„Jetzt ordentlich Gas geben“, ruft ein Vater dem Sohn zu, als die beiden einen der wenigen Buckel zwischen Dornheim und Wolfskehlen hinaufradeln. Es ist früher Mittag am Sonntag und viele Radfahrer, Inlineskater und Spaziergänger sind bereits unterwegs. Erstmalig „rollt der Kreis Groß-Gerau – autofrei“.
„Endlich mal abgasfrei Rad fahren“, freut sich eine junge Frau. Den Hund im Korb am Lenker, das Kind auf dem Gepäckträger, gehört sie zu den vielen, die es unter sonnigem Himmel gemächlich angehen lassen. Etappenweise zu radeln, Pausen an den Ständen der 140 beteiligten Vereine einzulegen, gehört für die meisten dazu. Gut gelaunt ist nach dem offiziellen Startschuss um 10 Uhr Landrat Thomas Will (SPD) mit Wolfgang Glotzbach, dem Vorsitzenden des Sportkreises, gestartet. Sie haben mit Kommunen und Vereinen das Ereignis vorbereitet, von der Erfahrung benachbarter Landkreise profitiert – etwa im Austausch mit den Verantwortlichen von „Autofreie Bergstraße“.
Ganze Gruppen schließen sich dem Landrat und seiner Crew an, nehmen die B 44 in Besitz. Andere lassen sich Zeit. „Ich will mittags in der Goddelauer Kirche zum Orgelkonzert sein, habe mir Veranstaltungen entlang der über 20 Kilometer langen Strecke rausgepickt“, sagt Iris Strehlow. „Es geht nicht darum entlangzurasen, sondern Radvergnügen in schöner Natur zu erleben.“ Dem stimmen die Radler des Groß-Gerauer Odenwaldklubs zu: Heinz Pitzer und seine Mitstreiter haben bunte Gasluftballons an den Rädern befestigt und starten mit lautem Klingelkonzert.
Willkommen sind bei vielen die Fahrradstationen an der Gesamtstrecke – vis à vis von Schloss Dornberg pumpt zum Start Christian Fränkle hilfsbereit Luft in die Schläuche. Petra Scheible, Zweite Vorsitzende des Sportkreises und Fitnesstrainerin aus Walldorf, verzichtet heute aufs Radeln und ist Ansprechpartnerin im Schloss Dornberg. „Der autofreie Tag ist sinnvoll, er regt zum Nachdenken an. Vielleicht fühlt sich mancher animiert, öfter durch Bewegung was für Gesundheit und Umwelt zu tun“, meint sie. Das sehen auch die Mitglieder der Anti-AKW-Initiative und andere Umweltgruppen so, die sonnengelbe Ballons an ihren Rädern flattern lassen.
Auf der Chaussee geht’s derweil immer munterer zu. Radler aller Altersklassen genießen den Blick übers grüne und rapsgelbe Ried. Dass der autofreie Sonntag zugleich Muttertag ist, hat Klaus Herrmann aus Mörfelden inspiriert, einen Fahrradanhänger zur blumengeschmückten Kutsche umzubauen: Da rollt die 80 Jahre alte Dame königlich dahin.
Alexander Emele (14), deutscher Jugend-Speedskate-Meister, ist begeistert. „Wenn ich schnell fahre, kann ich schon mal 40 Stundenkilometer machen“, sagt er. So schnell ist er freilich mit Rücksicht auf die vielen rollernden Kinder heute nicht. Insgesamt fahren die Wenigsten die gesamte Strecke ab. Bernhard Müller etwa, der aus Eich gekommen und nach Gernsheim übergesetzt hat, verspeist im Dornberger Schloss nach zwei Stunden engagiertem Sprint genüsslich eine Wurst.
Ein anderer Radler, der nach dem Orgelkonzert der evangelischen Kirche Goddelau rockigen Rhythmen bei der Feuerwehr Wolfskehlen lauscht, kommt aus Seeheim und radelt landkreisverbindend.
Neben Spielen und Kulinarischem gibt es entlang der B 44 eine Menge Musik, Kinderspiele locken allerorten und in Stockstadt verspricht das Schwimmbadfest Abkühlung. Bei Berkach lädt ein altrömischer Kahn vom Verein „terraplana“ zur Fahrt auf dem Landgraben ein.
„So ein schöner Tag mit einer autofreien B 44, den müsste es öfter geben“, zieht Reinhold Scholl von der Chorgemeinschaft Dornheim eine Bilanz, der viele überzeugt und begeistert zustimmen.
Autofreier Sonntag: Freie Bahn für Radler und Skater
Tausende nutzen das Angebot, im Kreis Groß-Gerau auf der alten B 44 entlang zu rollen




Merken
|

























