Artisten, Kunsthistoriker, Vereine und Musiker machten aus dem Musenhügel einen Erlebnispark. Kaum richtig am Olbrichweg angekommen, stakst auch schon ein merkwürdiges Hochzeitspaar auf Stelzen vorüber. Kinder und Erwachsene blicken verblüfft, Fotoapparate werden vors Auge gehalten.
Gegenüber dem Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt gibt’s am Stand der Freunde der Mathildenhöhe neben köstlichem Streuselkuchen auch Musik der Swing Hunters. Viele bleiben vor den Fahnen stehen, um sich über die Jugendstilhäuser im früheren sowie heutigen Zustand zu informieren. Leute kommen miteinander ins Gespräch: „Der Balkon und auch der Dachgarten vom Haus Habich sind heute weg“ und „Beim Oberhessischen Haus gab’s früher ein Eingangshäuschen, ein Vestibül.“ Zudem waren die ursprünglichen Giebel geschwungen. Mit „jedem Bissen und Schluck“, so der Vereinsvorsitzende Hans Knöll, unterstütze man die Mathildenhöhe. Das Geld fließe in die Sanierung der Hoetger-Skulpturen oder Fliesen des Olbrich-Hauses.
Menschen strömen von überall herbei. Am Ende mehr der beiden Tage werden es zehntausend gewesen sein. „Bei uns sind heute viele drin“, meint eine Aufseherin im Museum Künstlerkolonie, wo am Abend noch der Olbrich-Flügel mit „Musik der Jahrhundertwende“ erklingen wird. An Rabatten mit blühenden Stiefmütterchen und Rosen schreiten gemächlich Gudrun Windisch und Horst Steiper in historischen Kostümen vorbei. Mit elegantem Hut, langem Rock samt Schößchen und Silberbrosche gibt die Dame Auskunft: „Wir sind von der Modegruppe des Bad Nauheimer Jugendstilvereins.“
Die Amsel auf der Pergola pfeift sich eins, während die Besucher des Freiluftcafés die Atmosphäre genießen oder Auswärtige sich am Kopf kratzen: „Die Russische Kapelle ist doch dort?“ wundert sich ein Herr über den Plan in seinen Händen. „Sooo geschmackvoll zusammengestellt“, schwärmt eine Frau im Platanenhain ihrer Freundin vor, meint damit die Mobiles aus Keramik, Holz und Perlmutt.
Hier, beim Kunsthandwerkermarkt sind auch die Mitglieder des Fördervereins Hochzeitsturm aktiv, die Sekt und Darmstädter Taschen verkaufen. Die Wiese um das Albin-Müller-Becken ist von Kindern bevölkert, die mit Gänseblümchen oder Steinen spielen.
Dann sagt Moderator Tilman Döring den „lebenden Brunnen“ an und rund um den Schwanentempel hängen zahlreiche Helfer die 200 orangefarbenen Papierlampions in die Bäume. Pünktlich zur Dämmerung setzt Donner ein. Das Illuminationsfest mit insgesamt 1000 Kerzenlichtern erhält von einem Stock höher Unterstützung: Wetterleuchten und Blitze zucken am Himmel. Dann setzt Regen ein.
Mit geistreichem Sprechgesang, begleitet von dahinplätschernder Gitarrenmusik, unterhalten Alex Dreppec und Tilman Döring das Publikum. Riskante Feuerspiele steuert das Stelzenpaar Magda und Robin von Art Artistica dazu. Regentropfen glänzen im Scheinwerferlicht und die Menschen suchen Schutz unter Bäumen und Schirmen. In jedwedem Winkel entdeckt man Pärchen oder Gruppen. Sie stehen unter Rankengewächsen, an Brunnen, Skulpturen oder Steinbänken oder essen Pommes im Wasserreservoir.
Tropfnass klatschen die Leute auf der Treppe zu den Ausstellungshallen dem Herrn zu, der mit seinem illuminiertem Schirm für Furore sorgt. Denn er macht der „Nacht in Orange“ alle Ehre. Bürgermeister Rafael Reißer versucht zu retten, was zu retten ist, verkündet, dass man Orange mit Energie, Wärme und Freude assoziiere. Letztere steht Jürgen Schwarzmeier trotz des Regens ins Gesicht geschrieben. Der Dresdner ist zum ersten Mal in Darmstadt und vollends begeistert: „Alles hier ist authentisch.“ Mit einer Gruppe der Restauratoren im Raumausstatterhandwerk hat er „heute Führungen ohne Ende“ gemacht. „Von den Bauwerken und dem Geist, hervorgerufen durch das große Herz des Großherzogs, wie er es ausdrückt, profitierten wir noch nach über 100 Jahren.“ „Schön verregnet“, meint jemand auf dem Nachhauseweg – „trotzdem schön“, ruft’s zurück.
Zur Illumination ein Wetterleuchten
„Alles hier ist authentisch“




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