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Südbahnhof: Als Erstes wird das Dach repariert

Mieter im denkmalgeschützten Empfangsgebäude als Schutz vor Vandalismus?

Der englische Konzern, dem der Darmstädter Südbahnhof gehört, erarbeitet zurzeit ein Konzept, um die vermietbaren Räume des Gebäudes an den Mann zu bringen. Das ist nicht ganz so einfach. Denn der Bahnhof bleibt weiter in Betrieb, die Empfangshalle für jedermann jederzeit zugänglich - der anschließende Querbahnsteig und die Treppen hinab zum Perron hat die Bahn ohnehin behalten.
Verfallende Schönheit: Inzwischen stützen Holzmasten den Balkon des Südbahnhofs. Das Empfangsgebäude wurde an eine Londoner Firma verkauft. Foto: Claus Völker


Rund siebzig Züge halten täglich im Darmstädter Südbahnhof. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht zählen - zu verschmiert und verkratzt ist der Schaukasten, in dem der Fahrplan hängt. Die Züge fahren nach Frankfurt und Heidelberg. Wer dorthin will, muss allerdings ohne Billett reisen. Der Automat wirft nur Fahrscheine nach Zielen des Rhein-Main-Verkehrsverbunds aus. Statt Heidelberg also Heidenrod, Heidesheim, Heigenbrücken.

Darmstadt-Süd ist mittlerweile auf der untersten Stufe dessen angekommen, was deutschen Bahnhöfen nach der 1994 vollzogenen Bahnreform widerfahren konnte. Noch ein Schritt tiefer - das wäre das Aus, die Stilllegung. Im Südbahnhof kann man immerhin noch ein- und aussteigen.

Doch dazu braucht es Mut, eine gewisse Raubeinigkeit, vielleicht auch einen Beruf wie den des Location Scouts, der abwegige Drehorte für besonders düstere Filmszenen sucht. Wer das menschenleere Haus am Danziger Platz betritt, sieht als erstes die trotz Vorhängeschloss aufgebrochene Toilettentür.

Eine Abortschüssel existiert nicht mehr, allein der Dunst in dem Kabinett lässt keine Frage über seinen Zweck offen. Die Empfangshalle bestürzt in ihrer feierlichen Trostlosigkeit. Die Schalter sind seit langem vernagelt, die schönen grün-blauen Majolikafliesen über und über mit Graffiti besprüht.

Trostlos: Schalterhalle des Südbahnhofs Foto: Claus Völker

Kurioserweise ist eine Hausordnung ausgehängt, die Besprühen und Bemalen verbietet. Auch ,,Beschmutzen und Beschädigen, Bekleben sowie der Missbrauch von Ausstattungsgegenständen, Flächen, Decken und Wänden ist nicht gestattet". Hier wird ein gewisser Widerspruch zwischen dem Gebotenen und dem tatsächlichen Verhalten deutlich.

Bis 2006 hatte übrigens noch die Modellbaugruppe des Bahnsozialwerks im Zwischengeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes ihren Hobbyraum. Alte Herren bastelten an einer Bahnwelt im kleinen, in der Züge pünktlich fahren, Bahnhöfe sauber sind und niemand vom Börsengang redet. Die Rentner - die, so gut sie konnten, auf Ordnung achteten - wurden hinausgedrängt, als die Bahn das Gebäude verkaufte.

Seitdem verfällt es nur noch schneller. Um so verdutzter waren Passanten, als sie jetzt Holzstützen an der Hauptfassade entdeckten. Sechs Pfeiler helfen neuerdings mit, das Gebälk des großen Ostbalkons zu tragen. Zugleich wurde dessen Boden von unten verbrettert.

Was tut sich da? Der neue Eigentümer, die Main Asset Management GmbH in Dreieich, verweist auf die Bahn. Deren Sprecher Bernd Honerkamp erklärt den Gerüstbau mit ,,Schutz- und Sicherungsmaßnahmen". Als Zeichen einer bevorstehenden Sanierung seien sie allerdings nicht zu verstehen. Obwohl eine Sanierung wünschenswert sei. Man habe darüber mit dem Eigentümer gesprochen.

Die in London ansässige, 1999 gegründete Investmentgruppe Patron Capital Ltd. (Princess Street, Ecke Hanover Square) hatte 2007 und 2008 in drei Tranchen 1004 Empfangsgebäude von der Deutschen Bahn AG erworben. Kurz drauf wurde die Dreieicher Firma als hundertprozentige Tochter des englischen Unternehmens gegründet, ,,um dafür zu sorgen, dass sich das investierte Kapital rentiert", wie Geschäftsführer Siegfried Fernitz erklärt.

Seit dem 1. Januar 2009 sei man ,,im Tagesgeschäft". Der Südbahnhof ist der einzige in Darmstadt, der den Engländern gehört, aber keineswegs der einzige in der Region. Patron Capital erwarb im Paket auch die Bahnhöfe von Messel, Weiterstadt, Bickenbach, Zwingenberg, Bensheim-Auerbach, Gernsheim, Biebesheim und Biblis. Damit der Kauf sich rentiert, muss die Nutzung mehr Geld einbringen als kosten. Ganz einfach.

Fernitz spricht deshalb von einem Konzept, das gerade erarbeitet werde, um die vermietbaren Räume des Gebäudes an den Mann zu bringen. Das ist nicht ganz so einfach. Denn der Bahnhof bleibt weiter in Betrieb, die Empfangshalle für jedermann jederzeit zugänglich - der anschließende Querbahnsteig und die Treppen hinab zum Perron hat die Bahn ohnehin behalten.

Neu genutzt werden können Räume im ersten Obergeschoss und unter dem schmuckvollen Walmdach. ,,Das muss durchgreifend repariert werden, bevor wir anfangen, das Objekt in die Hand zu nehmen", kündigt Fernitz an. Denkbar sei die Vermietung sowohl zum Wohnen als auch für Gewerbe. ,,Noch ist nichts entschieden."

Wer das 1912 von dem Mainzer Bahnarchitekten Friedrich Mettegang entworfene, Klassizismus und Heimatstil elegant verwebende Gebäude genauer betrachtet, merkt bald, dass noch mehr Sanierungsaufgaben warten. Feuchte Wände, herabstürzender Putz, marode Fenster, von Wärmedämmung ganz zu schweigen. Und was ist mit dem Vandalismus?

Da hält Fernitz eine tröstliche Auskunft bereit. ,,Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich in einem Haus, das rund um die Uhr bewohnt und genutzt wird, keine lichtscheuen Gestalten mehr rumtreiben. Das mit den Graffiti hört dann ganz von alleine auf."


 

Artikel Text Laenge: 4750

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  • 16. Februar 2010
  • Von Klaus Honold
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