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20. Januar 2011  | Von Klaus Honold

Ziegel wie bei den Hackeschen Höfen

Ostbahnhof: Die Sanierung des Empfangsgebäudes schreitet voran - Was aus dem Vorplatz wird, ist weiter unklar

 
Arbeit für den Zimmermann: Behutsam wird das Gebälk des oberen Stockwerks erneuert – ab dem Frühsommer sollen hier Outdoorkleidung und Fahrradzubehör präsentiert werden. Foto: Claus Völker
| Vergrößern | Arbeit für den Zimmermann: Behutsam wird das Gebälk des oberen Stockwerks erneuert – ab dem Frühsommer sollen hier Outdoorkleidung und Fahrradzubehör präsentiert werden. Foto: Claus Völker
Es sind wuchtige Schläge, mit denen ein Arbeiter das Mauerwerk auf der Nordseite entfernt. Die Backsteine stürzen ins Innere des Gebäudes, und schon saust der Hammer wieder auf die Wand. Seit einigen Monaten schon vollziehen sich Umbau und Sanierung des Ostbahnhofs - eines Darmstädter Kulturdenkmals, um dessen Erhalt man trotz seines Ranges ernsthaft fürchten musste. Die Bahn nutzte das Empfangsgebäude schon lang nicht mehr; schutzlos war der schöne Bau dem Verfall preisgegeben.

Bis sich der Darmstädter Investor Murat Karakaya und sein Kompagnon Holger Loew zum Kauf entschlossen. Unter der Leitung der Ober-Ramstädter Architekten Erik North und Lutz Backhaus - vormals Mitarbeiter des Darmstädter Büros Hoech stetter - ist der Bahnhof inzwischen komplett entkernt worden. Nur noch das Fachwerk und die Eingangsmauer stehen und tragen das Dach.

Von der ursprünglichen Ausfachung ließ sich nicht mehr viel verwenden. North und Backhaus lassen nun bei der Bauke ramikfirma Golem im märkischen Jacobsdorf Ziegel in der originalen Lehmmischung neu brennen. Golems Renommee ist groß; zu den Referenzen zählen die Restaurierung des Lübecker Holstentors, des Schweriner Schlosses, der Hackeschen Höfe. Was den Ostbahnhof angeht, so muss die hier typische beige-orange Tonfarbe getroffen werden.

Von der Lieferung der Ziegel hängt es ab, wann der Ostbahnhof fertig wird. Die Architekten hoffen: Frühjahr. „Zu Beginn der Fahrradsaison“, sagt Karakaya. Sein Mieter ist ein Kaufmann aus der Region, der den gesamten Bahnhof als Fahrradgeschäft nutzen will. Wo sich zuletzt die Schalterhalle befand, werden künftig die Kunden empfangen. Die ehemaligen Diensträume verwandeln sich in die Reparaturwerkstatt. Vom Eingang aus rechts erstreckt sich der Verkaufsraum für die Velos, der auch den einstigen Güterschuppen - später Gastwirtschaft - einbezieht.

Während das Empfangsgebäude äußerlich fast ganz in den Zustand seiner Einweihung zurückversetzt wird, entschied man sich beim südlichen Anbau im Einvernehmen mit dem Denkmalschutz für eine moderne Variation: eine gläserne Fassade auf der West- und der Hälfte der Südseite. Quasi als Signal, das schon von weitem die Nutzung des Gebäudes sichtbar werden lässt.

In diesem Trakt wird künftig eine fein profilierte Treppe das Obergeschoss erschließen. Sie führt in einen zweiten Verkaufsraum, in dem Outdoor-Bekleidung angeboten wird. Seinen besonderen Charme erhält dieser Raum über die gesamte Länge hinweg durch das freiliegende Gebälk.

An ihre Grenzen stößt die Rekonstruktion beim Mittelrisalit der Westfassade, dem Bahnhofseingang also. Er ist von der Bahn irgendwann - vermutlich in den fünfziger Jahren - vergrößert und ein Stück vorgezogen worden, wobei das Fachwerk durch eine massive Mauer ersetzt wurde. Dies lässt sich nicht mehr rückgängig machen. North und Backhaus werden allerdings im ersten Stock die Verbretterung aus dekorativ geschnitzten Langschindeln über den Vorbau hinwegziehen.

Die neuen Fenster werden die ursprüngliche Teilung erhalten, die Türen dagegen in ästhetisch angemessener Form dem neuen Zweck dienen. Wobei türhohe Fenster auf der Bahnsteigseite daran erinnern sollen, dass dies einst der Gang zu den Zügen war - übrigens nicht von Anfang an, wie der Grundriss von 1869 zeigt: Damals mussten die Passagiere durch einen langen Seitengang gehen und sich an der Sperre mit der Fahrkarte ausweisen.
Zufrieden: Die beiden Investoren Holger Loew und Murat Karakaya mit den  Architekten Erik North und Lutz Backhaus (von links) vor der Westfassade des Ostbahnhofs. Foto: Claus Völker
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Zufrieden: Die beiden Investoren Holger Loew und Murat Karakaya mit den Architekten Erik North und Lutz Backhaus (von links) vor der Westfassade des Ostbahnhofs. Foto: Claus Völker

Karakaya und Loew haben unterdessen der Stadt angeboten, auf eigene Kosten auch den Bahnhofsvorplatz würdig herrichten zu lassen. Ohne Erfolg. Die Stadt wird das Gelände zwar von der Bahn kaufen, doch ist unklar, wie der Platz nach dem Abschied von der Nordostumgehung gestaltet und diese Gestaltung finanziert werden kann. Der Bebauungsplan N 59 definiert den Platz lediglich als „Verkehrsfläche“.

Vermutlich also werden die Darmstädter - Fahrradkäufer eingeschlossen - hier noch viele Jahre durch Schlaglöcher waten und dabei über die gruselige Vergangenheit des großen Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg nachzusinnen, der neben dem Bahnhof das Areal dominiert.


 
 


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