Im Großen und Ganzen konnten die Darmstädter des Jahres 1905 zufrieden sein. Der Lebensstandard war so hoch wie an keinem anderen Ort des Großherzogtums Hessen-Darmstadt, und die Stellung als Residenzstadt brachte darüber hinaus eine kulturelle Lebensqualität mit sich, wie sie sonst nur größere Städte boten. Für Ekkehard Wiest sind die Jahre um 1900 die glücklichsten in der Darmstädter Geschichte.
Der Historiker hat – nach seinen Betrachtungen zu Vormärz und Biedermeier sowie Reaktion und Gründerzeit – den dritten Band seiner Reihe zur Darmstädter Geschichte vorgelegt. Nun widmet er sich den Jahren von 1880 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Wieder sind es drei Merkmale, die seine Arbeit so reizvoll machen: die Auswertung der Darmstädter Adressbücher, deren Berufsangaben Aufschluss geben über die soziale Entwicklung der einzelnen Stadtteile, die Nutzung zeitgenössischer Quellen, die ein anschauliches Bild des tatsächlichen Lebens vermitteln, schließlich die Einbettung der Darmstädter Geschichte in ihre historischen Zusammenhänge, die knapp, aber präzise umrissen werden.
Ekkehard Wiest: „Darmstadt zur Zeit der Jahrhundertwende (1880 – 1914)“. Mit einem Geleitwort von Christof Dipper. Verlag S. Toeche-Mittler in Darmstadt, 240 Seiten im Großformat mit vielen Abbildungen, 24,80 Euro. Gemeinsam mit den beiden Vorgängerbänden unter dem Titel „Darmstadt als Großherzogliche Residenz von 1806 – 1918“ für 49,90 Euro.
In Verbindung mit einer ausgezeichneten Bebilderung liefert der sorgfältig gestaltete Band ein großes Lesevergnügen. Wiest ermuntert zur gedanklichen Zeitreise: Wer seinen beschreibenden Gängen durch die einzelnen Bezirke folgt, wird auch das gegenwärtige Darmstadt aufmerksamer wahrnehmen. Wiest berichtet vom Wandel der Altstadt, dem Armenviertel im Schatten des Schlosses, das um die Jahrhundertwende durch den Abriss von Häuserzeilen empfindlich verändert wird, er beschreibt den Charakter des westlich vom Schloss gelegenen Stadtteils mit Geschäften, Cafés und Hotels, erinnert daran, dass die bauliche Gestaltung der Mathildenhöhe von den meisten Zeitgenossen mit erheblicher Skepsis aufgenommen wurde. Das traditionell der Arbeiterschaft gehörende Martinsviertel entwickelt sich, die Kirche St. Elisabeth wird 1905 geweiht, im bürgerlich geprägten Süden entstehen stattliche Villen.
Die Entwicklung der Stadtbezirke ist der Rahmen, den Wiest mit vielen Details füllt. Er skizziert die Spannungen des Darmstädter Hofes mit Kaiser Wilhelm II., der 1905 der großherzoglichen Hochzeit fernblieb. Er zeigt, welche Spuren die revolutionären Bewegungen Russlands in Darmstadt hinterließen, schildert die Militarisierung der Gesellschaft und das erhebliche Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land. Die industrielle Entwicklung erhält einen Schub, nachdem Merck 1904 aus der Innenstadt an den Nordrand zieht und sein Personal vervielfacht, in gleichem Maße verliert das Handwerk an Bedeutung. Der Einzelhandel floriert mit diversen Neugründungen. Das Bildungswesen gewinnt an Bedeutung, Mädchen haben wachsende Chancen, wenn sie auch weit davon entfernt sind, das Abitur ablegen oder studieren zu können.
Besonders reizvoll sind die Fundstücke, mit denen der Autor das kulturelle Leben schildert – so erregt sich Darmstadt 1905 über den Auftritt der „Barfußtänzerin“ Viola Villany, bei der „das Leichte der Gewandung“ den Rezensenten unangenehm auffiel. Der Odenwaldklub macht einen Ausflug nach Reinheim, die Kriegervereine üben patriotische Schauspiele ein, die Gartenbauausstellung lockt 70 000 Besucher nach Darmstadt, am Steinbrücker Teich wird ein Ausflugslokal gebaut, und auf der Ludwigshöhe wird ein Sommerfest gefeiert, das von einer „gemeinschaftlichen Polonaise durch den Wald“ beschlossen wird.
Man kann mit Wiest in das vergangene Darmstädter Leben eintauchen – und wird dennoch wohltuend bemerken, dass der Autor die deutende Distanz bei aller Liebe zum farbigen Detail nicht aufgibt.

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