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Hölle, Hölle, Odenwaldhölle

Die Facebook-Seite „Odenwaldhölle“ hat seit ihrer Gründung am 4. Januar bereits mehr als 5000 Likes.  Screenshot: lego
Die Facebook-Seite „Odenwaldhölle“ hat seit ihrer Gründung am 4. Januar bereits mehr als 5000 Likes.  Screenshot: lego
Neue Facebook-Seiten, zig Twitter-Nachrichten, Blogeinträge, ein Rap-Song: Ein Zeitungsartikel von Antonia Baum über den „scheußlichsten Ort der Welt“ im Bergsträßer Odenwald sorgt für Aufregung in den sozialen Netzwerken. Seit Tagen setzen sich Odenwald-Fans im Internet für ihre Heimat ein.
ODENWALDKREIS.

Ein einziger Artikel hat es geschafft, aus einer schönen Idylle die Hölle zu machen. Um genau zu sein: Die Odenwaldhölle. Im Artikel „Dieses Stück Germany“, erschienen im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) am 29. Dezember, behandelt die Redakteurin Antonia Baum die Region im Odenwald zwischen Birkenau und Rimbach als Ort ihrer Kindheit. „Das Niemandsland zwischen Birkenau und Rimbach ist der scheußlichste Ort der Welt. Wie die Odenwaldhölle junge Menschen zurichtet - und wie ich aus ihr entkommen bin“, schreibt Baum. In den sozialen Netzwerken hat der Artikel eine Welle der Empörung ausgelöst. Wenn es um ihre Heimat geht, verstehen die Odenwälder offenbar keinen Spaß.

Beleidigungen sind keine Seltenheit. „Die hat sich doch ihr Hirn kaputt gekifft“oder „(...) Diese Frau Baum hat ihren Verstand verkifft und hat den Knall nicht gehört“ schreiben User auf der Echo Online Facebook-Seite. Es geht aber auch sachlich. „Ich könnte die Geschichte genau anders herum erzählen! Ich hatte eine glückliche Kindheit und ein gutes Leben im Odenwald“, schreibt eine andere Kommentatorin. Und ein anderer User sieht den Artikel locker und mit Humor: „Ach du liebes bisschen! Natürlich finden Heranwachsende ihre Umgebung unerträglich und übertreiben in ihren Beschreibungen. Hier ist das witzig und gekonnt formuliert. Punkt. Die Politiker sind jedenfalls schlecht - wahrscheinlich gar nicht - beraten, hier Literaturschelte zu betreiben. Am Ende ist was Wahres dran“.




Locker, sachlich und mit Humor beim Thema „Odenwaldhölle“ sind allerdings die wenigstens Beiträge in den sozialen Netzwerken. Die neue Facebook-Gruppe „Odenwaldhölle“, die seit ihrer Gründung am 4. Januar mittlerweile über 5000 Likes hat, lobt das südhessische Mittelgebirge in den höchsten Tönen und ruft sogar zum Boykott der FAS auf. „Wir Odenwälder lassen uns diese unbegründeten Beleidigungen nicht gefallen. Einziges wirksames Mittel ist der Boykott der Zeitung und der damit verbundene wirtschaftliche Verlust. Wir erwarten eine öffentliche und ehrliche Entschuldigung und Richtigstellung von Frau Baum und der Redaktion“, heißt es auf der Seite.

Echtzeit-Blog
Eine Ode an den Odenwald ist Thema im Echtzeit-Blog von „Echo Online“.

Heiß diskutiert wird dort dennoch. Fast alle Kommentare sind „pro Odenwald“. „Da kommt bei mir wirklich das Essen von heute Mittag wieder hoch, wenn ich so etwas lese, etwas zu schreiben, ohne überhaupt nachgedacht zu haben“, schreibt eine Userin. Oder: „Ich bin Wahl-Odenwälderin, und ich habe mich an keinem Ort der Welt je so wohl gefühlt wie im Odenwald (...) ODENWALD ROCKS!!!“ Eine andere Kommentatorin hingegen lässt sich auf die FAS-Autorin ein: „Antonia redet über IHRE Erfahrungen. Komischerweise habe ich gerade gestern mit meiner 17-jährigen Tochter eine ähnliche Konversation geführt, sie zeigt die gleiche Problematik die Antonia durchlebt hat. Und das hat rein gar nichts mit schlechtem Elternhaus oder mangelnder Erziehung zu tun!“

Die Seiten-Ersteller von „Odenwaldhölle“ wollen auf ECHO-Nachfrage anonym bleiben, da es immer wieder zu verbalen Angriffen komme. „Generell versuchen wir eine vernünftige Diskussion anzustoßen und aus dem ganzen etwas Positives für die Region zu gewinnen“, teilen die Betreiber mit. „Wir stellen klar, dass wir uns von Frau Baums Artikel beleidigt fühlen und wollen gleiches nicht mit gleichem vergelten. Unsere Reaktion soll daher aus dem uns durch den Rechtsstaat garantierten Recht der Nichtinanspruchnahme einer Leistung bestehen.“ Die Betreiber fühlen sich von der FAS beleidigt und vermissen eine Entschuldigung. Dann könnten diese auch nicht erwarten „dass wir die Zeitung weiterhin beziehen“.

