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11. Februar 2011  | 

4500 Jahre Darmstadt

 
Ein Händchen für Darmstadt in früheren Zeiten: Christian Häussler (rechts) im Hinkelsturm vor seinem Altstadtmodell. Neben ihm der Leiter der städtischen Denkmalpflege, Nikolaus Heiss. Archivfoto: Claus Völker
| Vergrößern | Ein Händchen für Darmstadt in früheren Zeiten: Christian Häussler (rechts) im Hinkelsturm vor seinem Altstadtmodell. Neben ihm der Leiter der städtischen Denkmalpflege, Nikolaus Heiss. Archivfoto: Claus Völker
DARMSTADT. 

Wie alt Darmstadt wirklich ist, weiß man nicht so genau. In der Jungsteinzeit, also etwa 2500 Jahre vor Christi Geburt, kamen Bauern aus der Wetterau herunter und bauten sich Hütten auf der Rosenhöhe und im Herrngarten. Das waren wohl die ersten Heiner. Ob sie hier blieben, ob es ihnen gefallen hat - das ist nicht bekannt.
Die dauerhafte Besiedlung Darmstadts beginnt um 2000 vor Christus. Aus dieser Zeit stammen die Knochen des „ältesten Darmstädters“, die vom Landesmuseum aufbewahrt werden. Ein paar Jahrhunderte später verabschiedeten sich die Leute von ihren ungehobelten Manieren, entwarfen anständige Häuser, richteten sie mit hübscher Keramik ein und gaben den Verwandten ordentliche Andenken mit ins Grab. Nun konnten die Römer kommen.
Das taten sie ums Jahr 100 nach Christi Geburt. Darmstadt war noch nicht Wissenschaftsstadt, doch ab jetzt lebte man zivilisiert, kultiviert, an kodifizierte Gesetze gebunden. Römisch, alemannisch, fränkisch, schließlich katzenelnbogisch. Jenes Mittelalter freilich, das andernorts eine Epoche der Erleuchtung war, in dem Architektur und Wissenschaft blühten - das machte um Darmstadt einen Bogen.
Zwar gab Kaiser Ludwig am 23. Juli 1330 die Erlaubnis, Darmstadt mit Mauer und Graben zu umgürten, auch ein Markt durfte abgehalten werden. Die Städter aber blieben Bauern, rupften Löwenzahn und fütterten ihre Geiß. Und selbst die Burg war in einem Zustand, dass Graf Wilhelm II. sie noch 1355 seiner Frau nicht zumuten mochte.
So blieb es lang. Ein paar Heiner lernten schreiben und führten den Grafen die Geschäfte. Die anderen hatten auf dem Acker zu tun. Kriege, Brände, Seuchen und Orkane sind in den Annalen vermerkt. Man bildete eine Miliz, der Beginn von mehreren hundert Jahren Darmstadts als Soldatenstadt. Die Zahl der Fachwerkhäuschen stieg, die der Einwohner langsam. Im 14. Jahrhundert waren es rund tausend.
Gute Zeiten, schlechte Zeiten. 1677 klagt der Bürgermeister, dass die Stadt „nur mit unvermöglichen Leuten“ gefüllt sei, die „von der Hand in den Mund leben“. Man muss nur mal kurz daran denken, welche Bedeutung Darmstädter Schwesterstädte damals schon hatten- Brescia und Alkmaar zum Beispiel -, um den Unterschied zu sehen. Darmstadt war ein Dorf mit Stadtmauer, da wollen wir uns nichts vormachen. Und als später, zu Zeiten der legendären Landgräfin Karoline, hier auch mal das eine oder andere feinsinnige und empfindsame Gespräch geführt wurde, da teilte sich dies doch nur sehr wenigen mit. Eigentlich keinem.

