Die Tagestemperaturen lagen um den Gefrierpunkt, aber in der neuen Trauerhalle des Jüdischen Friedhofs war es angenehm warm. Vielleicht wurden auch deswegen längere Reden gehalten. Über hundert Jahre lang mussten sich Trauergäste nämlich an exakt jener Stelle, an der nun die für rund 570 000 Euro errichtete Halle steht, bei Wind und Wetter, bei Sonne, Regen oder Schnee versammeln. Diese Unbehaustheit, dieses langlebige Provisorium hat nun ein Ende.
Alte Spruchweisheiten lagen nahe. „Was lange währt, wird endlich gut“, sagte Oberbürgermeister Walter Hoffmann und sprach von einem „Grund zur Freude für ganz Darmstadt“. Es handele sich sozusagen um ein „Jahrhundertprojekt“, witzelte er. Und Dank sprach er aus. Vor allem für Christiane Geelhaar, die die Initiative ergriffen und die Umbaupläne als Mitarbeiterin des Hochbau- und Maschinenamtes ausgearbeitet hatte. Dank für Geelhaar regnete es sodann in regelmäßigen Abständen, von Stadtbaurat Dieter Wenzel, vom Gründezernenten Klaus Feuchtinger sowie vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, Moritz Neumann.
Die Archivarbeit
der Architektin Geelhaar
Geelhaar hat sich intensiv mit der Geschichte des 1680 angelegten Friedhofes befasst, Dokumente gewälzt, in Archiven gestöbert. Sie stieß auf Pläne, die über hundert Jahre alt sind. Zwischen 1890 und 1904 wurde das klassizistische Tor auf der Nordseite des Friedhofs erweitert samt Platz für den Friedhofswärter. Und eine Trauerhalle sollte entstehen. Warum diese Pläne nicht umgesetzt wurden, das war bis heute durch niemanden zu ermitteln. Stadtbaurat Dieter Wenzel zeigte sich erleichtert, „dass unsere Generation nun endlich zur Vollendung des Projektes beigetragen hat“.
Echtzeit und gefühlte Zeit sind zweierlei. In Darmstadt haben vor allem Darmstädter stets den starken Verdacht, dass hier „schon immer alles dreimal solange dauert wie in einer anderen Stadt“. So sagte es Moritz Neumann im Juni 2004, als die Bauarbeiten für die Trauerhalle begannen. Später vervollständigte Neumann seinen Gedanken so: „Darmstadt war offenbar schon 1900 Darmstadt. Und so auch die Darmstädter Juden.“ Neumann betonte dagegen die Rolle vieler Darmstädter Oberbürgermeister, nicht zuletzt von Peter Benz, die sich sehr um jüdische Belange gekümmert hätten.
Anderes Lob gab es ebenfalls mehrfach: Oskar Werling bekam es (1891 - 1969). Der Darmstädter „aus echtem Schrot und Korn“ (Walter Hoffmann) hatte als Friedhofswächter zu Zeiten der Naziherrschaft ein stetes konservatorisches Auge auf das Areal und vertrieb mehrfach Nazi-Schergen vom Friedhof, einmal mit den Worten „Macht euch fort! Haut ab! Ihr habt hier nichts zu suchen!“ Der lange Zeit in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommene, so vorbildlich wehrhafte Darmstädter mit der nötigen Portion Zivilcourage wird jetzt neben dem Portal der Trauerhalle mit einer kleinen Erinnerungstafel gewürdigt.
„Der jüdische Friedhof Darmstadt, einer der ältesten Deutschlands, ist eine Kostbarkeit“, sagte Klaus Feuchtinger. „An der Erhaltung der Anlage besteht ein hervorgehobenes kulturgeschichtliches und denkmalschützerisches Interesse“, betonte er. „Wir nehmen Oskar Werlings Vermächtnis sehr ernst.“
Nach jüdischem Glauben gilt ein Friedhof als „Haus der Ewigkeit“. Das Darmstädter „Haus der Ewigkeit“ hat nun nicht nur eine Trauerhalle mit einer lichten Höhe von fünf Meter bekommen, sondern auch einen Tahara-Raum für die rituelle Waschung der Toten, einen Sozialraum fürs Friedhofspersonal, Sanitär- und Wirtschaftsräume. Die Gesamtplanung integrierte und sanierte alle vorhandenen Bauteile und Rudimente.
Der neue Rabbiner der Darmstädter Gemeinde, Michael Beihoff, fasste sein Gefühl angesichts der Trauerhalle wie folgt in ergreifende Worte: „Wir haben die große Hoffnung, dass diese Halle sehr selten benutzt werden muss.“
Endlich im Trockenen nach 100 Jahren
Jüdischer Friedhof : : Offizielle Einweihung der Trauerhalle in der Seekatzstraße - Ursprünglich vorgesehen im Jahre 1904
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