Über Netzwerke von Freunden und Bekannten und über das Internet organisieren viele Hunderte Menschen am Freitagabend ein beeindruckendes Diner en blanc. Bis kurz vor Beginn gegen 20 Uhr wusste noch niemand, auf welchem prominenten Platz der Stadt das Massenabendmahl zelebriert werden wird.
Doch dann kommen sie aus allen Ecken: Wie von Geisterhand ist der weitläufige Platz vor dem Staatstheater plötzlich voll besetzt mit weiß Gekleideten. Große und Kleine stellen ihre mitgebrachten Tische und Stühle zu langen Tafeln zusammen, um sie sodann prunkvoll mit Leinendecken, Porzellanservicen, Silberbestecken, Stoffservietten, Pfingstrosen, Kerzenleuchtern und anderen schönen Accessoires zu schmücken.
Viele tatkräftige Hände tragen im Nu dazu bei, dass am Ende jeder ein leckeres, mehrgängiges Menü vor sich hat. Susanne Sorg wundert sich inmitten des magisch wirkenden Büchnerplatzes vor einem fein gedeckten Riesentisch, der nun wirklich keinen Herzenswunsch offen lässt. Die Achtundvierzigjährige hat sich kurzerhand ihren Freunden Ina Rothmann, Herbert Falenti und York Hotz angeschlossen, die alles liebevoll vorbereitet haben: von der selbstgestalteten Jugendstilmenükarte über Papiervögelchen bis hin zu köstlichem Lachsfrischkäsecrepes, heißen Hähnchen mit Rosmarinkartoffeln und einer appetitanregenden Raffaellotorte.
Doch, wo ist bloß Anja? „Sie hat den Lachs vergessen, ist noch mal nach Langen gefahren.“ Beim Anblick all’ der üppig gedeckten weißen Tische gehen einem die Augen über: Hier locken Tintenfischsalate und gegrillte Paprikas, dort luftige Tortillas, Spargel-Quiches und Früchtespieße. Darmstadt ist Schlaraffenland. Auch die Ananas-Mandarinetörtchen sind nicht von schlechten Eltern, und Susanne Sorg sagt: „Dass die Leute das so im Profistil aufziehen, es ist wie ein Traum.“ Daraufhin meint Ina Rothmann: „Und das steigert sich Jahr für Jahr.“
Denn es ist mittlerweile die vierte Auflage dieses spontanen Zusammentreffens in der Heinerstadt. Plötzlich halten alle inne: Messer lassen Gläser zart klingen. Im Kollektiv prostet man sich zu, wünscht einander vollmundig „einen schönen Abend“. Den Schlemmermäulern steht die Freude und ihr Wohlergehen ins Gesicht geschrieben. Weiß behütet oder mit Spitzen beschirmt nippen sämtliche Damen und Herren an prickelndem Sekt oder Champagner. Kinder laufen umher, lieben die Atmosphäre.
Hunderte Menschen in Weiß zelebrieren ein „Diner en blanc“
Diner en blanc – Ein Hochgenuss für alle Sinne
Denn das ideale Sommerwetter, die traumhaft beleuchtete Theaterkulisse sowie der stets wechselnde Abendhimmel tragen jeweils ihr Scherflein zu diesem Hochgenuss für alle Sinne bei. Dazu kreischen auch noch Schwälbchen in der Luft. „Wenn man von der Stadt hierher kommt“, sagt Chris Kondriniewicz, „dann wirkt das wie eine Oase in der Wüste.“ Dieser riesige weiße Menschenfleck offenbare sich wie ein Licht. Auch Gudrun Engel ist überwältigt. Eigentlich war die Frankfurterin nach Darmstadt gekommen, um im Theater „Eisenstein“ zu sehen.
„Aber ich hab’ einen Hustenanfall gekriegt und bin raus.“ Mit einem Sektglas in der Hand sagt sie: „Hier ist es viel spannender, alles live und spontan, ich geh’ nicht mehr rein.“ Anfangs dachte sie erst, dass „hier ein paar Krankenschwestern eine Party veranstalten“. Dann seien aber „aus allen Ecken“ immer mehr weiß gekleidete Menschen und mit weißen Utensilien gekommen. „Das alles entwickelte sich dann zu diesem Phänomen.“ Dass sie ebenfalls komplett in Elfenbein gekleidet ist, damit trefflich zu diesem Diner passt, sei „purer Zufall, purer Zufall“. Ina und Anna Melk haben viele Blumenkränzchen und Armbändchen aus weißem Schleierkraut gebunden, die sie nun mit Mama Petra und etlichen Freundinnen als Freundschaftszeichen tragen. Seit etwa drei Wochen freuen sie sich auf diesen Juni-Termin, sind nun überglücklich.
Nur Papa Gregor „wollte nicht mit“, die Runde orakelt, dass es ihm wohl „zu viele Frauen waren“. Zur Theaterpause treten Hunderte Besucher auf die Terrasse, die spontan mit Rufen auf das opulente Picknick der weißen Masse reagieren. Die Dinierenden klatschen und lachen ihrem Publikum zu, das wiederum zurückdankt: eine Gänsehaut erzeugende Begegnung. „Wunderbar, wenn so viele Menschen ihre Freude kundtun.“




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