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16. Juli 2010  | Von Daniel Baczyk

Mit einem Henkel und vier PS

Verkehr: Per Segway durch Darmstadt: Jux auf zwei Rädern oder oder neues Rezept für Mobilität in der City?

 
| Vergrößern | Was rollt denn da? Mit seinem Segway erregt Stefan Franke nicht nur auf dem Marktplatz Aufmerksamkeit. Die Reaktionen sind meistens freundlich bis belustigt, Kinder fragen: Und wieso fällt der nicht um? Die Antwort steckt im Hightech-Innenleben des Elektrorollers. Fotos: Claus Völker


Sanft summen die Radnaben motoren, leise rollen die Gummireifen über dem Pflaster ab. Es ist tropisch heiß, trotzdem herrscht auf dem Luisenplatz der zur Mittagszeit übliche Trubel. Zwischen Lagernden und Fußgängern, Radfahrern, Straßenbahnen und Gelenkbussen bahnen sich drei ungewöhnliche Gefährte ihren Weg: je zwei Seitenräder, dazwischen eine kleine Plattform mit Henkelstange. Es sind Segway-Elektroroller, ein vor wenigen Jahren in den USA erfundenes Fortbewegungsmittel - auf Deutschlands Straßen und Plätzen kein völlig neuer, aber auch noch kein gewohnter Anblick.

Segway Personal Transporter - so der vollständige Name - sind teuer: je nach Ausstattung 8000 bis 10 000 Euro. Für den Preis könnte man sich auch einen Kleinwagen anschaffen. Ein bisschen viel für ein Freizeitgefährt. Aber man kann sie leihen, oder nach kurzer Eingewöhnungszeit an geführten Segway-Touren teilnehmen.

Das Angebot ist in Darmstadt noch nicht so bekannt. Taugt so ein Elektroroller überhaupt für Fahrten durch und um die 140 000-Einwohner-Stadt zwischen Ried und Odenwald? Das wollen wir auf einer längeren Testfahrt ausprobieren.

Das Luisenplatz-Gewimmel meistern die Segways jedenfalls lässig. Fahren im Schritttempo, abrupte Bremsungen und schnelle Ausweichmanöver, notfalls auf der Stelle drehen - alles kein Problem selbst für Fahranfänger, die hier auch die verbesserte Übersicht auf der leicht erhöhten Plattform schätzen lernen.
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Slalom im Platanenhain: Auf Wunsch geht es auch sportlich um die Kurve.

Unauffällig kann man sich auf dem Segway allerdings nicht durch die City bewegen. Die Leute gucken. Nahezu reglos dahingleitende Erwachsene mit Lenker vordem Bauch sieht man schließlich auch in der Wissenschaftsstadt nicht alle Tage. Viele Passanten lächeln, manche heben den Daumen, Jugendliche rufen: ,,Cool!" Wer würde nicht gern an lächelnden Gesichtern vorbeirollen?

,,Für uns gelten im Stadtverkehr dieselben Regeln wie für Fahrräder", erklärt Stefan Franke. ,,Wir können Radwege, Waldwege und Feldwege benutzen, auch durch die Fußgängerzone fahren, wo es für Radfahrer erlaubt ist. Aber der Segway muss sich immer hinten anstellen: Fußgänger und Radler haben Vorrang."

Franke betreibt seit Anfang Juni einen Segway-Verleih mit Tourenangebot in der Rheinstraße 28. Der gelernte Elektrogerätemechaniker hatte eine Brandschutzfirma in Frankfurt mit 40 Mitarbeitern geleitet, als er plötzlich dem persönlichen Zusammenbruch nahe war: Burnout-Syndrom.

Nach einer Erholungs- und Therapiephase ,,wollte ich wieder irgendwas machen", erzählt der Dreiundvierzigjährige. Franke plante die Eröffnung einer Elek trokartbahn in Darmstadt, fand aber keine geeignete Halle. Dann ergab sich die Chance auf Übernahme einer jungen, noch nicht etablierten Segway-Vermietung in der Rheinstraße.

