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28. Oktober 2011  | wog

Erste Hüpfer von Holzstapeln

Luftfahrt: Im Jahr 1911 starten Darmstädter Oberschüler erstmals mit Gleitfliegern von der Wasserkuppe aus

Rekordflug: Hans Gutermuth aus Darmstadt flog am 22. Juli 1912 mit   der „FSV X“ 840 Meter weit. Foto: archiv deutsches segelflugmuseum
| Vergrößern | Rekordflug: Hans Gutermuth aus Darmstadt flog am 22. Juli 1912 mit der „FSV X“ 840 Meter weit. Foto: archiv deutsches segelflugmuseum

Der kahle Berg in der Rhön war der ideale Platz. Von der Wasserkuppe gingen im Sommer 1911 Darmstädter Schüler des Ludwig-Georgs-Gymnasiums (LGG) mit ihrem selbst gebauten Gleitflugapparat in die Luft. Sechs Meter hoch, 150 Meter weit. Aus heutiger Sicht keine Distanz – vor 100 Jahren waren es „vorzügliche Resultate“, wie das Darmstädter Tagblatt damals meldete. Die Experimente der jungen Männer wirken nach. Noch immer gibt es in Darmstadt Segelflieger. Zudem ist das Jubiläum der ersten Flugversuche für die Bundeskommission Segelflug der Anlass, am Wochenende im Darmstadtium den Deutschen Segelfliegertag auszurichten und den Verein Hessenflieger für sein hundertjähriges Bestehen zu ehren.

Die Anfänge Darmstädter Segelfliegerei reichen jedoch weiter zurück. Es waren die Schüler, die später von der Wasserkuppe aus starten sollten, die 1909 die „Flug-Sport-Vereinigung Darmstadt“ (FSV) gründeten. „Es war die Zeit, in der weltweit mit Flugapparaten experimentiert wurde“, erklärt Ursula Eckstein. Die Marburgerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der Fliegerei in Deutschland und speziell auch in Darmstadt.
Die 15 und 16 Jahre alten Oberschüler waren flugbegeistert. Anschauungsunterricht gab es gleich in der Nähe: Auf dem Truppenübungsplatz in Griesheim baute der Luftfahrtpionier August Euler selbst Fluggeräte und unternahm seine Flugversuche.
Dem eiferten die jungen Männer nach. Aus Bambusrohren und aus mit Stärkekleister bestrichenen Betttüchern bauten sie Gleitflugzeuge. Zunächst waren es noch Hüpfer von Holzsta-peln, später Gleitflüge von der etwa sechs Meter hohen „Schanz“ auf dem Griesheimer Übungsplatz, schließlich vom Prinzenberg.
Um noch besser starten und vor allem weiter fliegen zu können, suchten sie 1911 nach einem anderen Startplatz und wurden in der Rhön fündig. Untern anderem in Ställen reparierten sie ihre Fluggeräte. Bis 1914 entstanden elf Hänge- und Sitzgleiter. 1912 stellte Hans Gutermuth mit der „FSV X“ einen Weltrekord auf. Er flog 840 Meter weit, in 112 Sekunden. Bis zum Ersten Weltkrieg waren die Pioniere der „FSV“, die sich inzwischen dem „Verein für Luftfahrt“ angeschlossen hatten. „Die Flugsportvereinigung ist die Wurzel des Darmstädter Segelflugsports“, sagt Eckstein.
Die Anfänge auf der Schanze in Griesheim und der Wasserkuppe in der Rhön begründeten die Tradition der Darmstädter Fliegerei. So werden die seit 1925 unter dem Namen „Hessenflieger – Verein für Luftfahrt Darmstadt“ firmierenden Flieger als Nachfolger der FSV-Pioniere angesehen. Um Wettbewerbe, Flugtage und Pilotenschulungen zu veranstalten, fanden sie sich zusammen.
Die Hessenflieger blieben der Rhön verbunden. Dort nahmen sie an Segeflugwettbewerben teil, zudem unternahmen sie deutschlandweit den ersten Autostart mit einem Gleitflugzeug und entwickelten dies zum Windenstart weiter.
Segelfliegen bietet der Verein inzwischen jedoch nicht mehr an. „Wir betreiben nur noch Motorflug“, erklärt Andreas Kreikle, im Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Vier Maschinen hat der 140 Mitglieder zählende Verein auf dem Verkehrslandeplatz in Egelsbach derzeit stationiert. Unter anderem bieten die Hessenflieger Pilotenausbildungen und Weiterbildungen an und pflegen die Darmstädter Tradition.

Die wird im Segelflug von der Akademischen Fliegergruppe (Akaflieg) fortgesetzt. 1920 wurde sie an der Hochschule in Darmstadt gegründet. Sie ist eine der ältesten studentischen Gruppen an der heutigen TU. Unter dem Motto „Forschen – Bauen – Fliegen“ haben die Nachwuchsforscher inzwischen mehr als 40 Segelflugzeuge entwickelt. Längst sind aus der Konstruktion mit Bambusrohr und Betttuch hochtechnische Produkte aus Verbundstoffen und Graphit geworden. Nach eigenen Angaben zählt die Akaflieg 60 Mitglieder.
Erst 1953 gründete sich der Sportfliegerklub Darmstadt, um Flugsport auszuüben. Es gibt zwei Sparten: den Segel- und den Modellflug. Die Segelflieger starten auf dem Flugplatz des Aeroclubs Kreis Bergstraße in Heppenheim, die Modelle in Ober-Ramstadt und Messel. Zur Geschichte der Segelflieger in Darmstadt gehört auch der Aeroclub Darmstadt. 1950 gegründet, löste er sich 1991 auf, weil der Nachwuchs fehlte.

 
 
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