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24. Februar 2011  | 

Die Brandnacht vom 11. September 1944

Das völlig zerstörte Darmstadt am Tag nach der Brandnacht im Sptember 1944. Archivfoto: Echo
| Vergrößern | Das völlig zerstörte Darmstadt am Tag nach der Brandnacht im Sptember 1944. Archivfoto: Echo

Von Paul-Hermann Gruner
„Schnapp die Dasch, 's is Fliegeralarm!“ Diesen Satz hörte der kleine Erich Brunner, damals fünf Jahre alt, öfter im Spätsommer und Herbst 1944. Dann gingen Mutter und Sohn runter in den Keller des kleinen Bessunger Häuschens in der Weinbergstraße, in dem sie wohnten. Dort hofften sie das Beste. Das ging glimpflich ab: bis zum 11. September. 23.25 Uhr, Fliegeralarm. „Bösartiges Brummen in der Luft“, erinnert sich Brunner. Die Bomberflotten mit ihren viermotorigen Lastträgern, sie dröhnten durch den Himmel. Also: aus dem Schlaf raus und runter in den Keller. Angst spürte er kaum. Das Allernötigste eingepackt war schnell: „In meim Rucksäggelsche war alles drin. Des Bisje.“
Während der Vater, Besatzungssoldat der Wehrmacht auf den britischen Kanalinseln, an einer der ruhigsten Fronten Dienst tut, trifft es seine Heimatstadt mit extremer Wucht. Mitten drin: Frau und Kind. Der Mutter wird das Bombengetöse und Feuergeknistere im dem als Schutzraum völlig untauglichen Keller zu viel. Sie flüchtet die Weinbergstraße hoch zum Luftschutz-Sammelpunkt Knabenschule. Es brennt überall. „Nur nach vorne gucken“, fordert die Mutter. Erich erinnert sich noch an den Luftsog der Feuersbrunst, sieht im Augenwinkel einen verkohlten Arm auf dem Straßenpflaster liegen.
Die Soldaten-Väter von Erich und Inge sind Brüder. Inge ist also die Cousine von Erich. Sie sieht den Untergang der alten Hauptstadt Hessens aus wenigen Kilometern Distanz. Inge, eingeschult im September 1942, ist nach der Einstellung des Schulunterrichts an Darmstädter Schulen Ende 1943 - Kyritz- und Schillerschule hatten Bombentreffer erhalten - mit der Mutter oft bei den Großeltern in Ober-Ramstadt zu Besuch.
Der Feuerschein
eines Untergangs
So auch am 11. September. Und auch in Ober-Ramstadt geht man fast routinehaft im Kriegsjahr 1944 in den Keller. Darmstadt ist nah. Man kann stets etwas abbekommen. Die achtjährige Inge hat „immer wahnsinnige Angst“, würde sich am liebsten aus dem Keller gar nicht mehr hervordrücken. „Das Brummen der Flieger, das ewige Dröhnen.“ Noch Jahre nach dem Krieg, wenn Propellerdröhnen die Luft erfüllt, nimmt Inge die Beine in die Hand: „Ich sach ihne: da is mer gerannt!“
Brandnacht, 0.30 Uhr: Alle Nachbarn in der Ober-Ramstädter Straße „Am Küchler“ stehen vor ihren Häusern, starren schweigend Richtung Darmstadt. „Der Himmel war feuerrot“, erinnert sich Inge. Ihre Mutter Margarete („die war mutig und couragiert. Aber das mussten Frauen auch sein“) will nach Darmstadt. Unbedingt nach der Wohnung im Martinsviertel sehen, in der Eckardtstraße. Per Zug? Fährt keiner mehr. Busse? Schon gar nicht.
Also läuft Inges Mutter los, querfeldein, durch den Wald, immer dem Feuerschein nach. Mitten in der Nacht kommt sie an, umläuft östlich die Innenstadt, geht durch Trümmerwüsten, kommt an der Kirche St. Elisabeth an. Und sieht, wie traumhaft verblüfft: es steht alles noch. Fast alles. Martins- und Johannesviertel blieben weitgehend verschont. Die Wohnung ist unversehrt.
Als die Mutter am nächsten Tag zurückkehrt, erzählt sie von den Leichenbergen auf dem Mercksplatz. Den vielen winzig kleinen Leichen, verschmort zur Größe von Babys.
Eine Woche später fährt Inge mit der Mutter per Fahrrad nach Darmstadt. „Erschreck' net, es sieht furchtbar aus“, sagt die Mutter. Inge hält dem Anblick nicht stand. „Des ging einfach net mehr.“ Sie fahren Umwege. Übers Oberfeld.
Erich Brunner kehrt nie wieder in die Weinbergstraße 28 zurück. Nach dem Krieg? „Ich weiß nur noch, dass mer immer hungrisch war. Die Dauer-Frage is gewese: Was gibt's heit zu esse?“ Keinesfalls immer so Gutes wie „die Brennnesselsupp“. Oft Maisbrei mit Wasser. „Wenn's gut ging, mit Süßstoff.“
Inge wird wieder eingeschult in der Kyritzschule im Spätsommer 1946. „Der Rektor hat aufm Trümmerhaufe gestanne“, von dort oben die Schüler begrüßt. Von Koedukation war nicht die Rede. Vormittags Jungs, nachmittags Mädchen-Unterricht. Die folgende Woche umgekehrt. Und die fehlenden Schuljahre? Die fehlen bis heute. So wechselte Inge von der 2. in die 5. Klasse. Was dazwischen lag, waren keine Ferien.
Vetter und Kusine sehen sich an, 63 Jahre danach. Sie haben „das alles“ ganz gut weggesteckt. „Vielleicht ebe, weil wir noch so jung warn.“

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11. September 1944: Die Darmstädter Brandnacht

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