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„Ich lass mir das Feiern nicht verbieten!“

Feiertagsgesetz: Eigentlich muss die Diskokugel über Ostern stillstehen, aber vielerorts dreht sie sich doch

Gegen das Gesetz zum Tanzverbot an Feiertagen machen Clubbetreiber, Veranstalter und Diskogänger mobil. Ein Offenbacher hat eine Petition ins Leben gerufen, die regen Anklang findet – auch in Darmstadt.
DARMSTADT.


Das Partyvolk in Rhein-Main ist in Aufruhr, weil Mitbürger das Ordnungsamt in Frankfurt darauf gebracht haben, dass an Ostern doch das Hessische Feiertagsgesetz einzuhalten sei und ergo Clubs und Diskotheken geschlossen bleiben müssten. Ordnungsämter warnten daraufhin, es könnte zu Kontrollen oder sogar Verboten kommen. Eine bezeichnende Reaktion im allgemeinen Durcheinander kommt per Mitteilung vom „Tanzhaus West“ aus Frankfurt. Für Ostersonntag und -montag wird auf Einschränkungen durch das Hessische Sonn- und Feiertagsgesetz hingewiesen und darauf, dass für Gründonnerstag sowie Karfreitag angesetze Parties verschoben werden. Das Ordnungsamt drohe bei Zuwiderhandlung mit drakonischen Strafen bis hin zur Schließung der Clubs. „Mehr Techno geht gar nicht“ heißt es hingegen zum klubeigenen Tanz in den Mai, obwohl dadurch die Regeln für einen zwar nicht religiösen, aber ebenso geschützten gesetzlichen Feiertag verletzt werden könnten. Clubbetreiber, Veranstalter und Diskogänger machen seit einer Woche mobil gegen das Gesetz, das bereits aus dem Jahr 1952 stammt.
In der Tat verbietet das Hessische Feiertagsgesetz von Karfreitag bis Ostersonntag öffentliche Tanzveranstaltungen durchgängig sowie am Gründonnerstag und Ostermontag zwischen 4 Uhr morgens und 12 Uhr mittags. Entsprechende Regelungen gelten auch für den Neujahrstag, den 1. Mai, der dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, Christi Himmelfahrt (2. Juni), Fronleichnam (23. Juni), den Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) und die Weihnachtsfeiertage. Viele Clubbetreiber und Ordnungshüter in Hessen hat das bisher nicht groß gestört. Doch durch den Vorfall in Frankfurt ist das pulsierende Rhein-Main-Gebiet alarmiert.

Mehr dazu:

Wer die entsprechenden Passagen des Hessischen Feiertagsgesetzes im Original lesen will, kann das hier tun. Die Petition von Marcus Bender findet sich hier.


Nicht zuletzt hat der Offenbacher DJ und Veranstalter Marcus Bender zu mehr öffentlicher Wahrnehmung des Problems „Tanzverbot an Ostern“ beigetragen. Er startete vergangenen Donnerstag (14.) bei www.openpetition.de eine Petition zur „Aufhebung des Tanzverbots an Feiertagen in Hessen“. Schon bis zum Mittag des nächsten Tages hatten mehr als 2000 Menschendie Petition gezeichnet.
Bei den Unterzeichnern sind natürlich die Frankfurter und Offenbacher am stärksten vertreten, direkt dahinter an dritter Stelle kommen die Darmstädter. Auch über das Netzwerk Facebook verbreitete sich Benders Anliegen schnell; innerhalb weniger Tage posteten über 4300 Menschen den Link auf ihren Profilen oder schickten ihn weiter.
Und wie sieht es mit der Partypanik in Darmstadt aus? Werden sich auch hier die Diskokugeln vorzeitig ausdrehen müssen oder kommen sie gar nicht erst in Schwung?

 


Die Stadtverwaltung hat offenbar nicht vor, die Einhaltung des Gesetzes zu überwachen. „Das Ordnungsamt plant aus Kapazitätsgründen keine Kontrollgänge“, heißt es auf Nachfrage von dort. In einigen Fällen sei bei Veranstaltern, die während der Feiertage Programm anbieten, nachgefragt worden, woraufhin dann versichert worden sei, dass es zwar Musik gebe, aber nicht getanzt werde. „Einige Diskotheken werden Stühle auf die Tanzfläche stellen.“ Reagiert werde nur auf Bürgerbeschwerden über Unregelmäßigkeiten oder Ruhestörungen. Die sind jedoch in einem eigenen Gesetz geregelt, das Feiertagsgesetz wird offenbar nicht weiter nachverfolgt. „Es ist ja auch nicht neu“, das stimmt.
Wer sich anschaut, was der Musikpark A 5 an der gleichnamigen Autobahn vorhat, erkennt, warum es Bedenkenträger gibt, denen es nicht unbedingt nur um Lärm, sondern den Respekt vor der christlichen Orientierung geht: Der „Uschi Muschi Eiersauerei Tour“ am Karfreitag folgt im A 5 tags drauf die „Geile Eier Feier mit Annina“, die mindestens tolle Überraschungen und – wie der Administrator im Gästebuch verrät – um 1 Uhr auftreten und Autogrammkarten verteilen wird. Am Ostersonntag sollen „sexy Hasen den Abend versüßen“ und der „Bunny Check am Eingang“ stellt offenbar sicher, wer das richtige Outfit und die passende Feierlaune zum gebotenen Ambiente mitbringt.
In der Centralstation wurde mit- und nun umgedacht – aber nicht in letzter Konsequenz: Die „Bedroomdisco“ war auf der eigenen Webseite für Freitag, 23.59 Uhr angesetzt, daneben der Hinweis zu lesen, dass die Location erst um Mitternacht öffnet. Auf Anfrage wurde später mitgeteilt, dass die Veranstaltung nun auf den 2. September verlegt wird. Man habe so auf die anhaltende Diskussion zum Tanzverbot an Ostern in Hessen reagieren wollen, die auch intern intensiv geführt worden sei. Gründonnerstag und Karfreitag frei zu halten, sei „eine gängige Praxis“, sagt Geschäftsführer Michael Bode-Böckenhauer. Dem „christlichen Bedürfnis nach Ruhe und Besinnlichkeit“ solle so noch stärker nachgegangen werden. Ostersonntag bleibt jedoch das geplante Programm bestehen.
Jeweils drei Angebote allein für Freitag und Samstag sind dem Programm der „Goldenen Krone“ zu entnehmen, darunter eine „Megakaraokeparty“. Im Bessunger „Jagdhofkeller“ wird es laut Veranstalterhinweis „unsere geniale Karfreitags Jazz- und Blues-Session mit bekannten Darmstädter und überregionalen Musikern“ geben. Es scheint, als ob die gesetzliche Partybremse die meisten Organisatoren noch nicht so richtig umtreiben würde. Für das „603qm“ ist zu erfahren, dass es zwar Unverständnis für die geplant verschärfte Regelung gebe, das Programm sich aber in erster Linie deshalb auf Samstag beschränke, weil das Konkurrenzangebot zu stark sei – was ja in diesem Jahr aufgrund der aktuellen Lage höchst fraglich ist.