Darmstadt um das Jahr 900: Locker verbunden liegen Siedlungskerne auf dem Gebiet des heutigen Stadtzentrums – ein paar haufenförmig ausgebildete Bauernhausgruppen, jeweils von einem Palisadenzaun umgeben. Die Gebäude waren einfach, aus mit Lehm und Stroh gefülltem Fachwerk errichtet. Links oben ist die Burg zu erkennen, das heutige Schloss, in der Mitte unten muss man sich die heutige Stadtkirche denken. Dazwischen fließt der Darmbach. Die Pfeile links und rechts sind zum Vergleich mit den folgenden Bildern eingefügt worden. Zeichnung: Christian Häussler Foto: häussler, christian
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Darmstadt um das Jahr 900: Locker verbunden liegen Siedlungskerne auf dem Gebiet des heutigen Stadtzentrums – ein paar haufenförmig ausgebildete Bauernhausgruppen, jeweils von einem Palisadenzaun umgeben. Die Gebäude waren einfach, aus mit Lehm und Stroh gefülltem Fachwerk errichtet. Links oben ist die Burg zu erkennen, das heutige Schloss, in der Mitte unten muss man sich die heutige Stadtkirche denken. Dazwischen fließt der Darmbach. Die Pfeile links und rechts sind zum Vergleich mit den folgenden Bildern eingefügt worden. Zeichnung: Christian Häussler Foto: häussler, christian
So gesehen, begann Darmstadts Aufstieg erst 1846, mit der Eisenbahn. Nun kommt Dynamik in den Fluss der Geschichte, und in wenigen Jahren verändert die Stadt sich mehr als in den Jahrhunderten zuvor. Aus der verstaubten Residenz wird eine nicht quirlige, doch emsige Industriestadt. Und neben den Soldaten bestimmen nun Arbeiter den Alltag. Eine Welt, die im Selbstbild Darmstadts meist nicht auftaucht. Da ist der Rückblick biedermeierlich gefärbt, eine kommode Datterich-Kommune mit allenfalls burlesken Einsprengseln.
Diesem Bürger-und-Handwerker-Idyll steht in Wirklichkeit der harte Tag in verrußten Fabriken, in kleinen Arbeitermietwohnungen, in dunklen Hinterhöfen gegenüber. Ein Gegensatz, der so bis 1914 existierte, der erst in der Katastrophe zweier Weltkriege aufgelöst wurde. Am Ende jener Epoche schien Darmstadt auch am Ende seiner Geschichte angekommen. Das bebaute Gebiet der alten Kernstadt war faktisch ausgelöscht, eine in Jahrhunderten gewachsene, zuletzt schon stark bedrängte Gesellschafts- und Familienstruktur zerbrochen. Ein Zerbrechen, das nicht allein vom Krieg verursacht worden war, sondern auch von der ihm vorausgehenden Gewalt: Als erstes wurde den jüdischen Familien ihre Heimat und dann ihr Leben genommen.
Vor der Finsternis dieses Untergangs hebt sich das Folgende um so strahlender ab. Die Jahre von 1945 bis 1975 waren vielleicht die einzig rundum glücklichen in der langen Darmstädter Geschichte. Einmal, weil man wirklich in jedem Jahr besser lebte als im vorigen, zum zweiten, weil an diesem Wohlstand so viele Bürger teilhatten wie nie zuvor - und auch nicht mehr danach. Darmstadt strebte nicht nach höheren Zielen, sondern beschied sich sympathisch damit, seinen Bürgern eine Heimstatt zu bieten. Nie haben die Heiner gelöster, fröhlicher, gelassener ausgesehen als auf Pit Ludwigs Fotos aus jenen Jahren.
Damit war es Mitte der siebziger Jahre vorbei. Cityring und Luisencenter zeugen davon, dass eine gewisse Großmannssucht an die Oberfläche drängte. Die erneute Beschleunigung der Geschichte hat seitdem nicht mehr aufgehört. Lärmender, rascher, voller - ein Moment der Unruhe, der angstvollen Suche nach Bedeutung bestimmt seitdem das offizielle Darmstädter Leben. Rankings belasten das Selbstverständnis - es fällt auf, dass die Stadt sich plötzlich nicht mehr durch ihre Vergangenheit legitimieren will, auf die man doch lang so große Stücke hielt, sondern durch Zukunft.
So ist es kein Zufall, dass der Magistrat das 675-Jahr-Jubiläum gewissermaßen klammheimlich feiert - es gibt lediglich eine Festveranstaltung, und zu der sind nur geladene Gäste zugelassen. Die Bürger können bei sich zuhause auf Darmstadts Geburtstag anstoßen - oder es bleiben lassen. Wie anders ging es vor kurzem zu, als Oberbürgermeister Peter Benz zur Grundsteinlegung des Kongresshauses ganz Darmstadt auf die Baustelle bat! Aber am Kongresshaus, da hat man eben auch Darmstadts Zukunft aufgehängt.
Die Vergangenheit - das war Liebigs Fleischextrakt. Den immerhin hat Darmstadt der Welt beschert. Was kommt? Abwarten. Das Kongresshaus gehört noch in die Zeit der großen Gesten. Man entsinnt sich, dass Peter Benz anfangs sogar vorgehabt hatte, in der „Weststadt“ eine zweite Mathildenhöhe bauen zu lassen. Davon ist zum Glück nicht mehr die Rede. Und vielleicht liegt Darmstadts Zukunft ja doch nicht darin, mit allen möglichen Metropolen zu konkurrieren, sondern einfach eine nette, kleine Großstadt zu sein, die den Bürgern ein angenehmes Leben ermöglicht.
Darmstadt um das Jahr 1250: Aus der ehemaligen Niederlassung des Wildhüters Darimund ist eine Wasserburg der Grafen von Katzenelnbogen geworden. Der Darmbach speist den Burggraben. Die Siedlungszellen haben sich vermehrt und wachsen langsam zueinander – einmal in Richtung der heutigen Stadtkirche (unten), zum anderen dort, wo heute die Erich-Ollenhauer-Promenade verläuft. Die beiden Pfeile markieren jeweils dieselbe Stelle auf den fünf Grafiken, die seit gestern im ECHO-Lokalteil erscheinen. Sie sind auch in der Broschüre „Zeitstufen auf dem Weg zur Stadt“ enthalten, die der Freundeskreis Stadtmuseum herausgibt und die in Kürze im Hinkelsturm erhältlich sein wird. Grafik: Christian Häussler
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Darmstadt um das Jahr 1250: Aus der ehemaligen Niederlassung des Wildhüters Darimund ist eine Wasserburg der Grafen von Katzenelnbogen geworden. Der Darmbach speist den Burggraben. Die Siedlungszellen haben sich vermehrt und wachsen langsam zueinander – einmal in Richtung der heutigen Stadtkirche (unten), zum anderen dort, wo heute die Erich-Ollenhauer-Promenade verläuft. Die beiden Pfeile markieren jeweils dieselbe Stelle auf den fünf Grafiken, die seit gestern im ECHO-Lokalteil erscheinen. Sie sind auch in der Broschüre „Zeitstufen auf dem Weg zur Stadt“ enthalten, die der Freundeskreis Stadtmuseum herausgibt und die in Kürze im Hinkelsturm erhältlich sein wird. Grafik: Christian Häussler

 
 
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