Der Ausbau der regenerativen Energien stellt völlig neue Anforderungen an die Steuerung von Stromnetzen. Beispiel: Die Sonne scheint, von keiner Wolke beeinträchtigt, an einem Sommertag sechs Stunden, aber leider hübsch verteilt. Vormittags zwei, mittags eine und am späten Nachmittag noch mal drei Stunden. Oder die Windkraftanlage. Der Wind frischt morgens für eine Stunde heftig auf, legt sich dann zur Flaute nieder, um schließlich drei Stunden später in mittlerer Stärke wunderbar konstant wieder zu wehen. Zur Steuerung dieser schwankenden Energieeinspeisung braucht es ein intelligentes Stromnetz. Und parallel dazu vermehrte Steuerungskompetenz.
Um eben jene hat sich ein Kooperationsprojekt von HSE und Hochschule Darmstadt gekümmert. Um den Anforderungen der sogenannten Energiewende gerecht zu werden, hat die Hochschule mit Unterstützung des Unternehmens „Automation aX grid solutions“ ein Simulationsprogramm entwickelt. Mit diesem können nun die Schaltmeister in diversen regionalen Netzgesellschaften die Zukunft von 2020 einüben.
Die besteht im anspruchsvollen Mix von konventionell erzeugter Energie sowie jener aus Fotovoltaik, Windkraft oder Biogasanlagen. Da regenerative Energie wetterabhängig und zudem unabhängig vom Bedarf der Kunden eingespeist wird, ist stete Balance von Verbrauch und Erzeugung zu schaffen.
Dass Einspeisungen auch wind- und wetterabhängig sind, zählt im Augenblick noch nicht zur breiten beruflichen Realität in den Netzleitstellen. Bernhard Fenn, Projektleiter der HSE, quantifiziert die „volatile Einspeisung“ durch regenerative Quellen im Augenblick auf bis zu 15 Prozent. Bis 2020 soll dieser Wert aber auf 30 Prozent gesteigert werden.
Das wiederum haben sich HSE und andere Regionalversorger nicht selbst vorgenommen, dies ist erklärtes Ziel der Bundesregierung. In deren Energiekonzept wird auch verlangt, dass ab 2020 die Systeme der elektrischen Energieversorgung zumindest zeitweise nahezu komplett mit erneuerbarer Energie arbeiten können.
Die Arbeit in den Netzleitstellen, sagt Dieter Metz, Professor am Fachbereich Elektro- und Informationstechnik der Hochschule Darmstadt, „wird künftig auf alle Fälle vielschichtiger und schwieriger. Mit unserem Trainingssystem kann man für diese komplexe Aufgabe sehr schön sensibilisieren.“ Zwar werde dem Schaltmeister letztlich ein „Software-Assistent“ zur Seite stehen müssen, aber, so Fenn und Metz unisono: „Letzte Instanz bleibt der Mensch. Es gibt keinen Steuerungsautomatismus.“
Zu jenem Mehr an Informationen, die künftig die Netzsteuerung ganzheitlich perfektionieren sollen, zählen künftig auch lokale und regionale Wetterprognosen. Auch gefährliche Extremwetterlagen wie Starkregen, Blitze und Gewitter müssen als potenzielle Stör- oder Risikofaktoren einkalkuliert werden. Auch das ist im Simulator integriert.
„Im Grunde wirkt die Arbeit mit ihm wie eine Führerscheinprüfung“, sagt Detlef Thoma von der HSE. Fenn dreht den Vergleich noch eins weiter: „Das ist eine Art Flugsimulator. Auch der Fluggast möchte doch, dass die Bewältigung aller Gefahrenlagen geübt wurde, bevor er ins Flugzeug einsteigt. Das muss nun auch der Schaltmeister. Wenn der fehlsteuern würde, ginge halt irgendwo das Licht aus.“ Was das Training mit dem Simulator künftig verhüten möge.
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