Bill Sherwoods Kittel ist nicht mehr weiß, sondern schwarz. Der kanadische Astronom backt einen Kometen. „Ein Komet besteht aus Eis, Staub und komplexer Chemie“, sagt er. „Man weiß aber noch nicht, wie er entsteht.“ Sherwood schüttet ein dunkles Pulver in eine Tüte und die gesamte Bühne wird unmittelbar in weißen Rauch gehüllt – wie bei einem Popkonzert.
Doch findet am Mittwoch im Raumflugkontrollzentrum der Europäischen Weltraumbehörde (ESA) kein Konzert, sondern eine Veranstaltung mit Wissenschaftlern und Journalisten aus der ganzen Welt statt, bei der die Ergebnisse aus 25 Jahren Kometenforschung vorgestellt werden. Zu Beginn begrüßt Thomas Reiter, Direktor der ESA und ehemaliger Astronaut, die Gäste. „Wir wollen die Frage nach unserer Herkunft beantworten.“
Was weiß die Menschheit eigentlich über Kometen, diese durch das Weltall sausenden Klumpen, diese Lichtschweife am Sternenhimmel? Dank der ESA-Raumsonde „Giotto“ eine ganze Menge. Sie passierte vor 25 Jahren als erstes Raumfahrzeug einen Kometen und fotografierte dessen Oberfläche. Durch diese Einblicke hat sich die Vorstellung von Forschern grundlegend geändert.
Für die Astronomen sind sie die Bausteine der Erde, Relikte aus der Frühzeit des Sonnensystems. Jene Kometen, die bei der Entstehung des Universums ungenutzt blieben, schwirren in den unendlichen Weiten des Alls umher. Anders als Sterne und Planeten haben sich Kometen in all den Jahren nicht verändert. „Kometenforschung ist die Suche nach dem Ursprung allen Lebens“, sagt Anny-Chantal Levasseur-Regourd, die bei der Pierre und Marie Curie Universität in Paris arbeitet und forscht.
Im März 2004 wurde die Sonde „Giotto“ abgelöst von dem sogenannten Kometenjäger „Rosetta“, der vom Darmstädter Raumfahrtkontrollzentrum Esoc aus gesteuert wird. Diese Sonde soll als erste der Weltgeschichte auf einem Kometen landen und Teile seiner Substanz entnehmen. Sie soll das Geheimnis lüften, wie unser etwa viereinhalb Milliarden Jahre altes Sonnensystem entstanden ist. Sind die für die Entstehung von Leben notwendigen chemischen Elemente womöglich durch Kometen auf die Erde gelangt? Diese Frage gilt es zu klären.
Das Raumfahrzeug der ESA wird ausschließlich mit Sonnenenergie betrieben und ist die von der Erde am weitesten entfernte Sonde aller Zeiten. Mittwoch vergangener Woche wurde sie in einen Winterschlaf versetzt, da die Sonneneinstrahlung für den Betrieb zu gering war. In gut zweieinhalb Jahren, am 20. Januar 2014, wird sie wieder aufwachen, um auf einem Kometen zu landen und seinen Aufbau zu erforschen.
Was genau die Forscher dort finden werden, wissen sie nicht. Aber sie wissen, was sie finden wollen: „Leben“, sagt Rita Schulz, Astrophysikerin und Leiterin der eine Milliarde Euro teuren Rosetta-Mission . „Damit Leben auf einem Planeten entstehen kann, braucht man unter anderem Proteine, Zucker, Aminosäuren und Wasser“, erklärt sie. „Wir hoffen, dass wir diese chemischen Elemente auf dem Kometen entdecken.“
Das wäre dann der endgültige Beweis dafür, dass Kometen maßgeblich an der Entstehung des Universums beteiligt gewesen sind. Sie wären nicht mehr bloß schöne Lichtstreifen am Himmel, sondern der Ursprung unseres Daseins, die Bausteine des Lebens.
Bill Sherwoods Komet ist inzwischen fertig gebacken; Sherwoods Kittel ist dreckiger denn je. Er hebt einen schwarzen, glitzernden Klumpen aus der Tüte; ein Raunen geht durch das Publikum. „Es braucht viel Mut, um die Rosetta-Mission durchzuführen“, sagt er. Die Mission sei ungemein schwierig und ihr Erfolg ungewiss. „Es ist, als würde man auf einer Feder landen.“
Wie die Landung auf einer Feder
Weltraumforschung: ESA plant, im Jahre 2014 mit der Raumsonde „Rosetta“ einen Kometen zu erforschen – „Wir wollen die Frage nach unserer Herkunft beantworten“
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