Einmal im Jahr steht beim SPD-Ortsverein das Ehrenamt im Blickpunkt. Dann verleihen die Sozialdemokraten die „Stockstädter Münze“ an Menschen, die sich für andere einsetzen, ohne dafür Lohn zu erwarten. Sechs Mal wurde die Medaille diesmal vergeben. Mit der Ehrung wollte man 2002 einen Ersatz für den aus Kostengründen gestrichenen Neujahrsempfang der Gemeinde schaffen, erklärte Reiner Kiesel.
Bürgermeister Thomas Raschel brachte in seinem Grußwort den ehrenamtlichen Einsatz in Bezug mit dem Wahlkampfslogan der SPD: „Gemeinsam mit den Bürgern Stockstadt gestalten.“ Mit Blick auf die Kommunalwahl forderte er alle Bürger auf, an der „wichtigsten Wahl in Hessen“ teilzunehmen.
Auch Landrat Thomas Will sah beim Thema Ehrenamt keinen Unterschied zwischen den Parteien. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür müssten stimmen, betonte er. Das betreffe auch die Rolle des Staates. Man habe herausgefunden, so Will, dass in Ländern mit starker öffentlicher Fürsorge auch das Engagement der Bürger floriere – ziehe sich dagegen die öffentliche Hand zurück, täten die Bürger das auch. Es sei daher keineswegs so, dass ehrenamtliche Arbeit gefördert werde, um staatliche Aufgaben zu ersetzen, sondern beides könne sich nur ergänzen.
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ie erste Ehrung galt einer Familie, die sich einem schweren Schicksalsschlag gestellt und daraus den Beginn eines neuen Lebens gemacht hat, wie Siegfried Hahn schilderte. Timo Ameruoso ging im Reitsport auf, bis er 1995 als Jugendlicher einen Unfall mit dem Motorroller hatte und eine Querschnittslähmung davontrug. Nach sieben Monaten im Krankenhaus baute er sich mit der aufopferungsvollen Hilfe seiner Eltern Nuccio und Rosi ein neues Leben im Rollstuhl auf, machte sein Fachabitur und trainierte auch wieder mit Pferden. 1999 jedoch fiel er nach einem Reitunfall für zehn Tage ins Koma und musste noch einmal neu anfangen. Er meisterte auch diese Krise, absolvierte eine Lehre und arbeitet heute als CAD-Zeichner. Daneben schult er andere im Umgang mit Pferden und hat zu diesem Thema das Buch „Zweierlei Leben“ veröffentlicht.
Einem ganzen Verein galt die zweite Ehrung: Die evangelische Frauenhilfe feierte gerade ihren 120. Geburtstag. Heike Amatruda fasste die Geschichte zusammen. Gegründet 1891 auf Anregung der letzten deutschen Kaiserin, hatte der Verein schon zu Beginn mehr als 100 Mitglieder, die sich zuallererst die Schaffung einer „Kleinkinderschule“ zum Ziel gesetzt hatten, also eines Kindergartens. 1893 konnte eine Diakonisse eingestellt werden, so dass von da an die Frauen in der Landwirtschaft ihre Zeit besser einteilen konnten.
Bestand diese Einrichtung bis in die sechziger Jahre, so wirkt eine andere Gründung des Frauenvereins bis heute fort: Durch Spenden der zeitweise über 400 Mitglieder wurde die erste Schwester für die Alten und Kranken im Ort finanziert, woraus sich die heutige Diakoniestation entwickelte. Boten die Vereinsmitglieder früher Näh- und Flickkurse für junge Frauen an, so widmen sie sich heute vielen anderen Aktivitäten, besuchen aber weiter kranke Menschen und gestalten Seniorennachmittage. Rosen als Anerkennung ihrer „Arbeit im Stillen“ gab es für die Mitglieder des Vereins.
Reiner Kiesel stellte den Gästen den 90 Jahre alten Joachim Muschert vor. Geboren in Rathenow, heiratete er 1946 nach Stockstadt und widmete sich ganz der Sozialarbeit: Erst auf seiner Position im Darmstädter Regierungspräsidium, nach seiner Pensionierung verstärkt im VdK, wo ihn sein Engagement bis in den Landesvorstand brachte. Auch in der Komunalpolitik und als ehrenamtlicher Richter brachte er sich ein und wurde für seine Arbeit bereits mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik ausgezeichnet.
Die Ehrung auf kulturellen Gebiet ging an Jörg Hartung, der sich mit der Erforschung der Heimatgeschichte einen Namen gemacht hat. Aufgewachsen in Stockstadts ältester Bäckerei, so schilderte Uli Selle, ist er beruflich bei der Deutschen Telekom beschäftigt, daneben aktiv im Angelsportclub und als Rettungssanitäter. Die Geschichte Stockstadts arbeitete er nicht nur in Form des Ortsfamilienbuchs auf, das er als Mitglied der Hessischen Familiengeschichtlichen Vereinigung erstellt hat, sondern auch in einer Reihe von heimatkundlichen Ausstellungen im Hofgut Guntershausen. Im dortigen Förderverein ist er seit 2009 Geschäftsführer und hat viel zur Wiederherstellung des historischen Ensembles beigetragen. Zu vielen Themen der regionalen Geschichte habe er sich Wissen angeeignet, lobte Kiesel: „Wenn man mit Jörg Hartung zusammen ist, lernt man immer etwas dazu.“
Diesmal auch ein Verein dabei
Ehrung: Sozialdemokraten zeichnen Bürger für außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz mit Stockstädter Münze aus
STOCKSTADT.
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