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03. August 2011  | Von Klaus Honold

Prinz Carneval verschmäht die Tram

Nahverkehr: 125 Jahre Straßenbahn: Im August 1886 nahm der „Feurige Elias“ den Betrieb auf – Eberstadt feiert vor

 
Am 30. August 1886 nahm die Dampfstraßenbahn als erstes öffentliches Verkehrsmittel in Darmstadt den Betrieb auf. Ob das Bild aus dem Sommer 1886 auch den Eröffnungstag zeigt, ist ungewiss. Der Blick geht vom Schloss durch die obere Rheinstraße zum Luisenplatz. Foto: Stadtarchiv Darmstadt
| Vergrößern | Am 30. August 1886 nahm die Dampfstraßenbahn als erstes öffentliches Verkehrsmittel in Darmstadt den Betrieb auf. Ob das Bild aus dem Sommer 1886 auch den Eröffnungstag zeigt, ist ungewiss. Der Blick geht vom Schloss durch die obere Rheinstraße zum Luisenplatz. Foto: Stadtarchiv Darmstadt


Es waren wilde Zeiten, damals, 1886, und die letzte Augustwoche machte da keine Ausnahme. Bestürzt meldet das „Tagblatt“ am 28. August, „gegen 1/2 4 Uhr hat sich in dem Abort eines hiesigen Hotels ein Steuerbeamter Grünewald aus Köln am Rhein durch einen Revolverschuss in die Stirn selbst entleibt“. Große Aufregung verursacht mit Wasser gepanschte Milch, und dann wird auch noch Darmstadts Fürst Alexander von Aufständischen in Bulgarien verschleppt. Hurrigottnaja!
Insofern ist es auch kein Wunder, dass die für den 25. des Monats in Aussicht genommene Inbetriebnahme der Darmstädter Dampfstraßenbahn immer wieder verschleppt wird. Zwar verlautet am 20. August, „die bestandenen Schwierigkeiten sind nunmehr beseitigt und ist gestern mit zahlreicher Mannschaft die Legung der Schienen begonnen worden“.
Doch schon in der nächsten Ausgabe erfahren die Leser, dass die Gleise irgendwie zu lang geraten sind und „die Wartehalle am Ernst-Ludwigs-Platz nunmehr in kleineren Dimensionen errichtet wird, wie ursprünglich geplant“. Tags drauf beehrt sich die Dampfstraßenbahn-Gesellschaft, den Fahrplan für die Züge nach Eberstadt und Griesheim zu annoncieren, der erste verlässt Darmstadt um 5.18 Uhr, der letzte kehrt um 20.38 in die Residenz zurück.

Es folgt die polizeiliche Abnahmefahrt, die bereits in der oberen Rheinstraße zu scheitern droht, weil „ein mit Lumpen breit geladener Wagen das Ausweichen trotz wiederholter Signale unterlassen hat und wurde mit Mühe ein Zusammenstoß vermieden, wobei allerdings zwei Alleebäume zu Schaden kamen“. Ein Lump, der Kutscher dieses Fuhrwerks!

Seit 1897 verkehrt in Darmstadt die städtische Straßenbahn elektrisch. Die erste Linie führt von Böllenfalltor über Schloss zu den Bahnhöfen am Steubenplatz. 1912 wird das Netz von der neu gegründeten Heag übernommen.  Foto: Stadtarchiv darmstadt
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Seit 1897 verkehrt in Darmstadt die städtische Straßenbahn elektrisch. Die erste Linie führt von Böllenfalltor über Schloss zu den Bahnhöfen am Steubenplatz. 1912 wird das Netz von der neu gegründeten Heag übernommen. Foto: Stadtarchiv darmstadt
Klar, der Schreck musste sich erst mal setzen. Während Fürst Alexander schon wieder befreit war und die Aufständischen in Ketten gelegt, verschob Darmstadt die Eröffnung seines ersten Nahverkehrsmittels vorsichtigerweise auf den 30. August. Man weiß ja nie.
Allerdings ließen sich das die Eberstädter nicht gefallen. Der Vorort war damals ja noch eine eigene Gemeinde, und so feierte er unverdrossen am 25. August im Jakobschen Biergarten die Eröffnung der noch nicht eröffneten Straßenbahn.
Am 30. August war dann endlich für alle Bürger der große Tag gekommen, das Bähnchen ging in Betrieb, und zwar „trotz einer über alles Erwarten starken Frequenz ohne Unfall“. Hunderte Heiner stürmten die Waggons. Nur einer nicht: „Prinz Carneval a. D. hatte seinen kostbaren Leib nicht der Dampfstraßenbahn anvertraut, sondern fuhr im eleganten Vierspänner hinter dem Zug her“.
Einen Jux wollte er sich machen, was nahelag, da sich in der vorangegangen Fastnachtskampagne die Darmstädter Narren über die bevorstehende Revolution des Verkehrs reichlich amüsiert hatten. Nicht ganz zu Unrecht, denn bereits am Abend des ersten Betriebstags erlebten die Heiner, „dass dem Dampfross zweimal der Atem ausging“.

Um es kurz zu machen: Mit seinem „Feurigen Elias“ hat sich Darmstadt nie recht angefreundet. Kaum hatte man ihn, wollte man ihn auch schon wieder loswerden. Im Grunde war das Vehikel schon bei seiner Inbetriebnahme überholt, verband die Residenz zwar mit den Vororten (zu denen alsbald noch Arheilgen stieß), genügte jedoch in keiner Weise den innerstädtischen Verkehrsbedürfnissen. Dazu Ruß und Rauch.
DER FEURIGE ELIAS, um 1890 in der Heidelberger Straße. Foto: Archiv
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DER FEURIGE ELIAS, um 1890 in der Heidelberger Straße. Foto: Archiv
Entsprechend froh war man, als 1897 die „Elektrische“ kam, und 1912 die Heag den Verkehr in die Hand nahm. Ungeachtet dessen: Die Tage im August 1886 sind die Wiege des heutigen Nahverkehrs in Darmstadt und Umgebung, und sie geben Heag-Mobilo Gelegenheit, „125 Jahre Straßenbahn“ zu feiern.
 

 
 
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