Im Vorjahr schimpfte Stefan Koch im Ziel noch wie ein Rohrspatz, nachdem ihn ein Sturz und seiner Meinung nach mangelhafte Betreuung um ein besseres Ergebnis als Platz drei gebracht hatten. Am Sonntag nun herzte er strahlend das Siegerband und fragte die Helferinnen gleich, ob er es behalten darf. „Ich habe erst im Ziel realisiert, dass ich es geschafft habe“, sagte der 27 Jahre alte Läufer von Tusem Essen.
Dass er seinen vierten deutschen Halbmarathon-Meistertitel in einer Zeit holte, die in 1:05:22 Stunden klar über seiner Bestzeit und der Siegerzeit des Vorjahres lag, störte ihn wenig. „Das war ein taktisch sehr schwieriges Rennen“, sagte Koch, der sich lange aus der Tempoarbeit heraushielt und nach 15 der 21,1 Kilometer den entscheidenden Antritt setzte.
Diese Taktik auf der teilweise sehr umwindeten Wilhelm-Leuschner-Straße gefiel vor allem einem Gegner gar nicht. „Laufen macht keinen Spaß, wenn es nicht auch um eine gute Zeit geht“, schimpfte der am Ende drittplatzierte Musa Roba-Kinkal (SC Gelnhausen), der nach Platz zwei im Vorjahr mit der Überzeugung angetreten war, in seinem zweiten Halbmarathon den ersten Titel zu holen.
Allein Sören Kah (LG Lahn-Aar Esterau) konnte Kochs Tempo folgen. Dem sechs Sekunden zurückliegenden Vizemeister war die verhaltene erste Rennhälfte ganz recht. „Jetzt nehme ich ein gutes Gefühl mit nach Hamburg“, sagte Kah, der dort seine Marathon-Bestzeit auf 2:15 Stunden steigern will.Bisher stehen 2:17:58 aus Frankfurt im Oktober 2011 zu Buche.
Dort verpasste Stefan Koch einmal seine Trinkflasche, was für ihn der Grund für den Ausstieg war. In diesem Herbst will er nun die Norm für die Marathon-WM 2013 meistern. Das optische und taktische Gegenstück zum kämpferischen Siegerstil bei den Männern gab es bei den Frauen. Die dunkelhäutige Simret Restle-Apel lief im schicken grünen Trikot des PSV Kassel und mit Designer-Sonnenbrille zu ihrem ersten Halbmarathon-Titel. Elegant, aber von Beginn an vorne. „Ich hatte nichts zu verlieren. Ich habe mir gedacht: Entweder es klappt oder es klappt nicht“, sagte die 27 Jahre alte Wiesbadenerin, die einen Tag zuvor erst aus dem Trainingslager in St. Moritz heimgekehrt war und sich eigentlich müde gefühlt hatte.
Dass die Taktik in persönlicher Bestzeit (1:12:57) aufging, nervte vor allem Susanne Hahn. „Ich bin ratlos, ich wollte hier gewinnen. Ich hoffe, dass ich ein schlechtes Rennen in dieser Saison hatte, und das war heute“, grantelte die 48 Sekunden später ins Ziel laufende Troisdorferin im Trikot des SV Saarbrücken, die wie im Vorjahr Zweite war.Zu den besseren Rennen soll der olympische Marathon gehören. „Ich bin zuversichtlich, dass ich das Tempo von heute in London durchlaufen kann“, verblüffte die 33 Jahre alt Hahn mit einer Ansage, die unter ihrer Marathon-Bestzeit von 2:28:49 liegen würde, mit der sie in Frankfurt die Olympia-Norm deutlich geknackt hatte.
Simret Restle-Apel, die seit der Hochzeit ihres 30 Jahre älteren alten Mannes einen Doppelnamen hat, könnte sich in diesem Oktober auch einen Start in Frankfurt vorstellen. Dass ihr Trainer Winfried Aufenanger kurz zuvor gesagt hatte „wenn Debüt, dann bei einem kleineren Marathon“ passt zur bisweilen eigenwilligen Art der in Eritrea gebürtigen Läuferin. Aber erst einmal hat sie ohnehin die Olympia-Qualifikation über 5000 oder 10 000 Meter im Visier.
Dass sie sich nach den guten Eindrücken in St. Moritz kurzfristig für den Start in Griesheim entschieden hatte, geriet auch zum Leidwesen der Familie Heinig. Den anvisierten Mannschaftstitel mit der LG Eintracht schnappte der PSV Kassel weg. Mutter Katrin verteidigte dafür den Einzeltitel in der W50 und lag in 1:20:41 Stunden nur sechs Sekunden über ihrem im Vorjahr aufgestellten Altersklassenrekord.
Tochter Katharina sicherte sich mit einem beherzten Endspurt auf der Stadionrunde Gesamtplatz drei und konnte nach der persönlichen Bestzeit von 1:15:49 strahlend bilanzieren: „Das war ein Hammerrennen.“
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