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04. Mai 2010  |  pel

,,Dankbar für das Erlebnis - trotz des Schreckens"

Gedenkkultur: Schüler der Heinemann- und der Kantschule berichten von ihrer Fahrt nach Auschwitz

| Vergrößern | Einer der rührendsten Momente beim Aufenthalt im früheren Konzentrationslager Auschwitz war für Schüler der Heinemann- und Kantschule die Begegnung mit dem Zeitzeugen Josef Aron, der in Jerusalem lebt und wie die jungen Rüsselsheimer zum ersten Mal Auschwitz betrat. Foto: Echo

Einer der berührendsten Momente für zehn Schüler der Immanuel-Kant-Schule und der Gustav-Heinemann-Schule bei ihrer Fahrt nach Auschwitz war die Begegnung mit Josef Aron, einem heute 75 Jahre alten jüdischen Zeitzeugen, der mit zehn Jahren ins das Konzentrationslager Bergen-Belsen kam, in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis seine Eltern verlor und über sechzig Jahre später den Rüsselsheimer Oberstufenschülern als freundlicher alter Herr gegenüber saß - ohne Hass und vom Gottesglauben gefestigt.

Besonders bewegt habe an diesem Treffen, sagte Charlotte Hörner von der Heinemannschule gestern bei der Nachbesprechung der Fahrt in der Alten Synagoge an der Mainzer Straße, dass er ihnen den Rat gegeben habe, die Eltern zu lieben, weil er keine gehabt habe.

Den Kontakt mit Josef, wie ihn die Schüler liebevoll nannten, werden sie halten. Ein Brief nach Jerusalem, wo Josef Aron wohnt, sei schon aufgesetzt. An eine Einladung nach Rüsselsheim wird gedacht.

Die spürbare Zuneigung zu dem alten Herren machte in der Alten Synagoge greifbar, wie sehr die direkte Begegnung mit dem Abgrund des Konzentrationslagers in Polen, der Dokumentation des Leidens und des millionenfachen Mordens - die endlosen Baracken, die tonnenweise abgeschnittenen Haare, Brillen und Schuhe, die erschreckenden Fotos geschundener Opfer, die Gruben zur Aufnahme der Menschenasche aus den Krematorien - nicht nur Schrecken verbreitet, sondern Menschlichkeit weckt, Herzen rührt, Leben verändert. Und ein ,,Gefühl der Verantwortung" wachsen lässt, wie David Kurbel von der Kantschule formulierte, das Erlebte weiter zu tragen und es ,,anderen begreiflich zu machen".

Denn nicht nur Kurbel hat erfahren, dass nackte Zahlen und Lehrbuchwissen über die Judenverfolgung ,,eher Distanz" schaffen. ,,Ein vollständiges Begreifen" sei freilich dennoch schwer möglich. Anfang Juni berichten die vier Kantschüler vor den Oberstufenklassen ihrer Schule.

Zwischen kaum auszuhaltenden bedrückenden Momenten und dem Aufgehobensein in der Gruppe schwankten die Gefühlslagen der Schüler während der Tage in Auschwitz. Miriam Frickel, ebenfalls von der Kant, berichtete, wie das äußere Grauen die Gruppe zusammenschweißte, dass es auf einmal möglich war, Gefühle zu zeigen, ,,aufgehoben zu sein und verstanden zu werden". Frickel: ,,Wir haben uns gegenseitig geholfen, mit den Eindrücken umzugehen".

Das innere Erlebnis und der Genius loci Auschwitz wirkt nach: Alle Zehn sind sich nach dem Aufenthalt an dem Ort, wo in den schlimmsten Zeiten täglich bis zu fünftausend Menschen umgebracht wurden, einig, dass dem Thema Antisemitismus und Rassismus Ernsthaftigkeit gebühre. ,,Ein leichtfertiger Umgang" mit diesem Thema sei für sie künftig nicht mehr möglich, sagte Miriam Frickel, selbst Moralpredigten werde sie nicht mehr scheuen.

Eine andere Schülerin spürte die in ihr aufgerissene seelische Tiefendimension nach der Rückkehr beim Fernsehprogramm, das ihr auf einmal flach und ,,sinnlos" vorkam. Bei Mira Bageerathan von der Heinemannschule wurde die handfest-glasklare Einsicht geweckt: ,,Es ist schon einmal passiert, es kann wieder passieren - rechtsradikale Gruppen müssen bekämpft werden". Entsprechend sei sie ,,dankbar für dieses Erlebnis - trotz des Schreckens".

Möglich gemacht hat dieses Erlebnis, das die Rüsselsheimer Schüler vom 12. bis 18. April mit rund hundert anderen Schülern aus dem gesamten Bundesgebiet teilten, der ,,Zug der Erinnerung", aufs Gleis gesetzt von der Organisation ,,Gegen das Vergessen, für Demokratie", in der der ehemalige Leiter der Heinemannschule, Klaus Müller, Mitglied ist, sowie - für die zehn Schüler aus der Opelstadt - die Stiftung Alte Synagoge. Wie berichtet, hat die Stiftung den Zugtransfer von Rüsselsheim nach Berlin gezahlt, von wo aus es nach zwei Tagen Vorinformation auf dem Zugdeportationsweg der jüdischen Naziopfer ins polnische Auschwitz ging.

Als Dankeschön für die Unterstützung überreichten die Schüler gestern eine Fotocollage und einen Reisebericht an die Stiftungsvorstände Torsten Regenstein und Willi Braun.

Nach dem Gespräch mit den Schülern resümierte Braun fast schon gerührt, er sei ,,heilfroh über diese Form der Erinnerung" - durch das Wecken von Menschlichkeit mittels leibhaftiger Konfrontation der Unmenschlichkeit zu gedenken.


 
 


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