Als Astronaut auf der Raumstation ISS und der russischen MIR hatte Thomas Reiter (51) ab und an Zeit, ins All zu blicken und sich „von der Schöpfung begeistern“ zu lassen. Als neuer ESA-Direktor für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb beim Esoc in Darmstadt hat er seit Mitte April nicht nur die Wissenschaft im Blick, sondern ist auch für Wirtschaft und Politik zuständig. Die neuen Aufgaben sind für den Jetpiloten und Luft- und Raumfahrttechniker ein „Sprung ins kalte Wasser“ und etwas gewöhnungsbedürftig.
Seine Begeisterung für die Raumfahrt begann im Alter von elf Jahren, erzählt Reiter bei der Vorstellung seines Teams gestern in Darmstadt. Damals hatte er die Mondlandung der Amerikaner am Fernseher miterlebt. Dass Menschen auf anderen Himmelskörpern stehen können, fasziniert ihn bis heute. „Ich glaube, Neugierde und Forscherdrang stecken tief im Menschen drin.“ Bereits während der Ausbildung zum Astronauten lerne man schnell, dass eine Mission im Weltall nicht mit einem Spaziergang im Park vergleichbar sei. „Dort oben ist nicht der Raum für Fehler.“
Reiter war 1995 für 179 Tage als Bordingenieur auf der MIR, 2006 verbrachte er 166 Tage als Flugingenieur auf der ISS. Auch Außenbordeinsätze gehörten zu seiner Arbeit. Die Risiken vergleicht er mit denen von Bergsteigern. „Die wissen auch, was sie tun.“ Mit Tollkühnheit und Draufgängertum habe das Astronautendasein auf jeden Fall nichts zu tun. Als Manager kann Reiter auf diese Eigenschaften vermutlich auch verzichten. Auf Visionen nicht.
„Ich bin überzeugt, dass kein Weg an der bemannten Raumfahrt vorbeiführt“, sagt er im Gespräch mit dem ECHO. Eine bemannte Mission zum Mond hänge von politischen Entscheidungen und den nötigen Geldmitteln ab. Die europäische Raumfahrtagentur ESA hat mit ihren 19 Mitgliedsstaaten ein Jahresbudget von 3,5 Milliarden Euro – das Budget der USA beträgt 20 Milliarden Dollar im Jahr. „Wir brauchen politische Unterstützung“, sagt Reiter mit Blick auf diesen Vergleich. Doch er ist zuversichtlich. „Wir schaffen es im nächsten Jahrzehnt, Menschen zum Mond zu bringen.“ Gründe für eine Mondfahrt gebe es genug: „Für Wissenschaftler ist der Mond ein Geschichtsbuch über die Entwicklung der Erde“. Und bevor man Menschen zum Mars schicke – was nach Reiters Meinung durchaus in den nächsten 50 Jahren geschehen könnte – sollte man die Technik auf einer kürzeren Distanz erprobt haben.
Reiter ist der erste Direktor der europäischen Raumfahrtagentur ESA, der zuvor als Astronaut im Einsatz war. Ihn freut, dass ihn seine berufliche Laufbahn nach Stationen in Texas, Moskau oder beim Deutschen Zentrum für Luftfahrt (DLR) in Köln – dort gehörte er dem Vorstand an – wieder in die Nähe seiner Geburtsstadt Frankfurt verschlagen hat. Der Vater von zwei Söhnen weiß heimatliche Gefilde zu schätzen.
Vom Darmstädter Standort aus kontrollieren die Techniker und Ingenieure derzeit 17 Satelliten, unter anderem auch zur Wetterbeobachtung. Weitere Schwerpunkte sind planetare Missionen und der Betrieb und die Weiterentwicklung von Bodenstationen. Das soll alles noch ausgebaut werden. Mehr Mitarbeiter werden zunächst aber nicht in Darmstadt beschäftigt werden, sagt Reiter. Derzeit sei erstmal eine Restrukturierung im Gang, nachdem die Abteilungen Missionsbetrieb und Bemannte Raumfahrt zusammengelegt wurden. Der räumliche Ausbau des Kontrollzentrums soll allerdings wie geplant verlaufen. Das Esoc hat vor, in den nächsten Jahren 60 Millionen Euro in die Modernisierung investieren.
Für seine Arbeit stehen Reiter in den nächsten vier Jahren sechs Manager zur Seite. Und so gerne er selbst zum Mond fliegen möchte – der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern. Im DLR in Köln haben sechs Astronauten im vergangenen Jahr ihre Grundausbildung abgeschlossen. Reiter: „Ich hoffe, dass sie sich einmal nicht nur auf der ISS, sondern auch außerhalb der Erdumlaufbahn bewegen werden.“
Neuer ESA-Direktor bereit für Flug zum Mond
Wissenschaft: Für den Ex-Astronauten ist der neue Job ein „Sprung ins kalte Wasser“
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

Merken
|











