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26. April 2011  | Von Michael Horn

Darmstadt und die Royals

Am 29. April heiraten Prinz William und Kate Middleton – In Darmstadt erinnert man sich gern an die Verwandtschaft zwischen den Royals und dem großherzoglichen Haus Hessen-Darmstadt

 
Besuch von den Royals: 1965 waren die englische Königin und ihr Ehemann auf Schloss Wolfsgarten bei Egelsbach zu Gast. Auch die Prinzen Charles und Andrew reisten gern zur hessischen Verwandtschaft. Das Foto  zeigt in der vorderen Reihe von links Prinz Ludwig von Hessen,  Elizabeth II., Prinzessin Margaret von Hessen und Prinz Philip. Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
| Vergrößern | Besuch von den Royals: 1965 waren die englische Königin und ihr Ehemann auf Schloss Wolfsgarten bei Egelsbach zu Gast. Auch die Prinzen Charles und Andrew reisten gern zur hessischen Verwandtschaft. Das Foto zeigt in der vorderen Reihe von links Prinz Ludwig von Hessen, Elizabeth II., Prinzessin Margaret von Hessen und Prinz Philip. Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung


Wer hat eine, wer hat keine? Wenn man der Klatschpresse glauben darf, gibt es unter den blaublütigen Häuptern Europas derzeit keine wichtigere Frage als die, wer eine Einladung zur Hochzeit des Jahres nach London bekommen hat. Ernst August von Hannover gilt als gesetzt. Auch Landgraf Moritz von Hessen wird heiß gehandelt. Das Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, väterlicherseits Verwandtschaft von Prinz Philip, soll hingegen angeblich leer ausgehen, hört man.
Bei solchen Gelegenheiten erinnert man sich in Darmstadt gern daran, dass auch das großherzogliche Haus Hessen-Darmstadt über viele Jahre beste Kontakte zu den britischen Royals unterhielt. Das ist im Grunde kein Wunder, denn die gekrönten und gefürsteten Häuser Europas sind alle irgendwie mehrfach miteinander versippt. In diesem Fall wurde die Verwandtschaft aber auch gelebt.
Die komplizierten Verflechtungen der beiden Adelshäuser auseinanderzufieseln, ist ein Leckerbissen für Genealogen, wie die professionellen Ahnenforscher genannt werden. Die Spuren führen zurück in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die eine beginnt nicht in Darmstadt, sondern im fernen St. Petersburg. Dorthin hatte es Marie, jüngste Tochter von Großherzog Ludwig II., verschlagen, die 1841 mit dem russischen Thronfolger Alexander verheiratet wurde. Um das Heimweh des erst sechzehnjährigen Mädchens zu lindern, wurde sie von ihrem gut ein Jahr älteren Bruder an den Zarenhof begleitet, der ebenfalls Alexander hieß. Dieser machte in russischen Diensten eine steile militärische Karriere und verguckte sich nebenbei in eine Hofdame seiner Schwester. Die junge Dame hieß Julie Hauke und war ein Mündel des Zaren. Ihr Vater hatte es als Berufssoldat in russisch-polnischen Diensten zwar zum Grafenstand gebracht, doch letztlich stammte das Mädchen aus bürgerlichem Haus.
Heutzutage nimmt niemand Anstoß daran, dass Prinz William, immerhin die Nummer zwei der britischen Thronfolge, die bürgerliche Kate Middleton heiratet, die damit gute Aussichten hat, irgendwann Königin zu werden. Das standesbewusste 19. Jahrhundert war da weniger tolerant. Was als amouröses Abenteuer eines Adeligen vermutlich geduldet worden wäre, geriet zum handfesten Skandal. Schließlich reisten Alexander und Julie überstürzt aus St. Petersburg ab und heirateten im Oktober 1851 in Breslau. Die Ehe galt als „morganatisch“ oder „Heirat zur linken Hand“ – beide Begriffe umschreiben den eingeschränkten juristischen Status der Verbindung. Schlimmer wog, dass Julie Hauke bei der Hochzeit im fünften Monat schwanger war. Das war den Zeitgenossen so peinlich, dass das Geburtsdatum der ältesten Tochter Marie in den offiziellen Unterlagen gefälscht wurde. An eine Rückkehr des jungen Paares nach Darmstadt war deshalb zunächst nicht zu denken. Prinz Alexander schlug sich einige Jahre in österreichischen Diensten durch, bevor die inzwischen um vier Söhne angewachsene Familie 1862 doch nach Südhessen kam. Am Darmstädter Hof war der Ärger über die Eskapaden des Prinzen inzwischen verflogen: Alexanders Bruder, Großherzog Ludwig III., hatte Julie Hauke erst zur Gräfin und später zur erb li ch en Prinzessin gemacht. Als Titel erhielt sie den Namen eines im Mittelalter erloschenen Grafengeschlechts: Battenberg.
Historiker vermuten im Übrigen einen recht pikanten Grund dafür, dass Prinz Alexanders standesmäßiger Fehltritt von der Familie relativ rasch verziehen worden war: Auch an seiner eigenen Herkunft bestanden nämlich erhebliche Zweifel. Großherzog Ludwig II. hatte ihn und seine jüngere Schwester Marie zwar offiziell anerkannt, es war aber ein offenes Geheimnis, dass ihr leiblicher Vater ein Schweizer Baron namens August Ludwig Senarclens-Grancy war, zu dem sich ihre Mutter Großherzogin Wilhelmine in späteren Jahren hingezogen gefühlt hatte.
