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09. September 2011  | 

Augenzeugenbericht: Das Grauen starrte aus den Fensterlöchern

 
Angriff auf Darmstadt. Am 11. September 1944 zerstörten britische Bomber die Stadt zu großen Teilen. Foto: Archiv
| Vergrößern | Angriff auf Darmstadt. Am 11. September 1944 zerstörten britische Bomber die Stadt zu großen Teilen. Foto: Archiv

Gottfried Betz wurde am 1. Januar 1931 in Darmstadt geboren und wuchs in Bessungen auf. 1944 wurde der dreizehnjährige Bub wie viele Kinder wegen der Kriegsgefahren nach Billings in den Odenwald evakuiert. Wegen eines Unfalls kehrte er Anfang September 44 in seine Heimatstadt zurück und erlebte den großen Luftangriff auf Darmstadt in seinem Elternhaus in der Weinbergstraße 40. Nach dem Krieg arbeitete Betz als kaufmännischer Angestellter. Er starb am 25. August 2011. Seine Erinnerung an die Brandnacht hat uns der Sohn Claudius Betz zur Verfügung gestellt.


Am 7. September 1944, morgens um halb acht, machte ich mich auf meinen Schulweg von Billings nach Groß-Bieberau. Die Straße hatte keine feste Decke. Sie war in ihrem Oberbau nur aus Schotter und Sand verdichtet. Das genügte, wurde sie doch fast nur von Fuhrwerken mit Pferde- oder Kuhbespannung befahren. Eine Ausnahme war morgens und abends das Milchauto. Ansonsten hatten Motorfahrzeuge auf dieser Strecke Seltenheitswert. Mein Fortbewegungsmittel auf der circa 6 Kilometer langen Strecke war das alte Fahrrad meiner Schwester.
Es war ein schöner Morgen. Das Gefälle, in dem die Straße ein großes Stück zwischen Billings und Niedernhausen lag, nutzte ich, um freihändig und freibeinig die Schräge hinunter zu rollen. Das machte Spaß! Da kam zu unpassender Zeit ein Flieger sehr tief von Lützelbach her das Tal herunter geflogen. Ich schaute nach dem Flieger und nicht mehr auf die Straße - immer noch freihändig. Ein Schlagloch beendete die Lustfahrt und warf mich eine fünf bis sechs Meter lange Böschung hinunter in einen Rübenacker. Ich fiel weich! Nachteilig war, dass ich mit dem rechten Fuß in den Doppelrahmen des Damenfahrrades geriet und mit dem „Hersch“ am Bein einen gekonnten Überschlag machte. Ein starker Schmerz durchzuckte das Sprunggelenk! Ich schob das Fahrrad die Böschung hinauf, richtete den Lenker und fuhr zur Schule.
Im Laufe der nächsten zwei Stunden wurden die Schmerzen stärker und der Fuß wurde dicker und dicker. Mein Klassenlehrer schickte mich zum Arzt. Zum Glück nannte er keinen Namen. Ich meldete mich durch einen Klassenkameraden bei der Familie Seeger in Billings ab und fuhr mit dem Rad nach Bessungen. Dem Fuß bekam das nicht! Unser Hausarzt röntgte das Gelenk. Gebrochen war kein Knöchelchen, aber eine starke Bänderdehnung und einen mächtigen Bluterguss nannte ich mein eigen. Liegen und Umschläge mit essigsaurer Tonerde war die Verordnung.
Was für ein faules, schönes Leben brach an! Ich „higgelde“ von einer Sitzgelegenheit zur anderen. Der beste Platz war im Hof an der „Gichtmauer“. In einem Korbsessel sitzend, das Bein hochgelegt, genoss ich den warmen Altweibersommer. So vergingen die Tage!

