aber auch eine Zicke mit vielen kleinen und großen Macken.
ECHO: Beschreiben Sie doch mal Halla.
Winkler: Eigentlich sollte sie
Geboren: 24. Juli 1926
Wohnort: Warendorf
Familienstand: Er war in vierter Ehe mit der US-Amerikanerin Debby Maloy verheiratet. Sie starb im Februar 2011 bei einem Reitunfall.
Kinder: Zwei
Größte Erfolge: 5x Gold bei Olympischen Spielen (1956 Einzel und Mannschaft; 1960, 1964 und 1972 Mannschaft), 1x Silber (1976 Mannschaft), 1x Bronze (1968 Mannschaft); 2x Gold bei Weltmeisterschaften (1954 und 1955 – jeweils Einzel); 1x Gold bei Europameisterschaften (1957), 1x Silber (1962), 3x Bronze (1958, 1961 und 1969); Deutscher Meister 1959
Auszeichnungen: 2x Sportler des Jahres (1955 und 1956); 2x Sportler des Jahrzehnts (fünfziger und sechziger Jahre); Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern; Sport-Pyramide; Medienpreis Bambi; Mitglied der deutschen Hall of Fame; Mitglied des Ehrenkomitees der Spanischen Hofreitschule
ECHO: Wie ist sie dann zu Ihnen gekommen?
Winkler: „Halla“ wurde als für den Sport nicht tauglich befunden und zurück zu ihrem Besitzer Gustav Vierling nach Darmstadt geschickt. Dass sie dann bei mir gelandet ist, war reiner Zufall. Vierling hat mich in Warendorf auf der Straße angesprochen und mir angeboten, sie zu reiten. Ich habe ja gesagt, und so stand sie plötzlich bei mir im Stall.
ECHO: Wenn sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken – sind Sie dann auch ein wenig stolz?
Winkler: Schon als junger Mensch hatte ich nur ein Ziel – ich wollte es schaffen, wollte durch Leistung nach oben kommen und irgendwann der Beste werden. Das habe ich geschafft. Und insofern bin ich schon ein bisschen stolz darauf, was ich in meinem Leben erreicht habe. Und das beziehe ich nicht nur auf den Sport.
ECHO: Zu den nicht so erfolgreichen Kapiteln Ihrer Sport-Laufbahn gehört die Zeit als Bundestrainer.
Winkler: Ganz ehrlich – das war eine fürchterliche Zeit. Eigentlich wollte ich auch nie Bundestrainer werden. Und im Nachhinein bereue ich es auch, dass ich mich damals habe überreden lassen.
ECHO: Zur Gegenwart. Auch im Alter von 85 Jahren sind Sie noch ein eifriger Turnierbesucher und bestens mit der Materie vertraut. Wie beurteilen Sie Ihre Nachfolger?
Winkler: Wir haben in Deutschland viele gute Reiter. Allerdings gibt es die im Ausland auch. Insgesamt liegt die Spitze sehr eng beieinander. Dass unsere Mannschaft trotzdem zuletzt wieder bei den Welt- und Europameisterschaften ganz oben auf dem Siegerpodest stand, spricht für sich. Wenn es darauf ankommt, sind wir zu besonderen Leistungen fähig.
ECHO: Ihnen wird häufig nachgesagt, zu Ihren Nachfolgern nicht das beste Verhältnis zu haben.
Winkler: Ich bin ein kritischer Mensch, und Kritik kommt nicht immer gut an. Trotzdem, so glaube ich, ist das Verhältnis zu meinen Nachfolgern gut. Auch mit Ludger Beerbaum, mit dem mich früher keine große Freundschaft verband, verstehe ich mich mittlerweile mehr als nur passabel.
ECHO: Als kritischer Mensch setzen Sie sich auch mit dem Reitsport durchaus kritisch auseinander. Was gefällt Ihnen nicht?
Winkler: Wir haben einfach zu viele Turniere. Dadurch bekommen die Top-Pferde zu wenige Pausen. Das ist aus meiner Sicht ein Riesenproblem. Pferde sind nun einmal keine Maschinen. Wenn überhaupt, dann kann man sie am ehesten mit Formel-1-Rennwagen vergleichen. Wenn man an denen eine Schraube überdreht, dann bleibt der Wagen irgendwann stehen. Genauso ist das auch bei Pferden.
ECHO: Für gute Pferde müssen heute Millionen auf den Tisch gelegt werden. Kann das nicht auch zu einem Problem des Reitsports werden?
Winkler: Wie im richtigen Leben sind auch im Reitsport Angebot und Nachfrage für den Preis entscheidend. Das mag man bedauern, zu ändern ist es vermutlich nicht. Deshalb brauchen wir Sponsoren. Davon gibt es aber leider zu wenige. Negativ macht sich in diesem Zusammenhang bemerkbar, dass die meisten großen Firmen nicht mehr von Inhabern geführt werden. Stattdessen haben dort heute Manager das Sagen. Und es ist schwierig, von denen Geld für den Sport zu bekommen.

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