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10. Oktober 2011  | Klaus Honold

Die Spitze des Selbstbewusstseins für Katholiken

Religion: Am 30. September 1905, wurde die Kirche St. Elisabeth geweiht – Das neue Gotteshaus gab den Katholiken in Darmstadt endlich ein eigenständiges Gesicht

 
Einend er höchsten türme Darmstadts hat St. Elisabeth. Die katholische Kirche wurde 1905 im damaligen Arbeiterviertel errichtet und spiegelt das Selbstbewusstsein der Darmstädter Katholiken zu dieser Zeit wieder. Foto: Archiv
| Vergrößern | Einend er höchsten türme Darmstadts hat St. Elisabeth. Die katholische Kirche wurde 1905 im damaligen Arbeiterviertel errichtet und spiegelt das Selbstbewusstsein der Darmstädter Katholiken zu dieser Zeit wieder. Foto: Archiv
DARMSTADT. 

Ein weithin bekanntes Foto zeigt Soldaten der US-Army, die am Bismarck-Denkmal den Arm zum Hitlergruß recken. Das war wohl kurz nach dem Einmarsch am 25. März 1945. Den Darmstädtern diente es stets zur Belustigung: Da, seht, die arglosen Yankees, die halten den Eisernen Kanzler mit seiner Pickelhaube für einen Nazi.

Wahrscheinlich ahnten die GIs wirklich nicht, dass sie mit ihrer clownesken Geste Anfang und Ende einer Verfolgungsgeschichte zusammenbanden, in einem kurzen Augenblick historische Wahrheit sichtbar machten. Denn tatsächlich begannen mit Bismarck die Ausgrenzung, Verfolgung und Verjagung von Minderheiten, die ein halbes Jahrhundert darauf, ungleich radikalisiert, den Holocaust ermöglichten.
Den Sieg über Frankreich 1871 und die Einigung des Deutschen Reiches verstanden die Zeitgenossen als Ausweis der geschichtlichen Überlegenheit des Protestantismus und „Vollendung der Reformation“, wie es damals hieß. In diesem Reich hatten Katholiken keinen Platz, und so peitschte Bismarck eine Reihe von Gesetzen durch den Reichstag, die Katholiken binnen anderthalb Jahrzehnten von der konfessionellen Minderheit zur „Pariah Community“ machten, zur Gemeinschaft der Aussätzigen, wie es ein Historiker formuliert hat. Die Verfolgung beginnt mit der staatlichen Zensur von Predigten und steigert sich dann von Jahr zu Jahr: Die öffentlichen Verwaltungen werden von Katholiken „gesäubert“, katholische Orden verboten, die Glaubensausübung wird, wo es nur geht, unterdrückt; bei Wallfahrten schreitet die Armee ein.
Hunderte Priester und die Hälfte der Bischöfe verbüßen langjährige Festungshaft. Schließlich mündet die Ausmerzung im „Expatriierungsgesetz“: Katholischen Geistlichen wird die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. An diesen Kanon wird man sich 1933 erinnern.
In zwei weiteren großen Wellen rollen die Verfolgung von Sozialdemokraten und Juden durch das Deutsche Kaiserreich. Letztlich aber schreckte Bismarck vor dem Äußersten, der Entfesselung vernichtender Strategien jenseits dessen, was der Reichstag noch zu billigen bereit war, zurück. Die Gesetze des Reichs wurden weit über die Legitimität hinaus gedehnt; noch aber handelte es sich um Politik, die zurückgenommen und wieder gut gemacht werden konnte.

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Wäschewaschen
an Fronleichnam


Die Erfahrung der Verfolgung – von Bismarck „Kulturkampf“ genannt – hat die Katholiken freilich nachhaltig geprägt. Zwar bewegten sie sich vom Widerstand zum Miteinander, freilich stets im Bewusstsein, wie gefährdet ihr Status ist. Wo immer Katholiken in der Diaspora waren, ertrugen sie Spott, Hänselei, auch manche Gehässigkeit der protestantischen Mehrheit noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. So auch in Darmstadt.
Ältere Katholiken erinnern sich an subtile Kleinkriege um Feiertagsbräuche – wenn die „Katholen“ Fronleichnam begingen, hängten die „Evangelen“ ihnen die Wäsche vor die Nase. Erst die landesweite Durchmischung der Konfessionen in Folge von Flucht und Umsiedlung hat das in Vergessenheit geraten lassen.
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Pantheistische
Verehrung