Nach der Rückkehr ließen sich Alexander von Hessen und Julie von Battenberg in Darmstadt und an der Bergstraße nieder. Schloss Heiligenberg oberhalb von Jugenheim entwickelte sich zu einem Treffpunkt des europäischen Adels – unter anderem waren auch Prinz Alexanders Schwester, die Zarin Maria Alexandrowna, und ihr Ehemann Alexander II. wiederholt dort zu Gast.
Die vier Battenberg-Söhne erbten die kriegerische Natur ihres Vaters und kämpften in verschiedenen Armeen Europas. Ludwig, der Älteste, brachte es zum Kommandeur der britischen Atlantikflotte. Unter dem Druck der britischen Öffentlichkeit änderte er 1917 – Deutschland und Großbritannien standen sich im Ersten Weltkrieg feindlich gegenüber – den Familiennamen in Mountbatten. Sein Vorbild war das englische Königshaus selbst, das deutschstämmig war und sich in dieser Zeit aus Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor umbenannte.
Louis Mountbatten alias Ludwig von Battenberg hatte ebenfalls vier Kinder. Louise, die Zweitälteste, heiratete den späteren Schwedenkönig Gustav VI. Adolf. Louis, der Jüngste, war britischer Admiral, letzter Vizekönig von Indien und wurde 1979 von irischen Terroristen ermordet. Alice, die älteste Tochter, heiratete Prinz Andreas von Griechenland. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, eines davon ist Prinz Philip, der Ehemann der britischen Königin. Auf diese Weise sind Alexander von Hessen-Darmstadt und Julie von Battenberg die Urururgroßeltern von Prinz William.
Für die zweite wichtige verwandtschaftliche Beziehung zwischen den Royals und dem Haus Hessen-Darmstadt muss man sich in die Geschichte der britischen Monarchie vertiefen. Man landet bei Königin Victoria, die aus dem Haus Hannover stammt und der das Schicksal nicht nur eine lange Regentschaft (1837 – 1901) beschert hat, sondern auch eine reiche Zahl von Nachkommen. Ihre Töchter und Enkeltöchter verheiratete die Monarchin an die Fürstenhöfe des Kontinents, was ihr den Spitznamen „Großmutter Europas“ eintrug. Victorias ältester Sohn bestieg als Edward VII. den britischen Thron. Von ihm führt eine direkte Linie zu Prinz William, Queen Victoria ist dessen Ururururgroßmutter. Edwards Schwester Alice heiratete 1862 Großherzog Ludwig IV. von Hessen – der Name der englischen Prinzessin ist in Darmstadt unter anderem mit der Gründung des nach ihr benannten Hospitals verbunden. Ihr Sohn ist Ernst Ludwig, der letzte Großherzog von Hessen. Dessen Sohn Prinz Ludwig, mit dem das Haus Hessen-Darmstadt im Mannesstamm erloschen ist, ist folglich ein Urenkel von Queen Victoria.
So weit, so einfach oder auch kompliziert. Jetzt aber wird es wirklich vertrackt. Schuld ist der oben schon erwähnte Ludwig von Battenberg alias Louis Mountbatten. Er heiratete nämlich seine Nichte zweiten Grades: Victoria, eine Tochter von Großherzog Ludwig IV. und der gerade erwähnten Prinzessin Alice, Enkelin der Queen Victoria und Schwester des letzten Großherzogs, Ernst Ludwig. Diese Querverbindung sorgt unter anderem dafür, dass Königin Elizabeth II. und Prinz Philip nicht nur miteinander verheiratet, sondern auch entfernt verwandt sind – Queen Victoria ist beider Ururgroßmutter.
Die Familie von Prinz Philip spielt auch eine Rolle bei einer weiteren Verbindung. Georg Donatus nämlich, ältester Sohn von Großherzog Ernst Ludwig und Bruder von Prinz Ludwig, heiratete Prinzessin Cäcilie von Griechenland. Die ist die ältere Schwester von Prinz Philip. Das Paar kam mit einem großen Teil der übrigen großherzoglichen Familie 1937 bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Ost ende ums Leben. Die Familie war unterwegs nach England – zur Hochzeit des Prinzen Ludwig mit der schottischen Professorentochter Margaret Campbell Geddes.
Baby Wie lebendig die Kontakte zwischen London und Südhessen waren, zeigen die regelmäßigen Besuche. Insbesondere Prinz Philip und seine Söhne Charles und Andrew waren wiederholt in Darmstadt oder auf Schloss Wolfsgarten bei Egelsbach zu Gast. Auch die englische Königin Elizabeth II. selbst kam im Jahr 1965 zu Besuch.
Thronfolger Charles bezeichnete Prinz Ludwig von Hessen als „godfather“, was im Sinne von „Patenonkel“ nicht korrekt ist und wohl mehr als „Lieblingsonkel“ zu verstehen ist. Die Kontakte erstreckten sich auch auf die angeheiratete Prinzessin Margaret und hörten deshalb nach dem Tod Prinz Ludwigs im Jahr 1968 nicht auf. Über sie schreibt Prinz Charles: „So lange ich mich erinnern kann, kenne ich Prinzessin Margaret von Hessen und bei Rhein (sie sah mich zum ersten Mal, als ich gerade ein paar Stunden alt war . . .), und sie wurde bald (. . .) zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens.“
Der Tod der Prinzessin im Januar 1997 war deshalb auch der vorläufig letzte royale Auftritt in Darmstadt: Zu den Gästen, die zur Trauerfeier in die Stadtkirche kamen, gehörten Prinz Philip und sein Sohn Charles.

Dateiname : Stammbaum
Dateigröße : 10,88 MBytes.
Datum : 26.04.2011 15:31
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Stammbaum

 

 
 
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