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,,Schiebelhuth darf nicht verschwinden"

Künstlergräber: Langgässer-Gesellschaft bedauert Verlust an wertvollen Grabstätten - Problemlösung: Bürgerengagement

Karlheinz Müller, Vorsitzender der Elisabeth Langgässer-Gesellschaft in Darmstadt, traute seinen Augen nicht. ,,Ich kann das Grab von Pepy Würth auf dem Waldfriedhof ...
Karlheinz Müller am Grab der Familie Schiebelhuth auf dem Waldfriedhof. Hans Schiebelhuth, geboren in Darmstadt 1895, arbeitete mit Carlo Mierendorff und Theodor Haubach am expressionistischen Periodikum „Das Tribunal“ mit. Müller setzt sich für den Erhalt der Grabstätte ein. Foto: Roman Grösser


Karlheinz Müller, Vorsitzender der Elisabeth Langgässer-Gesellschaft in Darmstadt, traute seinen Augen nicht. ,,Ich kann das Grab von Pepy Würth auf dem Waldfriedhof nicht mehr besuchen. Es ist weg. Vor zwei Jahren war es noch da." Müller führt für seine Gesellschaft seit den neunziger Jahren jährlich einmal zu Dichtergräbern in Darmstadt, im Wechsel über den Wald- und den Alten Friedhof.

Als er jüngst bei einer Führung am Grabe von Hans Schiebelhuth das kleine Schildchen entdeckte ,,Angehörige bitte melden, da Grab zum Einzug vorgesehen ist", da schwante ihm sofort Übles: ,,Das darf nicht sein. Hans Schiebelhuth verschwinden zu lassen, das ist unmöglich." Zuvor war bereits vom Alten Friedhof das Grab des gerade für Darmstadt wichtigen Dichters und Malers Karl Thylmann (1888-1916) entfernt worden.

Alle drei Namen lassen nachhaltig aufhorchen. Pepy Würth (1900-1948), Dichter und Verleger, war 1915 Mitbegründer der legendären Darmstädter ,,Dachstube", aus der später die expressionistische Zeitschrift ,,Das Tribunal" hervorging, an der zum Beispiel Carlo Mierendorff, Theodor Haubach und Kasimir Edschmid mitwirkten. Als Müller bei der Friedhofsverwaltung nachfragte, wie die Auflassung seines Grabes geschehen konnte, hörte er: ,,Seine Zeit war abgelaufen." Hans Schiebelhuth (1895-1944), dem posthum 1947 der Georg-Büchner-Preis zuerkannt wurde, ist bis heute geschätzter Vertreter der expressionistischen und neodadaistischen deutschen Dichtkunst.

Achtung, hier wird es ernst: Diese Botschaft ist zumindest ein halbes Jahr vor Aufgabe des Grabes sichtbar. Foto: Roman Grösser

Wie kann in Zukunft solch ein ,,Verlust der Sepulkralkultur" verhindert werden, fragt Müller. Zudem handele es sich doch um Köpfe, die für die Darmstädter Kultur- und Kunstszene bis heute Ikonencharakter hätten. ,,Man kann ja einen Ehrenhain aufbauen, aber grundsätzlich bin ich immer für die Erhaltung der Originalgräber. So was wie bei Würth und Thylmann, das hätte nicht passieren dürfen! Aber das Friedhofsamt - woher sollen die das wissen?"

Damit kommt man zum Kern des Problems: dem Wissen um schützenswerte Grabanlagen. ,,Der einfachste Weg wäre doch, eine Liste wichtiger, zu erhaltender Gräber anzufertigen, die einfach nicht verschwinden dürfen", fordert Müller. Das sieht im Grundsatz auch Doris Fath, Leiterin des Grünflächenamtes, so: ,,Aber das muss politisch entschieden werden." Kulturpolitisch, wäre hinzuzufügen.

Die Praxis der Friedhofsverwaltungen steht einem würdigenden Umgang mit alten Künstlergräbern bis heute entgegen. Fath: ,,Wenn niemand reagiert, wenn weit und breit niemand da ist, der sich ums betreffende Grab kümmert, dann geben wir es auf. Wir haben keine Chance, es zu erhalten. Und das ist keine Platzfrage. Den haben wir auf den Friedhöfen genug."

Der Grabstein für die Dichterin Paula Ludwig (1900-1974) liegt neben aufgelassenen Gräbern in einem wilden Grün aus Gras und Kraut, kaum sichtbar, kaum auffindbar für kulturtouristisch Interessierte. Fath verweist hier auf die angespannte Lage in ihrem Amt: Es fehlten die Gärtner. Die im April des Jahres eingesetzte ,,Überprüfungskommission" zu den städtischen Ehrengräbern (rund 70 an der Zahl) diskutiere die Situation der normalen Künstlergräber jedenfalls nicht.

Jedes Thema ist bestimmt vom Geldmangel, der Umgang mit Künstlergräbern macht keine Ausnahme. Oberhalb des gesetzlichen Rahmens der ,,Verkehrssicherungspflicht", also der Beachtung der Sicherheit rund ums Grab, gehe, so Fath, nichts mehr. ,,Wenn Investitionsbedarf die Grabpflege belastet, dann wird's schwer." Dann würden Gräber auch abgebaut, obwohl Denkmalschutz und Kulturamt in den Prozess involviert seien. Fath: ,,Die Haushaltslage lässt nichts anderes zu."

Fath sieht den Ausweg nur im Bürgerengagement. ,,Wenn jemand bei der Friedhofsverwaltung anruft und sagt, er möchte sich um ein Grab künftig kümmern, dann wird das ganz unbürokratisch akzeptiert." So gesehen muss Hans Schiebelhuth also keinesfalls ,,verschwinden".


 

Artikel Text Laenge: 3865

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  • 11. Juni 2010
  • Von Paul-Hermann Gruner
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