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11. September 2010  | Die Aufzeichnungen Dr. Wilhelm Pöllots wurden dem ECHO von dessen Sohn Dr. Achim Pöllot 1969 überlassen/ale

Augenzeugenbericht: »Das hat die Welt noch nicht gesehen!«

Rund 10 000 Menschen starben bei dem nächtlichen Angriff auf Darmstadt - Leben und Tod hingen in dieser Nacht oft nur von Zufällen ab

 
| Vergrößern | Darmstadt in Trümmern: Rund 10 000 Menschen starben beim Angriff auf Darmstadt vor 66 Jahren. Der Augenzeugenbericht von Dr. Wilhelm Pöllot lässt das Grauen erahnen. Archivfoto: Echo

»Die Menschen sind bereits abgestumpft, sie sprechen vom Tod ihrer Angehörigen wie über Zigarrenmarken«, so beschließt der Darmstädter Augenarzt Wilhelm Pöllot seine Aufzeichnungen der Tage direkt nach dem Feuersturm im September 1944. Sie zeigen eine traumatisierte Bevölkerung, die fassungslos und desorientiert versucht, das Leben wieder in den Griff zu bekommen.


Dienstag, 12. September

Kurz vor Mitternacht: Alarm. Furchtbares Krachen. Im wankenden Keller gehen alle zu Boden. Der Luftdruck reißt mir die Mütze weg. Funkenflug im Treppenhaus. Große Hitze. Vergeblicher Versuch, den Ausstieg nach der Straße aufzuschlagen. Durch Flammen über die Kellertreppe auf die Straße. Die anderen gelangen durch den Kohlenschacht ins Freie.

Draußen ein riesiges Feuermeer. Auch auf dem Marienplatz eine Gluthitze, Feuerstürme, alles liegt flach um den Löschteich.

Durch den Palaisgarten zu den Gestapo-Bunkern. Hier einigermaßen sicher. Dann wieder hinaus in die brennende Hügelstraße. Auch die Allee brennt. Über mir knacken die Äste der Kastanien. Das Neue Palais steht in hellen Flammen. Kein Haus ist verschont geblieben. Auch die Katholische Kirche nicht. Alles ist vernichtet. Unser schönes Heim, heimatlos. Arm wie Hiob.

Im Morgengrauen Versuch, aus der Stadt herauszukommen. Überall dasselbe: Feuer, Qualm und Sturm. In der Heidelberger Straße rechts und links kein Haus mehr, im Prinz-Emils-Garten Flüchtlinge und auf den Wiesen Schweine und grasende Pferde. Ich dringe über Schutt vor bis zur Hermannstraße. Das Haus, in dem unsere alten Tanten S. und F. wohnten, ist zusammengestürzt! Die beiden sicher tot.

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Rund 50 000 Menschen wurden obdachlos, hausten mitunter Jahre in Trümmern oder mussten die Stadt ganz verlassen. Ihre seelischen Wunden interessierten in den Nachkriegs- und Aufbaujahren kaum. ArchivFoto: Echo

Weiter durch Bessungen zum Orangeriegarten und zu U, ihr Haus liegt in Trümmern. Anschließend zu S. Haus schwer beschädigt. Hier etwas ausgeruht. Dann zum Elisabethenstift. Neubau steht. Bei L. ist das Haus ausgebrannt und niemand mehr da von der Familie.

Auf dem Rückweg sehe ich in der Teichhausstraße und am Roßdörfer Platz Tote liegen. Später auch geröstete Tote gesehen: am Alten Palais etwa 70, bei Tillmann 14 und vor dem Hause Alter ungefähr 10. In der Heidelberger Straße dann mehrere tote Pferde.Die ganze Stadt zerstört in einer halben bis dreiviertel Stunde.

Endlich im Villenviertel Eberstadt bei Ks., freundliche Aufnahme und eine erste Unterkunft. Mittagessen, etwas Ruhe. Nach drei Uhr zu Fuß wieder in die Stadt und zur Hügelstraße. Aus unseren Kellerlöchern qualmt es. Da gibt es nichts mehr zu retten. Wir sind jetzt bettelarm, die ganze Existenz ist vernichtet.

Zurück zu Ks., wo inzwischen auch Goldo (Ehefrau d. Verfassers) eingetroffen ist. Zimmer im Dachgeschoss. Nachts sternklarer Himmel. Fliegeralarm, Nachtjäger, Scheinwerfer, Leuchtkugeln, und wieder in den Keller!


Mittwoch, 13. September.

Weil ich nur noch ein Nachthemd, eine Hose und meine Hausjacke besitze, hat mir O.K. ein Oberhemd und einen Rock gegeben. Dann im Garten gesessen und Stiefel geputzt. Für was habe ich eigentlich 266 Bände Krankenjournal geschrieben? Meine ganzen Tagebücher, meine schöne Bibliothek - alles fort!

Lebensmittelkarte vom 12. September bis einschliesslich 17. September 1944:

1390 Gramm Brot, davon 850 Gramm Roggenbrot, 150 Gramm Fleisch, 85 Gramm Butter, 40 Gramm Margarine, 100 Gramm Marmelade, 100 Gramm Zucker, 75 Gramm Nährmittel, 40 Gramm Kaffeeersatz, 30 Gramm Käse, 425 Gramm Kartoffel (pro Tag), Frischmilch.