Mutter Johanna Betz, Gottfried (Goffi) Betz, Bruder Rudolf Betz und Schwester Ruth Betz,  verheiratete Wünsche, die noch heute in Bessungen lebt. Foto: Privat
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Mutter Johanna Betz, Gottfried (Goffi) Betz, Bruder Rudolf Betz und Schwester Ruth Betz, verheiratete Wünsche, die noch heute in Bessungen lebt. Foto: Privat
Am 11. September gab es gegen 23.30 Uhr Hauptalarm. Wir, das waren Onkel Ernst, Tante Margot, meine Mutter und ich, zogen uns an, brachten unser „Badoglio-Gepäck“ in den Keller und gingen in den Hof. Ich hatte meinen lädierten Fuß in einen Stiefel meines großen Bruders gesteckt, da kam ich gerade so rein. Es war eine lauwarme, sternenklare Nacht.
Da hörte man von Westen Motorengeräusche. Der Intensität nach konnten das nicht viele Flieger sein. Keine Gefahr!
Doch die Maschinen flogen nicht weiter. Sie entfernten sich und kamen wieder. Onkel Ernst, mit dem intuitiven Gefühl für Gefahr, das er aus den Materialschlachten des 1. Weltkriegs mitgebracht hatte, sagte ruhig aber bestimmt: „Wir gehen in den Keller“! Ein rascher Gang durch das Haus. Fenster und Türen weit öffnen und dann runter in die „Tonne“. Da saßen wir nun auf unseren Luftschutzbetten bei dem trüben Licht einer Stalllaterne. Zu den Motorengeräuschen kam nun immer öfter ein kurzes Rauschen, gefolgt von einem dumpfen „Plopp“. Mit den Worten „Ich geh mal in den Hof und schaue nach, was los ist, ihr bleibt hier“, ging Onkel die Kellertreppe hoch.

„Wir sind dran, die ganze Stadt ist
mit Christbäumchen abgesteckt.“
Gottfried Betz (Goffy) als Junge während des Krieges.  Foto: Privat
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Gottfried Betz (Goffy) als Junge während des Krieges. Foto: Privat

Nach wenigen Minuten kam er wieder runter, verschloss die Luftschutztür und sagte: „Wir sind dran, die ganze Stadt ist mit Christbäumchen abgesteckt.“ Er setzte sich neben Margot. Nun vernahm man auch ein immer stärker werdendes Dröhnen und Brummen von vielen Flugzeugmotoren. Es wurde so intensiv, dass man es nicht nur hörte, sondern auch im Bauch und in der Brust spürte. Dazu kam ein Geräusch, wie wenn viele dicke Hagelkörner auf die Dächer prasselten. Nur viel lauter!
Es war ein infernalisches Klack, Klack, Klack, Klack! Dazwischen immer wieder ein Rauschen und Wummern. Onkel ging hoch in den Hof und das Haus. „Die werfen Brandbomben, es brennen schon viele Häuser. Bei uns ist noch alles in Ordnung“, war seine Botschaft, als er wieder kam.
Angst hatten wir noch keine. Eine unmittelbare Bedrohung sahen wir in unserem Keller noch nicht. Wir waren ja in der „Tonne“ hinter dicken Mauern. Das änderte sich, als „Mosquitos“, schnelle, zweimotorige Bomber heran rauschten und Sprengbomben und Luftminen abwarfen. Es waren furchtbare Schläge, und die Erschütterungen drangen aus dem Erdboden in die Mauern des Kellers und ließen den Mörtel aus den Fugen zwischen den Steinen rieseln.
Dann kam dieser schreckliche Augenblick, in dem wir das Heulen einer sich im Tiefflug nähernden Maschine hörten und ein furchtbarer Detonationsschlag uns fast die Trommelfelle zerriss. Unser gutes altes Fachwerkhaus wankte, schwankte und stöhnte fürchterlich. Niemals vorher und auch nachher habe ich Materie stöhnen hören.
Die Schutzvorrichtungen vor den Kellerfenstern flogen weg und die Luftschutztür wurde aus ihren Verankerungen gerissen. Es war mit einmal taghell im Keiler. Wir saßen da und zitterten! Wir hatten eine so grauenvolle Angst, dass wir kaum noch beten konnten. Nie mehr, auch im Tieffliegerbeschuss habe ich so eine Angst verspürt.
Onkel löste sich als erster aus der Erstarrung. Er raste die Kellertreppe hoch und kam sofort wieder runter. Mit dem Schrei „Raus, oder ihr verbrennt“, trieb er uns die Angst und die Erstarrung aus dem Kopf und dem Körper und uns aus dem Keller. Wir waren nicht in unserem Hof, wir waren in der Hölle! Ringsum Häuser als lodernde Flammen und Bäume, die vom Sturm zu Boden gebeugt wurden, den sich das gefräßige Feuer selbst zum Atmen schuf, damit es nicht erlösche, bevor alles vertilgt sei.
Im Hof lag eine Stabbrandbombe. In der Aufregung beging Onkel einen großen Fehler. Er schüttete einen Eimer Wasser auf die Bombe. Wir hatten alle gelernt, dass Stabbrandbomben nur mit Sand gelöscht werden durften. Eine Stichflamme zischte hoch und verbrannte Onkels rechten Unterarm und das Gesicht. Kein Aufschrei, kein Klagelaut war zu hören. Wie schlimm die Verbrennungen waren, zeigte sich erst, als er im Morgengrauen zu einem Notverbandsplatz im „Prinzert“ ging. Jetzt in der Gefahr kannte er keinen Schmerz.