 


Beim Schlosskeller stand das Thema Tanzverbot bei der Team-Sitzung am Montagabend auf der Tagesordnung. „Wir wissen noch nicht, wie wir damit umgehen sollen“, ließ man erstmal vorsichtig verlauten. Letztendlich sieht das Team aber keinen Handlungsbedarf und wird wie immer bis Mitternacht einfach die Musik leider machen, in der Hoffnung, dass dann nicht vor 24 Uhr getanzt wird. Dass theoretisch am Freitag und Sonntag nicht getanzt werden dürfte, stört das Team nicht.
Hätte die Veranstaltung am Sonntag abgesagt werden müssen, wäre Stefan Kräh als Vorstandsmitglied des Darmstädter Vereins „vielbunt“ und damit Mit-Veranstalter der schwullesbischen Party „Schrill und Laut“ direkt betroffen gewesen.
Auf die Situation angesprochen, reagierte der Student und Performancekünstler, der in der Region als „Rosa Opossum“ auftritt, zunächst geschockt. „Bei Absage wäre ich mit dem guten, alten Kassettenrekorder dennoch in den Schlosshof gegangen und hätte mit allen anderen Verbliebenen eine Nachttanzdemo durch Darmstadt veranstaltet!“
Das Gesetz hält Kräh für überholt. „Ich lasse mir das Feiern nicht verbieten, bloß weil vor 2000 Jahren mal jemand ans Kreuz genagelt wurde. Und wenn da jemand nach Respekt fragt: Alle Christen, denen das etwas wert ist, sollen halt zum Traurigsein am Karfreitag einfach zu Hause bleiben. Ich werde mich auf jeden Fall im Fummel nach Frankfurt begeben und da in irgendeinen Club gehen, der trotzdem aufmacht.“
Den will Kräh dann unterstützen. „Das ist ja alles nur so gekommen, weil ein paar sogenannte aufmerksame Mitbürger das den Ordnungsämtern gesteckt haben. Für mich sind das reaktionäre Stubenhocker, die anderen auch keinen Spaß gönnen.“ Die Ordnungsämter verschickten ihre Ankündigungen außerdem zu knapp, beklagt Kräh: „Da sind doch schon längst Künstler gebucht und Veranstaltungen geplant. Man ist ja als Veranstalter auch vertragsgebunden. Entweder man zahlt also ein Bußgeld oder für geplatzte Verträge – das ist gehüpft wie gesprungen.“

 


In den stärker katholisch geprägten Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern ist das Problem mit der gestoppten Diskokugel altbekannt. Hier hat man dem Tanzverbot an Feiertagen schon länger den Kampf angesagt. Die größte Facebook-Gruppe zum Thema mit 17.630 Unterstützern ist eine bayerische, gegründet 2009. In Bayern war das Tanzverbot 2008 sogar noch verschärft worden. Seitdem sind an Karfreitag jegliche Veranstaltungen mit „musikalischen Darbietungen in Räumen mit Schankbetrieb“ verboten. In Baden-Württemberg gab es bereits 2004 eine Petition gegen das dortige Tanzverbot, das aber vom damaligen CDU-geführten Landtag mit dem „verfassungsrechtlich gebotenen Schutz von Sonn- und Feiertagen“ abgelehnt wurde.
Es gibt sogar einen Song namens „Tanzverbot“ zu dem Thema: von „Fettes Brot“ und Bela B. („Die Ärzte“). Dieser trägt aber den Zusatz „Schill to Hell“ und richtete sich 2003 in eher politischer „Agitprop-meets-Hip-Hop“-Haltung gegen den damaligen Hamburger Innensenator Ronald Schill und dessen restriktive Politik. Vielleicht wird er ja aber doch in der hessischen Angelegenheit wieder aktuell. Und schon eine Woche nach Ostern stellt sich die Frage, wo und wie lange Verliebte und Feierfreudige in den Mai tanzen dürfen.

 

Artikel Text Laenge: 9279

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  • 19. April 2011
  • Von Kerstin Fritzsche und Marius Blume
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