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Die Frau vom Checkpoint Charlie, Jutta Fleck, erzählte Zehnklässlern der Prälat-Diehl-Schule ihre Lebensgeschichte. Foto: Dagmar Mendel
GROSS-GERAU. Jutta Fleck sitzt an einem Tisch in der Oberstufen
aula der Prälat-Diehl-Schule (PDS). Sie hat ein Buch mitgebracht und eine TV-Dokumentation auf DVD. Beide erzählen deutsch-deutsche Geschichte. Beide erzählen Jutta Flecks Geschichte.
Die Frau Anfang 60 ist seit September Leiterin des Schwerpunkprojekts Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie betreut Zeitzeugen, ist selbst eine von ihnen. Fleck, bekannt geworden unter ihrem früheren Namen Jutta Gallus, ist die Frau vom Checkpoint Charlie. Die eigene Geschichte zu erzählen, ist ihre Mission.
,,Wenn der Wunsch da ist, in Freiheit zu leben, denken sie nicht daran, was alles kommen kann", sagt Fleck. Als sie 1982 nach zwölf abgelehnten Ausreiseanträgen den Entschluss fasst, mit ihren Kindern aus der DDR zu fliehen, ahnt sie nicht, dass sie fast 30 Jahre später Teil des Geschichtsunterrichts sein würde.
Ihre Flucht über Rumänien zu Verwandten in der Bundesrepublik endet in einer Arrestzelle auf dem Bukarester Flughafen, noch bevor sie richtig begonnen hat. Auf der Toilette gelingt es ihr, einer Flugbegleiterin ihre Geschichte zu erzählen. Die unterrichtet Flecks Verwandte.
Jutta Fleck erzählt von unmenschlichen Bedingungen im Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit (Stasi), von Wärtern, die sie beim Waschen und auf der Toilette durch den Türspion beobachteten. Was mit ihren Töchtern Beate und Claudia geschehen ist, erfährt sie erst nach zwei Monaten. Die beiden Mädchen werden zunächst in ein Heim für Schwererziehbare gesteckt.
Die Vernehmungen durch die Stasi beschreibt Fleck als ,,Katz-und-Maus-Spiel". Nach einem halben Jahr kommt die Gerichtsverhandlung. Drei Jahre Haft wegen versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts in einem schweren Fall, lautet das Urteil. Ihr Verhalten sei eine Gefahr für die Gesellschaft, erklärt das Gericht.
,,Sie können jetzt gehen, wenn sie Angst vor mir haben", sagt Jutta Fleck zu den Schülern der vier zehnten Klassen und des Geschichte-Leistungskurses, die den Erzählungen der blonden Frau mit dem lila Schal gebannt zuhören. Bei der Urteilsverkündung sei ihr klar geworden, dass sie in einer Diktatur lebe, so Fleck rückblickend. Ihre Strafe verbüßt sie in Hohneck, dem berüchtigtesten Frauenknast der DDR. Dort war man ein Nichts, sagt sie und hält ein Foto hoch, das sie und ihre beiden Töchter zeigt. Ihr Gesicht musste Fleck aus dem Bild herausschneiden - Verbrecher haben im Arbeiter- und Bauernstaat keine Identität.
1984 kauft die Bundesrepublik Jutta Fleck frei. 33 500 politische Häftlinge gelangen auf diese Weise in den Westen. Für die DDR ein einträgliches Geschäft: Rund 90 000 Mark je Häftling bringt der Menschenhandel in den maroden Staatshaushalt.
Jetzt beginnt der öffentliche Kampf um ihre Töchter, entstehen die Bilder, die um die Welt gehen. Jutta Fleck hat unter Druck auf ihr Sorgerecht verzichtet. Die Bundesrepublik sieht keine Möglichkeit, die Kinder in den Westen zu holen. Also macht Fleck mit Hilfe der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ab 1984 auf ihre Situation aufmerksam. Mit Transparenten steht sie wochenlang am Checkpoint Charlie, dem Übergang für die Angehörigen der alliierten Streitkräfte von West- nach Ostberlin. Sie kettet sich 1986 vor dem Gebäude der KSZE in Helsinki an, trifft dort den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Bei Papst Johannes Paul II. bekommt sie eine Audienz.
Erst am 25. August 1988 sehen sich Mutter und Töchter wieder. Beate und Claudia haben auf eigene Faust den Anwalt Wolfgang Vogel eingeschaltet, der als Unterhändler zwischen Bundesrepublik und dem inzwischen angeschlagenen DDR-Regime fungiert und im Dienst des sozialistischen Staates für die Häftlingsfreikäufe mitverantwortlich ist.
Fleck erzählt, dass es Eltern gebe, die weniger Glück hatten als sie, und noch immer nach ihren Kindern suchen. Auf das Unrecht, das tausenden Menschen in der DDR widerfahren ist, möchte sie mit dem Zeitzeugenprogramm aufmerksam machen. Dafür hat die Landeszentrale etwa 1300 Schulen angeschrieben und großes Interesse registriert.
Sie habe auch manchmal Albträume, erzählt sie den Schülern, die wissen wollen, wie man so etwas durchstehen kann. Ob sie damals nie daran gedacht hätte aufzugeben, fragt eine Schülerin. Nein, antwortet Fleck, man müsse einfach weitermachen. Nach ihrer Motivation gefragt, ihre Geschichte zu erzählen, hat Jutta Fleck eine einfache Erklärung. ,,Es ist besser, so etwas von einem Betroffenen zu erfahren, als es in einem Geschichtsbuch zu lesen."
Das Bedürfnis, die Menschen, die ihr Leid zugefügt haben, bekannt zu machen, hat sie nicht. Die Namen kennt sie aus rund 2000 Seiten Stasi-Akten. ,,Ich empfinde keinen Hass", sagt Fleck. ,,Menschen, die voller Hass sind, können nicht über ihre eigene Geschichte reden". Jutta Fleck redet drüber. Das ist ihre Mission.
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