,,Die Caro entwickelt sich beständig"
Trainer Johannes Altner glaubt, ,,der Heimvorteil ist bestimmt auch gut für den Kopf"
Der Gipfel ruft. Caroline North wurde der Ruf in die Wiege gelegt. In der Schweiz geboren und drei Jahre dort zuhause, war die naturbegeisterte Familie viel beim Wandern in den Bergen unterwegs. Am Wochenende zählt die 18 Jahre alte Tochter zur Elite der Juniorinnen bei den deutschen Titelkämpfen im Sportklettern, in der Kletterhalle der Sektion Darmstadt/Starkenburg des Deutschen Alpenvereins (DAV). Die vertraute Wand bedeutet für sie besonderen Kick. ,,Man kommt in die Halle, und man fühlt sich irgendwie zuhause." Trainer Johannes Altner glaubt, ,,der Heimvorteil ist bestimmt auch gut für den Kopf. Der Heimvorteil findet nur im Kopf statt." Ausblenden zu können, hofft die Athletin die ungewohnt große Kulisse und den Fokus im Elitefeld zu klettern. Der zweite Hoffnungsträger des Vereins, Doppel-Hessenmeister Marvin Winkler (Jugend A, Aktive), ist wegen einer hartnäckigen Schulterverletzung nicht am Start. Dabei sein ist alles: Platz fünf in der Addition der drei Wettbewerbe des Deutschland Cups zuvor trug die Darmstädterin unter die acht Finalistinnen. ,,Es ist ja schon ein Erfolg, dass ich mich qualifiziert habe." Große Chancen rechnet sich die Schülerin der Edith Stein-Schule nicht aus. Julia Wurm (Wuppertal), Doppelmeisterin bei Juniorinnen und Aktiven, Ines Dull (Kempten) und Luisa Neumärker (Dresden) klettern in einer anderen Liga. ,,Die sind alle richtig stark." Teenager unter sich. Trainer Altner: ,,Der Faktor, dass die Leute immer jünger werden, hat mit der Infrastruktur zu tun." Denn Kletterhallen schießen inzwischen aus dem Boden. Das neue DAV-Zentrum in Darmstadt hat auch bei Caroline North Energie freigesetzt. ,,Das ist ja mein zweites Zuhause." Fünf Minuten von der Wohnung entfernt, bewegt sie sich fast täglich in der 17 Meter hohen Kunstfelswand mit dem imposanten Vorsprung oder im Boulderraum einen Stock höher. Dort wird ohne Seilsicherung geklettert, bis zu drei Meter über dem Boden. Wer abstürzt, fällt auf einen Mattenteppich. An den verwirrend vielen bunten Griffen hängen Erfolg oder Misserfolg. Allein gegen den Schwierigkeitsgrad. Jede Route ist anders - auch im Halbfinale und Finale des Meisterschafts-Programms am Sonntag, wenn es für den Nachwuchs ernst wird. Die Aktiven küren die Besten im Sportklettern und Speed (gegen die Uhr) am heutigen Samstag. Plusminus 40 Kletterzüge bis zum Gipfel. Altner: ,,Das werden nur wenige schaffen." Im Idealfall ein Athlet, ,,dann haben die Routenplaner gute Arbeit getan". Individualisten sind gefragt, die gutes Körpergefühl, angenehme Atmosphäre und sportliche Herausforderung verinnerlichen. ,,Es ist einfach eine Leidenschaft", spürt Caroline North. ,,Und die Leute sind super nett, alle auf einer Wellenlänge und immer neue Gesichter, das reizt einfach." Klettern muss jeder allein, doch die starke Nachwuchsgruppe in Darmstadt, die zusammen trainiert, mag sie nicht missen. Obwohl Zeitgeist und Technik die Berge in die Hallen versetzen, ist ihr Klettern in der Natur lieb und teuer. Nach einem Jahr Schüleraustausch in Argentinien empfindet die angehende Abiturientin das Naturerlebnis noch tiefer. Den eigenen Stil charakterisiert sie so: ,,Mein Klettern ist eher kontrolliert. Viel blocken kann ich. " (Zupacken, Haltekraft an den Griffen). Es gilt ökonomisch zu arbeiten, um nicht zuviel Kraft zu vergeuden. Ein guter Plan im Kopf und genaues Einprägen der Route helfen. Altner: ,,Die Caro entwickelt sich beständig." An den technischen Defiziten wird gearbeitet. Auch an der Fähigkeit, sich gut motivieren zu können.Vor und während des Wettkampfs sind die Sportkletterer isoliert. Sie haben sechs Minuten Zeit, sich die jeweilige Route einzuprägen. Danach kehren sie in die Isolation zurück, starten in der umgekehrten Reihenfolge ihrer Platzierung und müssen in einem Zeitlimit die Wand meistern. Caroline North: ,,Von den Fehlern des Gegners kann man da nicht lernen."Johannes Altner wird am Wochenende wenig assistieren können. Er arbeitet als Hauptschiedsrichter. National erwarb er die Lizenz vor zehn Jahren. International amtiert er seit vier Jahren bei Wettkämpfen. Andreas Vontorre, Trainer der Sektion Frankfurt, wo Caroline North bisweilen mit trainiert, springt bei Bedarf ein. Die Außenansicht des Trainers während der Klettertouren sowie gründliche Videoanalysen zählen zum Übungsprogramm, wie das Absichern mit dem Seil. Altner: ,,Worauf wir immer achten, ist, dass man das Positive im Kopf hat. Positiv denken, was sind meine Stärken, was mache ich gut, nicht die Fehler." Zum gesunden Geist gehört der gesunde Körper. Um die Herausforderung meistern zu können, ist das ausgewogene Verhältnis von Gewicht und Kraft notwendig. Der gute Kletterer ist nicht muskelbepackt, aber auch kein Hungerhaken. Altner: ,,Die Leistung stimmt am ehesten, wenn die Ernährung stimmt." Die richtigen Schuhe und der Gurt um die Hüfte, verknüpft mit dem Sicherungsseil, gehören zum technischen Equipment. Handschuhe verbieten sich: Fingerspitzengefühl ist neben der Haltekraft in Händen und Füßen der Schlüssel zum erfolgreichen Routengang.
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