Eine halbe Stunde nach dem offiziellen Veranstaltungsbeginn um 21 Uhr ist die Ludwigshöhstraße am Bessunger Platz von zahlreichen Kleingruppen verstopft. Es ist bereits dunkel, an der Bar im Innern der „Linie 3“ hat sich eine Schlange gebildet. „Die Linie ist mein Stammcafé“, erklärt eine Enddreißigerin mit blondem Kurzhaarschnitt. Sie sitzt auf einem der wenigen Sitzplätze rundrum an der Wand und beobachtet das Geschehen. Das Publikum sei hier in ihrem Alter, und sie treffe sich regelmäßig Freunden und Bekannten.
Heute wolle sie sich einen ersten Eindruck verschaffen, bevor es weitergehe. Währenddessen spielen sich die „Myth Busters“ warm, feilen an den Einstellungen ihres Verstärkers. Die ausgewählten Songs aus akustischem Folk Rock vermitteln eine Stimmung, als sei man auf dem Truck über endlose US-amerikanische Highways durch Wüstengegenden unterwegs.
Vor allem junge Leute haben einen Treffpunkt vor dem Café verabredet, bevor das Angebot des Abends gemeinsam im Viertel erkundet wird. Auf der Suche nach bekannten Gesichtern wird durch die Scheiben von draußen hineingeguckt. Die Männer trinken das erste Bier, die Damen schon mal ein farbenfrohes Mixgetränk. Mit Becher oder Flasche in der Hand wird dann losgezogen auf der Suche nach der persönlichen Lieblingsmusik oder -lokalität.
Die Bessunger Straße führt die Besucher bergab zum Jagdhofkeller. Beim Abstieg in das schummrig beleuchtete Gewölbe schlägt einem hohe Luftfeuchtigkeit gemischt mit Kelleraroma entgegen: „Es ist ganz toll hier“, verspricht ein anderer Gast seinem Begleiter. Wer auf der Treppe erhöht stehen bleibt, hat den besten Blick über die zahllose Köpfe hinweg auf die Bühne. Das Publikum ist hier im Durchschnitt älter, trotzdem haben sich auch Junge druntergemischt.
Tausende kommen zum „Bessunger Frühlingserwachen“
Frühlingserwachen – Zwar lockt die Musik in den Kneipen, aber mehr noch das Flanieren durch Bessungen
Wider Erwarten ist die Sängerin des „King-Baumgart-Lenz-Trio“ keine Afroamerikanerin, sondern eine blonde Weiße. Ihre beeindruckende Stimme wird unterstützt von zwei Herren an Gitarre und Mundharmonika. Alle drei Bandmitglieder agieren souverän und haben sichtlich Spaß beim Musizieren, was sich auf die Zuhörer überträgt. Die Stimmung ist entspannt, es wird rhythmisch im Takt geklatscht, geplaudert oder einfach die Atmosphäre genossen.
Ein Besucher, der den Anschluss an seine Gruppe nicht verpassen will, zeigt sich vom allgemeinen Andrang beeindruckt: „Die Straßenbahn kam kaum durch“, berichtet der Siebzigjährige knapp.
Vor dem „Pictor Domus“ auf dem Weg die Ludwigshöhstraße hinauf ist die Straße stehen sie tatsächlich bis hinauf an die Knabenschule. Mit dem Rücken zum Fenster geben in der Kneipe die „Heartbreakers“ Oldies zum Besten. Drei ergraute, schlanke Herren rocken gut gelaunt an Gitarre und Bass, ein Vierter sitzt im Hintergrund am Schlagzeug. „Nights In White Satin“ folgt auf „Born To Be Wild“. Die Titel aus vergangenen Zeiten wecken Erinnerungen, regen aber auch zum Tanzen an. Zwei Brünette Anfang dreißig hopsen ausgelassen vor der Bühne herum, andere wippen aus Platzgründen vor allem mit dem Kopf oder in den Knien.
In der Knabenschule passiert, wovon zuvor schon ein sommersprossiger Blonde Anfang dreißig erzählt hatte: Mit Stadtplan und Veranstaltungskalender ausgerüstet war er unterwegs, um einen möglichst guten Überblick zu haben. Doch egal, wo er ankam – immer machten die Musiker gerade eine Pause.
In der Halle der Knabenschule wird eigentlich zu Latin Rock von „Los Gatos & Mama Limòn“ Samba getanzt – viele Paare nutzen nun die Unterbrechung, um noch einmal Figuren und Schritte zu üben. Auch Unkundige sollen auf ihre Kosten gekommen sein, sagt eine hübsche Dunkelhaarige mit spanischem Namen. „Die Stimmung ist super, die Leute tanzen Samba oder einfach frei.“
Mit dem Fahrrad geht’s weiter an den Rand des Geschehens, zum Café „Godot“ am Freiberger Platz. Unter freiem Himmel mutmaßt in der Menge ein junges Paar aus dem Johannesviertel, dass sich viele Leute wegen des guten Wetters nicht unmittelbar bei den Musikern aufhalten würden: Die Leute kämen wegen des geselligen Beisammenseins.
Tatsächlich kann man sich auch um kurz vor ein Uhr in der Nacht noch im T-Shirt draußen aufhalten, ohne zu frieren. Klimatisch würde dazu der Italo Pop in „Pino's Café“ genau passen. Zwei italienische Brüder in den Dreißigern haben die gute Stimmung dort leidenschaftlich weiterempfohlen.




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