Und doch zieht es mich immer wieder nach der Hügelstraße. Ich meine immer noch, ich könnte etwas retten. Als ich an die Ludwigshöh-Haltestelle komme, schon wieder Vollalarm. Schweres Gerumpel in der Gegend von Mannheim. Mehrere Geschwader fliegen zum Rhein hin. Am Himmel Kondensstreifen und ein Bussard. Ein goldener Septembertag. Da plötzlich wieder Bombenabwurf. Über Darmstadt dicke Rauchwolken. So kehre ich zurück zu Ks.

Mit Goldo zusammen um halb drei zu Fuß nach Darmstadt. Flüchtlingskarawanen auf der Eberstädter Landstraße. Darmstadt ein grauenvoller, schrecklicher Anblick. Ausgelöscht, tot, zur Steinwüste geworden. Es gibt keine Geschäfte mehr, Handel und Wandel haben aufgehört. Meine ganzen Praxisausstände kann ich in den Schornstein schreiben.

In der Annastraße nach Bs. gesehen, Haus eingestürzt. Ob sie noch leben? Walter B. soll gesichtet worden sein. Auch hier überall verkohlte Leichen, überall Trümmer. Ob A. heraus gekommen ist?

In der Hügelstraße haben wir unsere neue Adresse an die rauchgeschwärzte Mauer geschrieben. Im Keller immer noch Qualm und große Hitze. Über unserem Garten liegt eine dicke, graue, todkündende Staubschicht. Die Blätter des Eichbaums sind alle abgesengt, die Ulme steht noch und unter ihr die Gartenstühle. Ich sehe abgebrannte Sträucher, ein paar gebratene Äpfel an den Bäumen.

Nebenan werden gerade sieben Leichen geborgen. Die Nachbarn waren statt auf die Straße in den Garten gelaufen und dort zwischen den brennenden Mauern von der Hitze erstickt und geröstet worden.


Donnerstag, 14.9. 44.

Regen trommelt aufs Dach. Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an. Wer kennt sie nicht, die kummervollen Nächte? Wenn wir so daliegen in der Nacht, da überkommt es einem mit furchtbarer Gewalt. Wenn unsere Eltern uns so liegen sehen könnten!

Der Morgen graut, ein neuer Tag bricht an. Wer's nicht selbst erlebt, kann es nicht erfassen. Angriffe auf Frankfurt und Mainz, weil sich dort wegen der Zerstörung Darmstadts große Truppenmengen angestaut haben sollen. Wie mag es E. gehen? Um 9 Uhr nach Eberstadt. An der Haltestelle Tochter L. gesehen. Sie sucht ihre Mutter.

Zur Bürgermeisterei, von da zur Schule. Hier erhalte ich den roten Totalgeschädigten-Ausweis und 100 Reichsmark als Vorschuss! Dann zum Ernährungsamt wegen Lebensmittelkarten und eine Spinnstoffkarte beantragt. In der Apotheke Zahn- und Rasiermittel, Salben, Tropfen, Verbandszeug erstanden. Überall teilnehmende Händedrücke, überall die gleiche Not, das gleiche, tiefe Unglück. Überall die Frage, wo ist der, wo ist jener? Tot, verbrannt, geröstet? Die vielen, vielen Toten! Hier hat es acht, dort sechs Tote gegeben, da ist einer vermisst, dort sind noch welche verschüttet. Erst nachträglich wird man sich bewusst, in welch furchtbarer Lebensgefahr man geschwebt hat. Sodom und Gomorrha.

Zunehmende Panikstimmung wegen der näher kommenden Front. Der Gasdruck ist so gering, dass die Kartoffel mit der herrlichsten Zwiebelsauce erst abends um 9 Uhr auf den Tisch kommen können.

Und im Bett kommen einem dann wieder die Gedanken und das Heimweh. Das ganze Leben zieht an einem vorüber.


Freitag, 15.9.44.

> Ein neuer Morgen, neue Sorgen! Neue Tränen, arm wie eine Kirchenmaus, vom Winde verweht, die Freunde in alle Winde zerstreut. Und doch sind wir reich, denn wir haben uns noch, sind gesund und nicht geröstet, um nun in einer Pappschachtel beerdigt zu werden. Darmstadt ist sicher die am schwersten zerstörte Stadt. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen.

Jetzt habe ich Zwangsurlaub, sitze am Fuße der Ludwigshöhe im Schwabtempel. Warum schreibe ich das alles auf? Weil ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr bis zum 12.9.44 alles, was ich erlebte, in Tagebüchern festgehalten habe. Und das ist nun alles vernichtet! Alle Briefe, alle Familienerinnerungen, alles! Was ist es hier im Wald, wo die Brombeeren in der Sonne reifen, so friedlich schön. Und in Darmstadt sprach man von acht- bis zehntausend Toten. Im Keller sollen noch 27 Menschen verschüttet sein. A., M., H.? Tot? Die Menschen sind bereits abgestumpft, sie sprechen vom Tod ihrer Angehörigen wie über Zigarrenmarken. Eine Tragödie grausigsten Ausmaßes!


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11. September 1944: Die Darmstädter Brandnacht

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