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15. Dezember 2011  | Von Steffen Huss

Geschichten aus dem All-Tag

Wissenschaftstag – Astronaut Reinhold Ewald und die Raumstation ISS – Wo sich Esoc- und GSI-Experten treffen

Zurück aus dem All: Astronaut Reinhold Ewald mit dem Modell eines ESA-Moduls der internationalen Raumstation  ISS. Beim Wissenschaftstag in der Centralstation erzählte er von seiner Weltraummission. Foto: Claus Völker
| Vergrößern | Zurück aus dem All: Astronaut Reinhold Ewald mit dem Modell eines ESA-Moduls der internationalen Raumstation ISS. Beim Wissenschaftstag in der Centralstation erzählte er von seiner Weltraummission. Foto: Claus Völker
DARMSTADT. 


Reinhold Ewald hat sich vom Sofa erhoben und plaudert über das All. Der Astronaut blickt auf mehrere Wochen in der russischen Raumstation „Mir“ zurück, seine Anekdoten über das Leben im Orbit präsentiert er wie ein geübter Bühnenprofi. „Ich pick’ ihnen immer noch die Jungs raus, die lange im All waren“, erklärt er, als ein Zuschauer wissen möchte, welche körperlichen Begleiterscheinungen der Aufenthalt dort mit sich bringt.
Der zusammengesunkene Oberkörper etwa sei ein sicheres Zeichen, weil die Stützmuskulatur in der Schwerelosigkeit erschlafft. Doch auch die subtileren Erkennungsmerkmale kann Ewald aufzählen. „Nach einiger Zeit verschwindet die Hornhaut an ihrer Fußsohle.“ Dafür bildet sich welche am Spann, „weil sie sich immer mit den Fußspitzen in den Schlaufen festhalten müssen.“
„Forschen im All – Wissenschaft an Bord der ISS“ lautet der Titel der Veranstaltung, zu der am Montagabend gut hundert Besucher in die Centralstation gekommen sind. Neben Geschichten aus dem All-Tag werden natürlich vor allem faszinierende Forschungsprojekte vorgestellt.
„Das sind Dinge, die die Menschheit und die Märkte voranbringen“, meint HR-Moderatorin Sylvia Kuck in der Einleitung. „Das sind Grundlagenexperimente“, betont dagegen Reinhold Ewald. „Es ist nicht so, dass jeder Euro, der in die ISS investiert wird, sofort in Form besserer Teflonpfannen zurückkommt.“ Dafür erweitere das Forschen unseren Horizont, und manchmal führe es auch ganz unerwartet zu praktischen Anwendungen. Die Ergebnisse eines Schwerelosigkeits-Experimentes zum Verhalten von Staubpartikeln in einem geladenen Gas etwa würden heute bei der Reinigung von Wunden und der Desinfektion genutzt.
Die Forschungsgebiete der Diskutanten liegen recht weit auseinander, Experten vom Europäischen Satellitenkontrollzentrum (Esoc) treffen auf Wissenschaftler der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI).
Eine strukturierte Debatte ist dadurch nicht immer einfach – wenn sich die Forschungsbereiche allerdings berühren, wird es spannend. Zum Beispiel, wenn es um die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Marsmission geht.
„Es gibt zwei Wege zum Mars, einen langsamen und einen schnellen“, erläutert Markus Landgraf vom Esoc. Der kürzere dauere „nur“ 500 Tage, das wurde kürzlich erfolgreich in einem Experiment simuliert. „Es gibt aber ein Problem: Der Weg führt relativ nah an der Sonne vorbei, da kriegt man sehr viel Strahlung ab.“

Auf diesem Gebiet wiederum sind die Wissenschaftler der GSI bewandert. Schließlich beschäftigen sie sich an ihren Beschleunigern tagtäglich mit Hochgeschwindigkeits-Teilchen, wie sie auch im All umherfliegen. Mit den Wirkungen von Strahlung auf den Menschen setzt sich Biophysiker Radek Pleskac auseinander. „Unterschiedliche Teilchen bei gleicher Menge verursachen unterschiedliche Schäden“, sagt er.
So hätten Neutronen etwa eine rund zwanzig Mal stärkere Wirkung als Protonen, sie zerstören Organe und Gewebe. Der selbe Effekt, den die GSI-Forscher zur Bekämpfung von Lungen- und Hirntumoren nutzen, hat im All verheerende Folgen. Um die Strahlungswirkung im All zu untersuchen, nutzen Wissenschaftler sogenannte Matroshka-Puppen, die mit unzähligen Sensoren ausgestattet sind und jeweils eine Zeit an der Außenhaut und im Inneren der ISS verbringen. „Man möchte wissen: Was nutzt die Abschirmung durch die Raumstation?“
Doch nicht nur wegen der hohen Strahlenbelastung ist Markus Landgraf ein Fan des längeren Weges zu Mars. Neun Monate würde der Hinweg dauern, sechs Monate die Heimreise. „15 Monate auf dem Mars, das kann nicht langweilig sein“, erklärt er und freut sich wie ein Kind an Weihnachten. Kehrseite der Medaille ist die extreme psychische und physische Belastung der Astronauten durch die lange Reise im All. Sie würden sicherlich auch körperlich gezeichnet vom Nachbarplaneten zurückkehren: Mit instabilem Oberkörper und ganz viel Hornhaut auf dem Spann ihrer Füße.

 
 


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