Es fegt ein kalter Wind durch das Stadion in Duisburg-Homberg. 1200 Zuschauer füllen die Tribünen spärlich im heimeligen Stadion, in dem sonst die Fünftliga-Kicker des VfR Homberg spielen. 5000 passen rein, aber mehr kommen selten, wenn die Bundesliga-Frauen des FCR Duisburg zum Heimspiel laden. Der FC Bayern München ist zu Gast, die roten Trikots mit goldener Schrift erinnern ein bisschen an den großen Fußball. Aber der spielt sich hier nicht ab.
Auf dem Rasen steht Linda Bresonik, sie ist Nationalspielerin. Sie hat Mühe, ihr Spiel zu finden. Dann wird sie gegen Barbara Müller ausgewechselt, die dem Leistungsfußball mit erstaunlich opulenter Figur nachgeht. Auf der Tribüne raunt ein Vertreter des Duisburger Konkurrenten 1. FFC Frankfurt: „Die würde bei mir aus Prinzip kein Spiel machen. Das hat mit Leistungssport nichts zu tun.“ Tristesse in Duisburg-Homberg.
Der FCR Duisburg, neben Frankfurt und Turbine Potsdam führend im deutschen Frauenfußball, gewinnt am Ende mit 3:1. Auch Alexandra Popp hat ein Tor geschossen, aber gejubelt hat sie nicht wie im Sommer in den großen Arenen der Republik, als Deutschland Weltmeister werden wollte und in der Spitze 17 Millionen Menschen vor dem Fernseher mitfieberten.
Hier, in Duisburg-Homberg, ist alles eine Nummer kleiner. Schlecht gelaunter. Hier muss sich auch eine Nationalspielerin wie Bresonik von Trainer Marco Ketelaer sagen lassen, dass sie derzeit „keine positive Ausstrahlung auf ihre Mitspielerinnen“ hat. Japans Weltmeisterin Kozue Ando sitzt bei ihm gar nur auf der Bank. „Sie hatte zu viele Termine nach der WM, ist noch nicht in der Spur“, sagt Ketelaer. Und jedes Wort von dem Mann mit dem zackigen Haarschnitt und der Nickelbrille macht deutlich: Vom Hochglanzprodukt Frauen-WM ist nicht mehr viel übrig geblieben. Weder bei den Spielerinnen, „die gebraucht haben, um sich wieder an unsere Welt zu gewöhnen“, wie der Trainer sagt. Noch in Sachen Boom, den der DFB erwartet hatte. „Dafür“, stellt Ketelaer nüchtern fest, „hätten sie den Titel holen müssen.“
„Sie“, die Nationalelf, ist aber im Viertelfinale ausgeschieden. Seither hat sich Mehltau über diesen Sport gelegt. Als seien die Frauen für einen Monat aus der Kiste auf die große Bühne entlassen worden – und dann wieder in derselben verschwunden.
Nachhaltigkeit ist anders. Die Zuschauerzahlen bei den großen Drei der Liga haben sich in bescheidenem Maße gesteigert. Bei Bayer Leverkusen (Schnitt von 450) oder beim FC Bayern (550) ist der Boom nie angekommen.
Selbst die Nationalelf, die sich aktuell durch die EM-Qualifikation kämpft, müht sich eher, mit Autogrammstunden und anderen PR-Terminen neu zu säen, als jetzt die eigentlich erwartete Ernte einzufahren. Dem Negativerlebnis, in Rumänien kürzlich vor 150 Zuschauern spielen zu müssen, folgten immerhin 12 000 im Heimspiel am Hamburger Millerntor im Freundschaftskick gegen Schweden. Jetzt, am Samstag gegen Kasachstan, will der DFB-Tross die Wiesbadener Drittliga-Arena füllen. Es wird schwer.
„Mir war klar, dass sie uns in der Bundesliga nicht die Bude einrennen, dass die WM etwas Besonderes war. Und dass jetzt keiner mehr vor der Tür steht“, hat unlängst Nationalspielerin Celia Okoyino da Mbabi gesagt. Bundestrainerin Silvia Neid, die mit dem Team durch das frühe Ausscheiden bei der WM auch den Höhepunkt Olympia 2012 verpasst hat, spricht von einer „Phase der Neustrukturierung“, es geht gegen zweit- und drittklassige Gegner, sie baut ein neues Team auf – und die Öffentlichkeit begleitet das im kleinen Rahmen.
Auch aus DFB-Präsident Theo Zwanziger, dessen Sohn Ralf Manager für Frauenfußball bei 1899 Hoffenheim ist, sprach unlängst Enttäuschung. „Der Frauenfußball ist noch längst nicht dort, wo wir nach der Frauen-WM gerne wären.“ Kaum zu glauben, dass er diese Erwartungen jemals erfüllen kann. Der nächste Höhepunkt muss her. Es ist die EM, 2013 in Schweden. Bis dahin ist es ein weiter, vielleicht auch ein zäher Weg.
Nach Siegen gegen die Schweiz (3:0) und Rumänien (3:0) ist Deutschland in der EM-Qualifikation derzeit Zweiter hinter Spanien, das in drei Spielen drei Siege und 17:3 Tore einfuhr. Weitere Gruppengegner der Deutschen sind Kasachstan (heute, Samstag, 15.45 Uhr/ZDF), Spanien und die Türkei. Die Europameisterschaft wird vom 10. bis zum 28. Juli 2013 mit zwölf Teams in Schweden ausgetragen.
EM-Qualifikation
Gruppe 2
Deutschland – Kasachstan(Sa.)
Rumänien – Spanien(So.)3 3 0 00 17:3 9 2. Deutschland 2 2 0 0 7:1 6 3. Rumänien 4 2 0 22 11:8 6 4. Kasachstan 4 1 1 2 2:7 4 5. Schweiz 3 1 0 22 7:8 3 6. Türkei 4 0 1 3 2:19 1
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