Franke, der schon mit den Rollern gefahren war, griff zu. In einem Hinterhof betreibt seine ,,Erlkönig-Darmstadt GmbH" eine kleine Halle. Der Vorplatz ist groß genug für erste Übungsrunden von Segway-Anfängern.
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Im Straßenverkehr – hier auf der Landgraf-Georg-Straße – ist man mit dem Segway auf Radwegen am besten aufgehoben.

Szenenwechsel: das Oberfeld. Über den Getreideäckern flimmert die Hitze. Eine Gruppe Grundschüler aus Birkenau im Odenwald macht gerade einen Ausflug. Die Kinder umringen sofort die Segways, die über einen Schotterweg in einer kleinen Staubwolke heranrollen. Segway-Fahrer wirken in ihrer entspannten Stehhaltung harmlos und absolut unaggressiv. Auch die simpel aussehenden Gefährte haben nichts technisch-abschreckendes an sich. ,,Aber wieso", fragt der siebenjährige Nico den auf dem gestoppten Roller stehenden Stefan Franke, ,,fällt das Ding eigentlich nicht um?"

Eine klügere Frage ist selten gestellt worden. Die 45 Kilogramm schweren Henkelroller müssten selbstverständlich umfallen - wenn sie tatsächlich so simpel aufgebaut wären wie es scheint. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Hightech-Geräte mit fünf eingebauten Kreiselinstrumenten, sogenannten Gyro skopen, die hundertmal pro Sekunde die Position des Segways samt Fahrer ermitteln und Schräglagen durch elektronisch gesteuerte Radbewegungen ausgleichen: das Prinzip der dynamischen Stabilisierung.

Darum muss sich der Fahrer gar nicht kümmern. So kann er auch ohne Hand am Lenker auf seinem Gefährt an Ort und Stelle stehen.

Die Fortbewegung wird durch Verlagerung des Körpergewichts gesteuert. Man lehnt sich nach vorn: Der Segway rollt vorwärts. Man lehnt sich zurück: Der Segway bremst ab, bis zu Stillstand und Rückwärtsfahrt. Lenkstange nach links oder rechts: Der Segway lenkt entsprechend ein.

Alles geht ganz gefühlsmäßig, ist daher schnell gelernt. Der sichere Umgang mit der Höchst geschwindigkeit - immerhin 20 Stundenkilometer - verlangt allerdings schon ein Mindestmaß an Übung.
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Ende der Ausbaustrecke: Auch abseits asphaltierter Straßen, etwa hier auf dem Oberfeld, ist man auf dem Segway gut unterwegs. Auf Feldwegen sollten die Knie allerdings mitfedern.

Zweimal zwei PS aus den beiden Servomotoren schieben den Roller ohne erkennbare Mühe über die Rosenhöhe oder auf die Mathildenhöhe. 30 Grad Maximalsteigfähigkeit sollten auch für den Frankenstein ausreichen.

Mittelschwere Feldwege meistert der Segway mit seinen großen Rädern ebenfalls sportlich. Das Abfedern von Schlaglöchern, Steinen und Querrinnen mit den Knien kann man beispielsweise auf dem östlichen Mercksplatz üben.

,,Die beiden Lithium-Ionen-Akkus reichen je nach Geschwindigkeit für 20 bis 40 Kilometer Strecke", sagt Franke. ,,Bei langsamer Fahrt durch die Fußgängerzone, beim Flugblatt-Verteilen, war ich auch schon acht Stunden lang ohne Aufladen unterwegs. Die leeren Akkus brauchen sechs Stunden Ladezeit. Auf 100 Kilometer verbraucht der Segway nur für 50 Cent Strom."

Fazit: Der dynamisch stabilisierte Elektroroller ist ein attraktives und absolut Darmstadt-taugliches Fortbewegungsmittel, dessen Betrieb leicht zu erlernen ist und viel Spaß bereitet. Auch das Wohlwollen der Nicht-Segway-mobilen Umgebung scheint gesichert. Irgendeine Art sportlicher Betätigung ist mit dem fast reglosen Rollen allerdings nicht verbunden.

Auch auf Leihbasis ist das Vergnügen kein Billigangebot - eher ein Event mit Erinnerungswert für besondere Gelegenheiten. Und fast ohne Altersschranken: Stefan Frankes betagteste Segway-Novizin war 88 Jahre alt.


 
 


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