Mit Schaufel und Feuerpatsche
auf den Dachboden


Mich schickte er mit Schaufel und Feuerpatsche auf den Dachboden, Margot und Mutter in das Erd- und Obergeschoss. Kein Ziegel war mehr auf dem Dach und keine Scheibe mehr in den Fenstern. Er selbst holte das Löschwasser, das wir in Bütten und Fässern im Hof hatten, und brachte es uns. Wir drei mussten die glühenden Brocken, die der Sturm aus den brennenden Häusern nach uns schleuderte, löschen und auf die Straße oder in den Hof werfen. Das mussten wir so lange machen, bis die Häuser niedergebrannt waren und der Sturm keine Kraft mehr hatte.
Es wird wohl gegen 4 Uhr in der Früh gewesen sein, als wir uns schwarz wie die Schornsteinfeger, im Hof wieder trafen.
Wir lebten und hatten unser Haus vor dem Feuer bewahrt. „Gott sei Dank!“ In den Stunden der Anstrengung und Gefahr, als uns in der Hitze die brennenden Brocken um die Ohren flogen, war eine Wandlung in uns vorgegangen, wir hatten die Angst überwunden.
Zu dieser Zeit wollte Onkel nach unseren Verwandten in der Frankensteinerstraße sehen. Er ging die Weinbergstraße hoch bis zur Kreuzung, schaute minutenlang in die Querstraße und kam wieder zu uns. „Die sind alle tot, dort ist alles platt, nur ein Trümmerhaufen“, sagte er. Gottlob, es war nicht so. Unsere Verwandten wagten sich nicht aus ihrem Schutzraum, als über ihnen ihr Haus brannte. Sie wären wohl erstickt und verbrannt, wenn nicht eine in der Nähe detonierende Luftmine das ganze brennende Häuschen in den Garten geblasen hätte. Doch das erfuhren wir erst am nächsten Tag.
Wie ging es weiter, als der Tag herauf gezogen war? Man sah nach seinen nächsten Nachbarn. Brauchte jemand Hilfe, der noch schlimmer dran war als man selbst? Was war mit Verwandten und Bekannten, die weiter weg ihre Wohnung hatten? Wie konnte man Verwandten, die außerhalb Darmstadts wohnten, ein Lebenszeichen zukommen lassen? Wo gab es frisches Trinkwasser, wo Lebensmittel ? Wo gab es ärztliche Hilfe? Alle die Fragen und Probleme, die der Alltag in Trümmern und Elend nun bringen würde, musste angegangen und gelöst werden.
Und sie wurden es! Organisationstalent und Gemeinsinn machten vieles möglich. Unser Haus stellten wir aus noch brauchbarem Trümmermaterial und Drahtglas, das zur Verfügung gestellt wurde soweit her, dass wir uns darin aufhatten, ja sog eler Schäden, trotz Toter und Verletzter noch glimpflich davon gekommen. Die Bomber hatten die südlichen und südwestlichen Gebiete nicht voll getroffen. In der Innenstadt war es furchtbar! Trümmerhaufen an Trümmerhaufen und alles ein Grillplatz des Todes! Das Grauen war keine menschliche Empfindung mehr. Es hatte sich verselbstständigt und war zu einer Wesenheit geworden. Es starrte die Überlebenden aus öden Kellerlöchern an und hockte böse grinsend auf den stehen gebliebenen Kaminen.

Gottfried Betz


 
 
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