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30. Dezember 2011  | Von Wolfgang Knöss

„Auf einmal wussten alle, da geht noch was“

SV Darmstadt 98 – Michael Mark hat als Fan und Betreuer mit den Lilien schon so einiges erlebt, doch auch für ihn kam der Aufstieg in die Dritte Liga überraschend – Bei 600 Heimspielen in Folge dabei

 
| Vergrößern | Michael Mark Foto: Herbert_Krämer

Seine Erinnerungen an diesen Tag verblassen jedoch im Vergleich zu denen, die die Ereignisse wenige Wochen später hinterließen. Da gelang dem SV 98 endlich der so lang ersehnte Sprung nach oben, die Rückkehr in den Profifußball. Eine Saison endete erfolgreich, die mit ganz anderen Erwartungen begonnen hatte. „Ich war mir sicher, dass wir mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben werden, und wollte einfach mal eine ruhige Spielzeit erleben“, erinnert sich Mark.
Dieser bescheiden anmutende Wunsch erklärt sich beim Blick auf die jüngere Vergangenheit des Vereins, der seit dem Abstieg aus der Zweiten Liga 1993 konstant zwischen der dritthöchsten und vierthöchsten Spielklasse pendelte. „Ich habe jedenfalls mehr Ab- als Aufstiege erlebt“, so der leidenschaftliche Anhänger Mark.
Die Saison 2010/2011 begann für den SV 98 auch „erwartungsgemäß“ – mit einem 0:2 im eigenen Stadion gegen den SC Pfullendorf. Bis zur Winterpause arbeitete sich die Mannschaft aber Stück für Stück nach oben und überwinterte schließlich auf Platz fünf.
Was dann folgte, hatte auch Mark so noch nicht erlebt. Zumal er die Ereignisse der kommenden Wochen und Monate aus einer anderen Perspektive betrachtete als früher. Seit einiger Zeit zeichnet Mark für die professionelle Analyse die Spiele der Lilien mit der Kamera auf. Zudem kümmert er sich als Betreuer um die Ausrüstung der Mannschaft. Vom Fan zum Macher – mit dieser Veränderung wandelt sich auch der Blickwinkel. „Nur Zuschauer zu sein, ist am einfachsten. Je mehr man weiß, um so schlechter ist es“, sagt Mark. Die naive Unschuld des Fandaseins geht verloren, dafür müssen Alltagsprobleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden.
In der abgelaufenen Saison jedenfalls war Mark hautnah dabei, als der Kader in der Winterpause durch Michael Schürg, Henry Onwuzuruike, Abdelaziz Ahanfouf, Nikolaos Nakas und Jan Zimmermann verstärkt wurde. Bei den Verantwortlichen machte sich die Hoffnung breit, so doch noch in den Aufstiegskampf eingreifen zu können. Richtig in Fahrt kamen die Lilien zwar lange nicht, durch das Schwächeln der Konkurrenz wurde die Situation aber von Woche zu Woche spannender. Bis zur 0:1-Niederlage bei den Stuttgarter Kickers. „Da schien die Sache eigentlich gelaufen. Das entscheidende Spiel war dann aber die Partie gegen Hessen Kassel“, erinnert sich Mark und seine Augen leuchten wie die vieler SV 98-Anhänger, wenn sie an diese 90 Minuten denken. Mark: „Nach dem 3:2-Siegtreffer kurz vor Schluss wussten alle, da geht noch was.“ Und richtig, beim SV 98 lief ab da alles fast von alleine, beim damaligen Tabellenführer Hessen Kassel dagegen nichts mehr.
Besonderen Stellenwert hat für Mark auch der Treffer von Yannick Stark zum 2:1 am vorletzten Spieltag in Worms. „Da ist bei vielen die ganze Anspannung abgefallen, denn dass wir gegen den FC Memmingen noch patzen würden, das hat niemand geglaubt.“ Nach dem 4:0 vor 17 000 Zuschauern am letzten Spieltag war dann feiern angesagt.

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Nach dem Spiel: Die Darmstädter Mannschaft feiert die Regionalliga-Meisterschaft und den Aufstieg in die 3. Liga. Foto: Herbert Krämer
Seine eigene Rolle unter den vielen Angestellten und Ehrenamtlichen des Vereins im Aufstiegsjahr bewertet Mark eher bescheiden. Typisch für den Achtundvierzigjährigen, der von sich selbst sagt: „Ich halte mich lieber im Hintergrund. Als Entertainer bin ich fehl am Platz.“ Einer, dem es nicht um sich selbst, sondern um die Sache geht. Nicht unbedingt üblich im Fußball-Geschäft, in dem Selbstdarsteller keine Seltenheit sind.
Dennoch gibt es auch Brüche in dieser scheinbar so problemlosen Beziehung zwischen dem Menschen Michael Mark und dem Verein, für den sein Herz schlägt. Nicht jede Entscheidung in den letzten 30 Jahren fand seine Unterstützung. Manchmal schwand sogar die Überzeugung, Zeit und Energie an der richtigen Stelle aufzuwenden.
Apropos Zeit und Energie. Marks Ehefrau Monika trägt die Leidenschaft ihres Mannes mit Geduld und Toleranz. „Sie hat sich daran gewöhnen müssen“, sagt Mark. Ebenso wie seine Kunden, die wissen, dass er bei Samstagsspielen nicht in seinem Laden anzutreffen ist. Der gebürtige Darmstädter betreibt seit 1987 in Pfungstadt ein Spielwarengeschäft. Doch das Verständnis der Kundschaft ist groß, erst recht in erfolgreichen Zeiten.
Der gelernte Groß-und Außenhandelskaufmann hat aber auch schon andere Phasen und Stimmungen mit dem SV 98 erlebt. Was dazu führt, dass er manches mit mehr Sinn für die Realität betrachtet als andere. Und mit weniger Überschwang. „Wer die zwei Jahre Bundesliga und die lange Zeit in der Zweiten Liga nicht miterlebt hat, für den ist das jetzt natürlich etwas ganz Besonderes“, sagt Mark. Aber bei aller Zurückhaltung, die Dritte Liga ist auch für ihn neue Motivation. „Die Liga hat einfach ein anderes Flair als die Regionalliga mit den vielen zweiten Mannschaften. Michael Marks Arbeit für den SV Darmstadt 98 hat sich durch den Aufstieg nicht verändert, er erledigt sie weiter auf seine Art – zuverlässig und im Hintergrund. Und in der Hoffnung auf weitere besondere Tage.

 
 


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