In Darmstadt war den Bürgern seit 1526 der reformierte Glaube Martin Luthers verordnet worden. Erst Landgraf Ludwigs X. „Freiheitsbrief“ lud 1790 auswärtige Andersgläubige ein, sich in der kleinen Residenz wirtschaftsfördernd anzusiedeln. Das taten sie; und so gab es 1820 die Erlaubnis, nach dreihundert Jahren wieder eine katholische Kirche einzurichten. Der nunmehrige Großherzog Ludewig I. unterstützte die Pläne seines Baumeisters Georg Moller, der für den Riedeselberg die Rotunde eines antiken Tempelbaus nachempfand – nach außen keine Kirche, schon gar nicht eine katholische.
St. Ludwig genügte der katholischen Gemeinde Darmstadts nur wenige Jahrzehnte – und im Grunde genügte sie ihr nie. Denn Moller hatte eine im Sinne pantheistischer Verehrung geformte Kultstätte vorgeschwebt, die sich mit den Bedürfnissen katholischer Liturgie bis heute nicht hat vereinbaren lassen. Den Vorrang des Ästhetischen vor der Eucharistie unterstreicht auch die jüngst erfolgte Pop-Bemalung.
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Neubau
im Arbeiterviertel


Um 1900 gab es in Darmstadt neben 58 000 evangelischen Bürgern bereits 12 300 katholische. St. Ludwig brauchte eine Filialkirche. Die Pfarrer Peter Koser und sein Nachfolger Friedrich Elz trieben das Projekt voran, nachdem bereits seit 1871 in der Kapelle des Pfründnerhauses an der Emilstraße Gottesdienste gehalten werden durften. Es war klar, dass die neue Kirche in den rasch wachsenden Arbeitervierteln des Darmstädter Nordens ihren Platz finden musste. Schließlich kaufte Elz den Baugrund vis-à-vis vom Prinz-Georg-Palais, in der Schlossgartenstraße 57. Mit dem Entwurf wurde der Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker beauftragt.
Das neue Gotteshaus sollte unter dem Patronat der Heiligen Elisabeth stehen, der großen mildtätigen Fürstin des Mittelalters, deren zweite Tochter Sophie von Brabant Ahnherrin der hessischen Regenten ist. Durch solche Rückbezüge stellten sich die Darmstädter Katholiken also abermals in die Huld der Herrscher – ähnlich wie mit ihrer Mutterkirche, die Großherzog Ludwig im Namen trägt. So schützte man sich eben auch, in Zeiten, da Katholiken als romhörige „Reichsfeinde“ galten.

Nur Neugotik
kam in Frage


In Marburg, dem letzten Lebensort Elisabeths, war schon 1235, vier Jahre nach ihrem Tod, mit dem Bau der Elisabethkirche begonnen worden; sie wurde 1283 fertig. Als Becker sich 1903 an die Pläne seines fünfzigsten Kirchenbaus setzte, St. Elisabeth in Darmstadt, kam gar kein anderer als der neugotische Stil in Frage. Aus heutiger Sicht tragen die eklektischen Stile der wilheminischen Epoche – Neo-Romanik, Neo-Renaissance, Neo-Barock – das Mal imperialer Dekoration. Anders die Neugotik: Sie fußt auf der begeistert wiederentdeckten und wissenschaftlich erforschten europäischen Vergangenheit. In der Neugotik wird eine Neubesinnung auf Identität sichtbar – das Gegenteil also des attitüdenhaften Nachahmens.
Letztlich ist St. Elisabeth auch eine Antwort auf St. Ludwig. Anders als Moller lässt Becker an der Zweckbestimmung seines Gotteshauses keinen Zweifel. Das Selbstbewusstsein, das sich darin ausdrückt, ist ein Moment des politischen Fortschritts; fortschrittlich setzt Becker denn auch seine rheinisch inspirierte Architektursprache ein. Kühn stellt er den Turm an die Straßenecke, kühn lässt er ihn, den höchsten Darmstadts, zu 80 Meter aufschießen, mit einer staunenswerten, freier werdenden Geschossfolge, malerisch behandelten Fassaden und einem irrsinnig spitzen und steilen Dach.
Das war durchaus gegen die Konvention. Mag sein, dass Joseph Maria Olbrich, als er seinen die Backsteingotik verwandelnden Hochzeitsturm entwarf, sich vom aufregenden Turm St. Elisabeths hat beeindrucken lassen. Umgekehrt – so hat die Kunsthistorikerin Elisabeth Krimmel nachgewiesen – nahm Becker Anleihen am Jugendstil: in den Fischblasen des Fenster-Maßwerks zum Beispiel. Dazu kam der romantische Gestus, mit dem Becker Kirche und Pfarrhaus ineinander verschachtelte, was dessem Inneren überraschende Räume bescherte. Der überreiche Schmuck des Bauwerks, auch des Interieurs, ist ohne Vergleich in Darmstadts – leider fiel viel dem Luftangriff vom 12. Dezember 1944 zum Opfer, so auch das Netzgewölbe des Hauptschiffs.
Am 4. Oktober 1903 war die Grundsteinlegung, am 30. September 1905 wurde St. Elisabeth geweiht. In den siebziger Jahren war St. Elisabeth mit über siebentausend Mitgliedern die größte katholische Gemeinde Darmstadts. Heute sind es um die fünftausend.

 
 
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