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Ein Erzähler von aufregenden Zeiten

Buchautor – Bernhard Schlörit ist zehn Jahre lang als Funkoffizier zur See gefahren – Zwei seiner Bücher zeugen davon

Der ehemalige Funkoffizier Bernhard Schlörit an der Morsetaste, wie sie viele kennen. „Meist wurden aber Automatikmodelle benutzt, die effizienter zu bedienen sind“, erzählt der frühere Seefahrer.  Foto: Michael Lang
Der ehemalige Funkoffizier Bernhard Schlörit an der Morsetaste, wie sie viele kennen. „Meist wurden aber Automatikmodelle benutzt, die effizienter zu bedienen sind“, erzählt der frühere Seefahrer.  Foto: Michael Lang
Fragt man Bernhard Schlörit (64) nach seinem liebsten die Weltmeere besingenden Lied, erhält man nach einem Schmunzeln die Antwort: „Seemann, lass’ das Träumen!“ Denn was in den Shantys so alles glorifiziert wird, mag zwar Romantiker reizen, hat aber mit der Realität wenig zu tun.
ERBACH.

„Keine Frage, es gab bierlastige Bordpartys und Hein Seemann war auch in einigen Puffs der Hafenstädte gern gesehener und gut zahlender Gast“, sagt der Odenwälder, der von 1976 bis 1986 als Funkoffizier auf Kühlschiffen, Stückgutfrachtern, Massengutfrachtern, Tankern und Containerriesen seinen Dienst versehen hatte. Klischees fußen schließlich auf einem wahren Grund. Doch die Wirklichkeit mit ihrem Alltag beschreibt Bernhard Schlörit anders: „Wie an Land, so muss man auch auf See arbeiten.

Feste Zeiten und Schichten regeln den Betrieb. Saufnasen sind da fehl am Platze, wenn sie auch gelegentlich aufschlugen. Früher waren sechs Monate Fahrzeit und drei Monate Urlaub die Regel. Da konnte es bei einem langen Törn schon mal vorkommen, dass über vier Wochen kein Land in Sicht war. Damit muss man erstmal fertig werden und die Enge auf den Dampfern verkraften. Für manche Psyche ist dies kein Vergnügen“, erläutert der ehemalige Funker, der alles überbordende Getue aus der Seefahrt heraushält.

Mit leichter Feder über Bordgeschichten

Jetzt hat er seine Erinnerungen in zwei Bücher gepackt und beschreibt in „Hast Du mal einen Sturm erlebt?“ und in „Auf dicken Pötten um die Welt“ eine Zeit, in der die Maaten auf deutschen Schiffen, zumindest in der Offiziersklasse, noch aus diesem Land stammten. Schlörit belebt mit leichter, doch keineswegs seichter Feder das Geschehen an Bord, erzählt spannend über die Funkerei am Morsegerät und würzt mit tatsächlich passierten Storys die informativen Werke.

In Schrägschrift gedruckt, finden sich sachliche Kommentare zwischen den Seiten, welche die beschriebenen Vorgänge dem Leser transparent machen. Auslöser der Dekade jener Fahrenszeit, die er nicht missen möchte, waren ein gutes Gehör und ein gewisser Sinn für rhythmische Taktungen: „Nach meiner Verwaltungslehre beim hiesigen Landratsamt hatte ich mich für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Dort unterstellte man mir ein überdurchschnittliches Morsetalent. Ein Kamerad, der gelernter Reedereikaufmann war, brachte mich dann auf die Idee, die Seefunkerlaufbahn anzustreben.“ Es folgten ein zweijähriges Industriepraktikum in Elektrotechnik und die dreisemestrige Fachausbildung an der Seefahrtschule in Hamburg.

Auf zwei betagten Stückgutfrachtern der Hapag-Lloyd AG erprobte Schlörit als sogenannter Aufwäscher, ob er und die See zusammenpassten, bevor es auf große Fahrt gehen sollte. Die Freundschaft was alsbald besiegelt und mit dem mittlerweile erworbenen Seefunkzeugnis stieg der heute in Erbach lebende „Antennenheizer“ für zehn Jahre auf diversen Schiffen der Reedereien F. Laeisz und Chr. F. Ahrenkiel ein. „Meistens in der Trampfahrt, was bedeutet, dass wir unterwegs neue Ladehäfen und damit oft überraschende Ziele genannt bekamen. Die Linienfahrer waren da besser dran, denn die wussten von Anfang an, wo es lang geht“, erklärt der ehemalige Verantwortliche für die Kommunikation auf seinen Schiffen.

Witzig, selbstironisch und dabei stets sachlich berichtet Schlörit von den „Bananenjägern“, schnellen Kühlschiffen, die Traumhäfen mit dem Seemann angenehmen Liegezeiten in der Karibik anlaufen, spricht packend von sich austobenden Wetterkapriolen und schwärmt begeistert von beflügelnden Barbesuchen: „Eine verdiente und willkommene Erholung für die Mannschaft nach oftmals ereignisloser Fahrzeit über den Teich.“

Ob er jemals einen Sturm erlebt habe? „Eine naive Frage, die Landratten stellen. Schließlich bleibt dies in langen Jahren auf See nicht aus. So hatte ich schnell meinen Titel für das erste Buch gefunden!“, kommentiert Schlörit. Das fast 40 Stundenkilometer schnelle Kühlschiff „MS Pekari“ lud in Zentralamerika Bananen, passierte oft den Panamakanal und war auf Geschwindigkeit ausgelegt. Die riesigen Bulkcarrier wiederum führten den Odenwälder in die USA, nach Ostasien und in die ehemalige UDSSR. Lose Fracht bildete die Ladung, häufig war Erz an Bord. „Oft langwierige Reisen, denn die Reedereien legten aus Kostengründen eher geringe Knotenzahlen fest. Das sparte Treibstoff.“, erinnert sich Bernhard Schlörit.

Heute an Bord? Das möchte Bernhard Schlörit, der nach seiner Fahrenszeit bis zum Rentenalter als Schichtleiter in der Verkehrsdatenzentrale des Frankfurter Flughafens tätig war, nicht mehr sein: „Deutsche Seeleute werden kaum noch beschäftigt, sie gelten als zu teuer. Die Liegezeiten wurden durch die Container minimiert, die meisten Schiffe deutscher Reeder werden unter fremder Flagge betrieben.

Außerdem: Wer braucht heute noch einen morsenden Funkoffizier? Die Satellitenkommunikation hat unseren Job übernommen. So ist eben der Fortschritt.“ In weiser Voraussicht ist Schlörit bereits 1986 von Bord gegangen, ehe ihn die modernen Zeiten sowieso überholt hätten. Wehmut? „Manchmal schon, denn es war eine aufregende Zeit“, diagnostiziert der frühere Funkoffizier.

 

Artikel Text Laenge: 4851

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  • 05. November 2013
  • Von Michael Lang
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