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Konrad Koch: Wo Bälle mit dem Fuße fortgeschleudert werden

Fußball: Wie das Spiel nach Deutschland kam und welche Rolle Konrad Koch dabei wirklich hatte

„Konrad Koch ist der Begründer der Spielbewegung in Braunschweig und ihr frühester Vertreter in Deutschland gewesen. [...] Er hat sich den Anspruch errungen, der tiefgründigste Theoretiker der Leibesübungen zu sein, den wir vorderhand aufzuweisen haben.“
Konrad Koch war Gründer der Spielbewegung in Deutschland, durch die sich auch der Fußball in Deutschland etablierte. Foto: Echo


„Konrad Koch ist der Begründer der Spielbewegung in Braunschweig und ihr frühester Vertreter in Deutschland gewesen. [...] Er hat sich den Anspruch errungen, der tiefgründigste Theoretiker der Leibesübungen zu sein, den wir vorderhand aufzuweisen haben.“ Mit diesen Worten schloss nach seinem Tode vor knapp 100 Jahren einer der zahlreichen Nachrufe auf Konrad Koch. Seit dem vergangenen Donnerstag würdigt der Kinofilm „Der ganz große Traum des Konrad Koch“, der im Jahre 1874 spielt, besagten Pädagogen. Wie es in der Filmwelt allerdings oft üblich ist, in Form einer etwas verklärten, fiktiven Gestalt. Im wahren Leben unterrichtete Koch Deutsch und Philosophie und nicht Englisch. Auch besuchte er in den Jahren zuvor keineswegs die britische Insel und zu guter Letzt spielte er 1874 keinen Fußball mit seinen Schülern, sondern Rugby.

Fußball gespielt wurde 1874 allerdings bereits anderenorts in Deutschland. In Dresden. Dort erzählte man sich von „einigen zwanzig jungen Männern in einem Costüm, und zwar zur Unterscheidung in verschiedenen Farben. Eine Art wollener oder seidener Unterjacken, mit und ohne Ärmel, kurz anliegende Beinkleider, die das nackte Knie sehen ließen, lange Strümpfe, sehr bequeme Schuhe oder Schnürstiefel, bilden die Bekleidung.“ Schenken wir heute der Leipziger Illustrierten vom April 1874 glauben, so handelte es sich dabei um „eine Gesellschaft, die sich Dresden Football Club [D.F.C.] nennt,“ und um einen Spielbetrieb „bei dem die Bälle mit dem Fuße fortgeschleudert werden.“ Dieser Dresdener Verein - bei seinen Mitgliedern handelte es sich ausschließlich um Engländer und Amerikaner die in Dresden lebten - ist der bis heute früheste, nachweisbare Fußballclub in Deutschland sowie auf dem gesamten Festland.

Auch in anderen deutschen Städten waren es vornehmlich die Engländer, die das Spiel mit dem runden Leder den Einheimischen näher brachten. So auch in Berlin, Mitte der 1880er Jahre. Hier verdiente sich zu dieser Zeit sogar schon ein Junge sein Geld mit dem Fußball. Hauptsächlich auf dem Tempelhofer Feld jagten die jungen Männer aus Britannien in der Reichshauptstadt der hüpfenden Lederkugel hinterher. Schnell hatten sie mit ihrem Tun auch die Aufmerksamkeit der Schüler des nahen Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums gewonnen. Vermehrt tauchten diese nun im renommierten Sportgeschäft E. H. Schütze auf und verlangten nach dem für sie neumodischen, rundledernen Spielgerät. So kam der Inhaber nicht umhin, eine Bestellung in England aufzugeben.
Als die Lieferung bereits nach kurzer Zeit eintraf, sah man sich allerdings mit einem scheinbar unlösbaren Problem konfrontiert. Im Paket befanden sich keine runden Bälle, sondern lediglich deren Einzelteile. Lederhüllen und -riemen sowie die Gummiblasen, fein säuberlich zusammengefaltet. Beiliegend noch ein Schnürhaken sowie eine Luftpumpe. Mehr recht als schlecht schusterten die Bediensteten das exotische Spielgerät zusammen. Spätestens beim Versuch, ihm mittels der Luftpumpe Leben einzuhauchen, sollten sie allerdings scheitern. Es blieb nichts anderes übrig, als einen der englischen Cracks herbei zu zitieren. Als dieser von den Schwierigkeiten der deutschen Ballbeherrschung erfuhr, schickte er kurzerhand seinen Sohn, um Abhilfe zu schaffen.
Noch sehr oft musste dieser mit dem runden Leder sehr wohl vertraute junge Mann in den kommenden Wochen und Monaten im Sportgeschäft E. H. Schütze erscheinen. Dieser ersten Lieferung aus dem Mutterland sollten noch zahlreiche folgen. Die Bälle für die Berliner Jugend spielgerecht zu montieren, stellte sich als ein nicht schlecht bezahlter Job für den Burschen heraus.
1893 wurde in Stuttgart ein Vorgängerverein des heutigen VfB Stuttgart gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern des Stuttgarter Fußballvereins, der übrigens in den ersten Jahren seines Bestehens ebenfalls lediglich das Rugby-Spiel pflegte, befand sich auch der Fußballpionier Philipp Heineken. Jahre Später berichtete dieser über die Freizeitgestaltung der Schuljugend seiner Zeit. „Da waren die jährlichen Kämpfe der vereinigten Schulen gegen die Volksschüler in den Straßen der Vorstädte, bei denen auf der einen Seite ausgiebiger Gebrauch von Steinen, auf der anderen gute Knüppel und forsches Draufgehen die Hauptwaffen bildeten, sie endeten meistens mit blutigen Köpfen auf beiden Seiten.“
Auch solche Zustände waren für Konrad Koch Motivation genug, am Schulsystem zu rütteln und die Einführung der sogenannten Spielenachmittage in Braunschweig einzufordern und einzuführen. Koch erkannte, dass das autoritäre Erziehungs- und Schulsystem dieser Jahre bei den jugendlichen Schülern und Studenten ein enormes Gewalt- und Aggressionspotential erzeugte. „Alle diese rauhen Unterhaltungen verschwanden mit der Errichtung des Fußball-Clubs“, so Koch.

Abschließend sei noch erwähnt, dass Koch in seiner Braunschweiger Schule das Fußballspiel erst knappe 20 Jahre nach 1874 einführte. Folgende Zeilen wurde im Jahre 1899 von ihm selbst verfasst: „Bis 1893 ward von uns ausschließlich der gemischte Fußball (mit Aufnehmen) betrieben [...] Im Herbst 1893 sah ich mich veranlaßt, das einfache Spiel einzuführen.“ Unter dem „gemischten Fußball mit Aufnehmen des Balles“ verstand man in der damaligen Zeit das Spiel nach den Rugby-Regeln, wo es natürlich gestattet war und auch noch heute ist, den Ball auch mit den Händen aufzunehmen. Die Version nach den Associations-Regeln, aus dem das heutige Fußballspiel entstand, bezeichneten die Ur-Kicker als das „Einfache Spiel ohne Aufnehmen des Balles“.



 

Artikel Text Laenge: 5642

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  • 26. Februar 2011
  • Von Andreas wittner
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