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Die nasse Gefahr ist nicht gebannt

Übung – Wenn der Rhein Hochwasser führt, können Hunderttausende Anwohner betroffen sein – Die Wehren sind gerüstet

600 000 Menschen leben in Südhessen in Gebieten, die von Rhein und Main überflutet werden könnten. Um sie bei Hochwasser zu schützen, üben Deichmeisterei und Wasserwehren regelmäßig den Ernstfall – wie am Wochenende in Groß-Rohrheim.
GROSS-ROHRHEIM.
15 Kilogramm wiegt ein Sandsack. Bei ihrer Übung hat die Wasserwehr 470 Stück verbaut. Foto: Jürgen Strieder
15 Kilogramm wiegt ein Sandsack. Bei ihrer Übung hat die Wasserwehr 470 Stück verbaut. Foto: Jürgen Strieder

Mit aller Macht drückt der Rhein bei Hochwasser gegen seine Deiche. Auch wenn der Pegel unterhalb der Deichkronen steht, bahnt sich das Nass im Untergrund Wege und kann auf der Landseite hervorsprudeln. „Genau hier kommt es hoch“, erklärt Martin Hofmann vom Dezernat Staatlicher Wasserbau des Regierungspräsidiums Darmstadt und zeigt auf eine trockene Stelle im Gras. Der Leiter der Wasserwehr von Groß-Rohrheim (Kreis Bergstraße), Andreas Ahl, sieht sich den fiktiven Schwachpunkt genau an. In wenigen Minuten wird er 60 Wehrleute im Übungseinsatz koordinieren. Ihre Aufgabe: den Deich stabilisieren.
Schon die Römer mieden das Hessische Ried wegen der Flutgefahr. Sie bauten die Bergstraße an den Hängen des Odenwalds. Auch in späteren Jahrhunderten lebten die Menschen im Ried beständig mit der Bedrohung durch Rheinhochwasser. Zuletzt brachen die Schutzdämme im Winter 1882/83 an gleich 20 Stellen. „Würde sich das heute wiederholen, dann wären im selben Gebiet über 220 000 Menschen betroffen“, erklärt Hofmann.

Seither wurden die Deiche verbreitert und erhöht, auf der Landseite zudem Plattenwege gebaut, um notfalls auch auf nassem Grund mit schwerem Gerät agieren zu können. Dennoch: Ohne die Wasserwehr geht es längs des Flusses nicht. In Groß-Rohrheim sind Bauhof und Feuerwehr zuständig, deren Leiter Andreas Ahl auch die Wasserwehr unter sich hat. Bei der Übung dabei sind zudem die Wehr aus Biblis (Kreis Bergstraße) sowie Einsatzkräfte aus Ludwigshafen und der Rheinpfalz.
Sie alle weist Manfred Feil vom Regierungspräsidium zunächst ins Übungsszenario ein. Das heißt „rückschreitende Erosion“: Der Rhein strömt unter dem Deich hindurch und auf der Landseite nach oben. Gefährlich daran ist, dass die Erde unter dem Schutzdamm herausgespült wird, was dessen Basis schwächt. Als Gegenmaßnahme soll die Wehr eine Quellkade bauen: einen kleinen Deich aus Sandsäcken, der die kritische Stelle umfängt.
Die Säcke, die der Bauhof zuvor gefüllt hat, liegen auf einem Anhänger bereit – ähnlich wie im Ernstfall. „Dass ein Hochwasser kommt, wissen die Gemeinden ja schon 48 Stunden vorher“, sagt Hofmann. In einer Menschenkette werden die Säcke weitergereicht und im Halbkreis um das fiktive Leck geschichtet. Hofmann, Feil und Otmar Leuthäußer von der Deichmeisterei in Biebesheim (Kreis Groß-Gerau) überwachen die Arbeit, geben Tipps und beantworten Fragen.
Eine kommt immer wieder auf: Warum wird nicht einfach das Leck zugedeckt? „Wenn Sie das machen, dann kommt das Wasser ein Stück weiter gleich wieder heraus“, erklärt Hofmann. Durch den Gegendruck des Wassers, das sich in der Quellkade sammelt, wird der Strom dagegen aufgehalten, der Deich provisorisch stabilisiert.
Wie wichtig solcher Schutz werden kann, weiß Groß-Rohrheims Bürgermeister Rainer Bersch (SPD), der zur Übung gekommen ist, noch aus eigener Erfahrung. „Beim letzten Hochwasser 1988 stand das Wasser schon bis an die B 44“, erinnert er sich. „Der Deich war sehr schwammig – das war ein beklemmendes Gefühl.“ Hochwasser an Flüssen dauern oft 14 Tage, erläutert Hofmann. In dieser Zeit können sich die Deiche komplett vollsaugen, sie werden durchlässig: „Ein Deich ist nie ganz dicht. Er schützt nur vor Überflutung.“
Mit der frisch aufgeschichteten Quellkade zeigt Hofmann sich zufrieden. 470 Sandsäcke sind verwendet worden. „Beim großen Elbhochwasser wurden auf einem Kilometer drei Millionen davon verbaut“, berichtet Hofmann. Bis zu 15 Kilogramm wiegt jeder, in nassem Zustand viel mehr. „Hat da eigentlich mal einer die verbrauchten Kalorien gezählt?“, feixt ein Helfer.
Immerhin: Nass wird bei der Übung niemand, denn der Rhein fließt friedlich in einiger Entfernung hinter Büschen und Bäumen. Wie schnell sich das ändern kann, weiß man im Hessischen Ried nur zu gut.


 

Artikel Text Laenge: 3874

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  • 16. April 2012
  • Von Tamara Krappmann
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