In der Eile hatte man das ECHO vergessen. Jemand musste lossprinten und an der Aral-Tankstelle die Tageszeitung kaufen. Denn die gehört nun mal in die Rolle, die bei einer Grundsteinlegung versenkt wird. Immerhin lautete gestern die Schlagzeile: „Gauck ist Bundespräsident.“ „Und Schalke gewinnt 4:1“, las Bauvereinsdirektor Hans-Jürgen Braun vor. „Aber interessiert das in 40 Jahren überhaupt noch jemanden?“
Nun, das Gebäude, das in der Rüdesheimer Straße 98 errichtet wird, steht hoffentlich länger. Immerhin hat der Bauherr bei der Planung der Fundamente besonderes Augenmerk auf die Erdbebensicherheit gelegt, wie Projektleiter Klaus-Peter Schorr mitteilte. Und der Bedarf, auf den es zielt, wird Darmstadt noch lange drücken.
Das betonte neben Braun auch Sozialdezernentin Barbara Akdeniz. Darmstadts Einwohnerzahl und damit die Nachfrage nach Wohnraum wachsen viel schneller als der Bestand an Wohnungen. Zudem geht die Schere zwischen dem, was gebaut wird, und dem, was tatsächlich benötigt wird, immer weiter auseinander. Benötigt wird vor allem bezahlbarer Wohnraum. Gebaut werden vor allem Wohnungen des hochpreisigen Luxussegments.
Akdeniz sagte, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen, sei „ein großer Kraftakt“. Zur Gänze gelingen könne er ohnehin nicht. Rund 2200 Haushalte sind beim Darmstädter Wohnungsamt als wohnungssuchend gemeldet. Die Behörde schafft es immerhin, jedes Jahr fünfhundert Wohnungen zu vermitteln. Und ab 2014 will die Stadt jährlich hundert neue Sozialwohnungen errichten.
Das Projekt in der Rüdesheimer Straße ist der Einstieg in dieses ehrgeizige Programm. Hier entstehen 19 Sozialwohnungen verschiedener Größe, die zum 1. Januar nächsten Jahres bezugsfertig sein sollen. 2,9 Millionen Euro kostet deren Bau; 670 000 Euro stammen aus Eigenmitteln des Bauvereins, 760 000 Euro steuert die Stadt bei, und das Land gibt als Land 1,5 Millionen als Förderdarlehen. Der städtische Zuschuss erlaube es, so rechnete Braun vor, die Marktmiete auf eine Schwelle von 5,80 Euro pro Quadratmeter zu senken. Günstig wirken sich auch niedrige Nebenkosten aus – das Haus bekommt eine Pelletheizung und wird mit einem Energiebedarf von weniger als 25 Kilowatt pro Quadratmeter auskommen.
Entworfen hat den Wohnblock das Darmstädter Büro Vogels-Architekten. Der neue Trakt orientiert sich in Höhe (fünf Geschosse) und Kubatur an der umliegenden Bebauung, einer U-förmigen Wohnanlage aus den fünfziger Jahren. Deren zur Straße offener Hof wird nun zu einem intimen grünen Platz, von der Straße abgeschirmt durch den Neubau. Er ersetzt ein flaches Gewerbegebäude, das zuvor abgerissen wurde.In die Wohnungen werden auch Mieter einziehen, die eigentlich in der Postsiedlung zuhause sind, deren Haus im kommenden Jahr aber komplett saniert und aufgestockt wird. Dadurch entstehen an der Binger Straße weitere 38 Wohnungen, ebenfalls durch den Bauverein. Das Unternehmen hat sich vorgenommen, dreißig Prozent der Postsiedlung auch in Zukunft für weniger wohlhabende Mieter zu reservieren.
Polier Michael Greis von der Baufirma Eberle half Braun und Akdeniz dann bei der Grundsteinlegung. Und Braun wünschte den künftigen Mietern Frieden und ein glückliches Leben.
Grundsteinlegung: Bauverein errichtet 19 Sozialwohnungen
Hoher Bedarf

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