Sie wollten der Autorin auf keinen Fall das Wort verbieten. „Wir stehen völlig hinter der freien Meinungsäußerung“, schreiben die Betreiber. „Nichts ist schlimmer als ein Tabu oder eine schädlich wirkende politische Korrektheit.“ Aber im Gegenzug müsse ihnen ebenso das gleiche Recht eingeräumt werden. „Wir sind keine radikalen, engstirnigen Odenwälder - aber wir haben auch unseren Stolz und diesen wollen wir, wenn sich der Wind gelegt hat, für positive Publicity nutzen“.

Eine weitere Facebook-Seite „Ich bin stolz, ein Odenwälder zu sein“ verzeichnet zwar erst knapp 160 Likes, hat dafür aber gleich noch die passende Internetseite www.odenwaldhoelle.de.

Eine Bloggerin aus dem Badischen veröffentlicht in ihrem „Landlebenblog“ einen offenen Brief an Antonia Baum. „Bin als Berlinerin freiwillig in die Odenwaldhölle gegangen. Man stelle sich das vor.“ Baum habe sich in ihrem umstrittenen Artikel „mal so richtig ausgekotzt“. Die Redakteurin mache keinen Unterschied. „Odenwald ist Odenwald und Hölle ist Hölle und Eternit ist überall.“ Für die Bloggerin steht fest: „Offensichtlich ist Ihr Blick bislang noch etwas – Sie verzeihen den Begriff – provinziell“.

Wer bei Twitter nach „Odenwaldhölle“ sucht, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Von lustigen Kommentaren wie „Der Odenwaldhölle wieder ein mal entkommen, jetzt gehts ans Arbeiten in der Zivilisation“ oder „Und liebe Nachbarn? Wann kommt der Lynchflashmob? Schön, wenn man mal wieder so richtig volkszornig sein kann, oder?“, über lokalpatriotische Aussagen wie „Ich bin stolz ein Odenwälder zu sein “, bis hin zu Beschimpfungen („Die gute Frau braucht dringend Hilfe“) ist alles dabei.




Aber nicht nur in sozialen Netzwerken tummeln sich viele Odenwald-Fans. Bei manchen Odenwäldern ist die Heimatliebe offenbar so groß, dass sie sich sogar musikalisch betätigen. Seit dem 5. Januar gibt es den Odenwald-Rap „Odenwälder Bub“ auf Youtube.



 

Artikel Text Laenge: 6259

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KOMMENTARE
| Von: ScreamingChicken | 07.01.2014, 11:51 Uhr
Gemach, gemach

Liebe Odenwälder, bleibt doch einfach mal auf dem Teppich und nehmt Frau Baums Artikel als das, was er ist: Ausdruck eines subjektiven Empfindens eines pubertierenden Teenagers, an einigen Stellen durchaus überzeichnet - aber Geschmäcker sind nun einmal verschieden. Mein persönlicher scheußlichster Ort der Welt liegt woanders. Aber würde ich darüber schreiben, wären die dortigen Bewohner damit sicher auch nicht einverstanden. Es gefällt halt nicht jedem überall gleich gut oder schlecht. Und Kindheit und Jugend in der Provinz zu verbringen, ist nirgenwo besonders spaßig. Also einfach mal weniger aufregen und sich stattdessen freuen, dass es einem selbst im Odenwald gefällt. By the way: Gegen die wundervolle Landschaft, die jetzt immer wieder angeführt wird, hat auch Frau Baum nichts. Wer den Artikel wirklich gelesen hat, weiß das.

| Antworten |
| Von: HEINER13 | 07.01.2014, 12:07 Uhr
BESTÄTIGT

Der Artikel von Frau Baum und die Reaktionen aus dem Wald darauf, hat aus meiner Sicht Frau Bum und meine bisherige Einschätzungen bestätigt.

| Antworten |
| Von: hirvi | 07.01.2014, 13:44 Uhr
(Nicht als Einschleimerei gemeint)

Ich bin vor Jahren aus einer anderen Stadt (in der ich auch nur ein paar Jahre gewohnt hatte) nach Darmstadt gezogen und ein paar Jahre später (eher zufällig) in besagte Stadt zurück. Ich meine schon sagen zu können, dass Darmstadt im Vergleich ziemlich gut wegkommt. Das Echo, klar, ist eine Provinzzeitung (was ja eh keine Schande ist), aber ich finde in ihm eine Souveränität, einen Witz, eine Fähigkeit, über sich selber zu kichern, die ich in anderen Provinzzeitungen nicht finde. Die sind meistens verbiestert und ironiefrei lokalpatriotisch.
Sie werden jetzt einwenden: Was hat das Echo mit Darmstadt zu tun? Nun, die Lokalzeitung schreibt das, was die Leute lesen wollen, und anscheinend gefällt es den Darmstädtern, anders als anderen, wenigstens gelegentlich auch mal die Möglichkeit in betracht zu ziehen, dass man nicht unfehlbar ist (und zwar ohne sich direkt danach genau deshalb lautstark supertoll zu finden). Ich finde das intelligent & sympathisch.

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  • 06. Januar 2014
  • Von Lena Grocholl
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